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Dieser Artikel: Ausgabe 41/2015 vom 11.10.2015
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Zwischen Lehre und Leben

Bei der Familiensynode in Rom geht es um eine Grundsatzentscheidung

Kommentar von Tilmann Kleinjung

Zeitzeugen fühlen sich an das Zweite Vatikanische Konzil erinnert. Auch vor 50 Jahren standen sich Reformer und Bewahrer scheinbar unversöhnlich gegenüber. Auch damals wurde über Lehrinhalte abgestimmt. Und viele empfanden dies als Abstimmung über die Zukunft der Kirche. Jetzt ist es wieder so weit: Die katholische Kirche tagt seit Sonntag drei Wochen lang zu Fragen von Ehe und Familie.

Sie muss entscheiden, ob sie den gewaltigen Spagat zwischen Theorie und Praxis, zwischen Lehre und Lebenswirklichkeit noch länger aushalten kann.

Wie sehr die Kirche unter Spannung steht, zeigt der Wirbel, den das Outing eines homosexuellen Geistlichen am ersten Wochenende verursacht hat. Mit dem öffentlich gemachten Bruch des Zölibats stellt er gleich mehrere Prinzipien der Kirche demonstrativ infrage: dass katholische Priester ehelos und keusch leben müssen und dass homosexuelle Partnerschaften nicht den Segen der Kirche bekommen.

Das ist zu viel auf einmal für eine Organisation, die gerade dabei ist, ihr Familienbild zu reformieren. Deshalb wird das Thema »homosexuelle Partnerschaften« bei dieser Synode nur am Rande eine Rolle spielen.

Es gibt auch so genug Sprengstoff. Vor allem die Frage, wie man mit Katholiken umgeht, die zum zweiten Mal heiraten.

Nach katholischer Lehre sind sie von den Sakramenten ausgeschlossen. Denn »was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen«. Die Zulassung von wieder verheirateten Geschiedenen zur Kommunion »verrate« das Evangelium und sei eine »Rebellion gegen Gott«, behauptet gar ein Kardinal.

Doch der Wunsch nach einer Öffnung für Geschiedene kommt aus der Mitte der Kirche. Es sind nicht die Gelegenheitskatholiken oder Taufscheinchristen, die an dieser Regelung verzweifeln. Es sind die, die sich nichts sehnlicher wünschen als Kommunion, Gemeinschaft.

Auch theologisch gibt es gute Gründe, die bisherige Regelung infrage zu stellen.

Ein Priester darf im Bußsakrament einen reuigen Mörder von seiner Sünde lossprechen. Der Katholik, die Katholikin, die zum zweiten Mal heiraten, dürfen nicht einmal beichten.

Papst Franziskus will das ändern, daran hat er kaum Zweifel gelassen - ohne den Anspruch der lebenslangen Ehe aufzugeben. Die Kirche müsse ein »Feldlazarett« sein mit offenen Türen, um jeden aufzunehmen, der anklopft und um Hilfe bittet, sagt er. Und: Die Kirche müsse auch die Verletzten und Gescheiterten zu den »Quellen des Heils« führen - das sind die Sakramente.

Die Frage, ob Katholiken zum zweiten Mal heiraten können, steht für einen Grundsatzkonflikt in Kirche und Theologie. Was ist wichtiger: die katholische Lehre oder die katholische Wirklichkeit?

Der Papst hat sich dazu schon in seinem ersten Lehrschreiben »Evangelii Gaudium« eindeutig geäußert: »Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee.«

 

Tilmann Kleinjung

 

  Tilmann Kleinjung ist ARD-Korrespondent in Rom. Was denken Sie? Schreiben Sie an  sonntagsblatt@epv.de

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abgerufen 29.09.2016 - 03:31 Uhr

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