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Sonntagsblatt 41/ vom

ZEITZEICHEN


So richtig zum Mensch geworden ist der Mensch erst, nachdem er das Feuer gebändigt hatte.

Plötzlich musste er nicht mehr mit abgenutzten Zähnen zähes rohes Fleisch zerkleinern oder unfassbare Mengen von Rohkost und Waldbeeren verschlingen. Endlich konnte er kochen, braten, dämpfen, grillen, schmoren, flambieren … und die Kunst des Kochens verfeinern.

Kaiser versammelten die besten Köche an ihren Höfen. Reisende machten Gewürze, Zutaten und Gerichte aus anderen Gegenden bekannt. Essen wurde vielseitiger, ausgewogener und von besserer Qualität - zumindest für die, die es sich leisten konnten.

Doch die zunehmende Ökonomisierung der Gesellschaft verschont auch das Essen nicht: Es muss günstig produziert werden, lange haltbar und einfach zu essen sein. Instant-, Tiefkühl- und andere Fertigkost besetzt die Regale konventioneller Supermärkte. Fast Food bestimmt einen wesentlichen Teil aktueller Esskultur.

Seit einigen Jahren nun etabliert sich in Deutschland ein Geschäftsmodell, das die Vorteile der häuslichen Kochtradition mit den knappen Zeit des modernen Menschen versöhnen will: Kochbox heißt der Trend.

Alle Zutaten für ein Gericht kommen samt Rezept portioniert an die Haustür. Wer allein lebt, wird diese Vorteile zu schätzen wissen. Und wer nicht gern einkauft, erst recht.

Endlich muss man nicht mehr überlegen, was mit den Gemüseresten im Kühlschrank geschehen soll. Es ist kein Problem, wenn die Waage nicht zu finden ist. Die Nachbarn müssen nicht belästigt werden, weil das Öl alle ist.

Das Modell Kochbox steht für einen Grundkonflikt des modernen Menschen: Im gleichen Maß wie der Alltag sich weiter digitalisiert, wächst die Sehnsucht nach dem Selbermachen.

Handarbeit ist angesagt - aber nur solange sie nicht zu viel Zeit verschlingt.

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