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Dieser Artikel: Ausgabe 41/2015 vom 11.10.2015
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Der Schweiger

Personen der Bibel (41): Noah - ein Mann voller Sehnsucht mit Hang zur Sucht


Noah? Klar, da geht's um die Arche und um die Sintflut. Um einen zornigen Gott und um die wenigen Lebewesen, die überleben dürfen. Die gesamte Menschheit stammt demnach von Noah ab. Die Geschichte von Noah lässt sich aber auch ganz anders lesen: Als nahezu archetypische Schilderung eines schweigenden einsamen Mannes.

Noah und seine Söhne, Speculum Humanae Salvationis, Westfalen um 1360.
Foto: PD
   Noah und seine Söhne, Speculum Humanae Salvationis, Westfalen um 1360.

        

Als frommen, untadeligen Mann stellt die Bibel ihn vor: »Er wandelte mit Gott.« Sein Vater Lamech sprach bei der Geburt Noahs: »Der wird uns trösten in unserer Mühe und Arbeit auf dem Acker, den der Herr verflucht hat.« Im stolzen Alter von 500 Jahren zeugte Noah drei Söhne: Sem, Ham und Safet ( 1. Mose 5, 28-32). Der Name seiner Frau wird nicht erwähnt.

Die eigentliche Geschichte Noahs beginnt mit einer Einsicht Gottes: »Die Erde war verderbt und voller Frevel«, erkannte er und fasste einen schweren Entschluss: Alles Leben wollte er vernichten. Nein, nicht alles: Von jeder Tierart sollte ein Paar überleben, ebenso die Menschen in Gestalt der Familie Noahs. Der wird aufgefordert, ein Schiff - die Arche - zu bauen. Auf ihm sollen die Lebewesen die bevorstehende vernichtende Sintflut überstehen.

Eine riesige Herausforderung, die Noah mit hartnäckigem Schweigen annimmt.

Sein erstes Schweigen: Gott hatte Noah offensichtlich zu seinem engsten Vertrauten unter den Menschen erkoren. Nur ihm hatte er seinen weitreichenden Vernichtungsplan offenbart. Auffallend ist: Noah zeigt nicht die geringste Regung. Auch sagt er nichts, versucht nicht, Gott davon zu überzeugen, dass die Menschheit vielleicht doch nicht ganz so schlecht ist. Oder davon, dass es auch andere, nicht ganz so weitreichende Maßnahmen geben könnte. Sollte Noah so gefühllos sein, dass ihm der Tod der Menschheit egal ist?

Die Geschichte geht weiter. Gott gibt Noah genaue Anweisungen, die wie ein Bauplan klingen: Er soll Tannenholz verwenden, es von innen und außen mit »Pech verpichen«. Drei Stockwerke hoch soll die Arche werden, die Lage von Tür und Fenster ist genau vorgegeben.

Noahs zweites Schweigen: »Noah tat alles, was ihm der Herr gebot«, heißt es lapidar. Dabei war der Bau der Arche wahrlich keine Arbeit für den Hobbykeller: Ein riesiges Schiff sollte entstehen. Dazu musste Holz herangeschafft und verarbeitet werden.

Noah sagt wieder nichts. Als stiller Arbeiter scheint er wie der Prototyp manch eines modernen Heimwerkers. Niemanden weiht er in seine Pläne ein. Ob er wenigstens geantwortet hat, wenn seine Frau und seine Söhne ihn gefragt haben, was er da tue?

Rechtzeitig stellte Noah das Schiff fertig; »und er ging in die Arche mit seinen Söhnen, seiner Frau und den Frauen seiner Söhne vor den Wassern der Sintflut«.

Klassische Künstler und Kinderbibelillustratoren zeigen dieses Bild als romantischen Brückengang: Elefanten neben Tausendfüßlern, Löwen neben Rehen. Als alle an Bord sind, beginnt der Regen. Wasser, überall Wasser. 150 Tage lang. Die letzten Überlebenden der Erde befinden sich auf Noahs Arche. Schließlich hört es auf zu regnen, das Wasser läuft langsam ab. Die Arche läuft auf Grund und bleibt am Berg Ararat hängen. Noah wird aktiv: Er öffnet das Fenster und lässt eine Taube fliegen. Wenn sie etwas Grünes zurückbringt, so denkt er, sei das ein Zeichen dafür, dass die Wassermassen die Erde wieder freigegeben haben. So kam es dann auch - und »Noah ging heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne«.

Noahs drittes Schweigen. Künstler malen diesen Moment meist als grün-blaue Farbsymphonie: Die Erde blüht wieder, der Himmel lacht wolkenlos, alles ist gut, und irgendwo in der Ferne wölbt sich ein Regenbogen schützend über die Erde.

Wer sich an die Bilder nach dem Tsunami im Winter 2004 erinnert, bekommt eine realistischere Vorstellung von dem, was Noah und seine Familie gesehen haben könnten: katastrophale Zerstörungen, gestrandete Menschen- und Tierkadaver.

Und Noah? Schweigt. Kein Freudenschrei eines Überlebenden, der seine Schäfchen - seine Familie - ins Trockene gebracht hat. Keine große Klage über diesen willkürlichen und grausamen Gott. Stattdessen vollzieht Noah ein Ritual der Dankbarkeit. Er baut einen Altar und opfert Tiere. Gott »roch den lieblichen Geruch«, der sein Herz erwärmte und zu einem neuen Bundesschluss mit Noah und der Menschheit führte: »Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht«, versprach Gott.

Was mögen seine Söhne über den schweigsamen Vater gedacht und was gefühlt haben? In der nächsten, weithin unbekannten Szene der Noah-Geschichte bringen sie ihn auf verstörende Weise zum Reden ( 1. Mose 9, 18-27).

Ein »Ackermann« war Noah, schreibt die Bibel. Eine gute Voraussetzung, um auf der durchnässten Erde wieder etwas Essbares anbauen zu können. Noah hätte Getreide säen, Datteln ernten oder andere Früchte anbauen können. Doch was tat er? Er pflanzte einen Weinberg. Schon im neunten Kapitel der Bibel kommt Alkohol ins Spiel der Schöpfung.

Kühn überspringt die Erzählung einige Jahre und führt den einst so verantwortungsvollen und gottesfürchtigen Noah im Vollrausch vor: »Da er von dem Wein trank, ward er trunken und lag im Zelt aufgedeckt.«

Ham, der jüngste der drei Söhne, entdeckt seinen Vater in diesem Zustand. Notgedrungen sieht er auch »seines Vaters Blöße«. Die eigenen Eltern nackt zu sehen war damals hochgradig schambesetzt. Ham verlässt den Raum und erzählt seinen Brüdern davon. Die drei beratschlagen, was zu tun sei. Sem und Jafet ersinnen einen taktvollen Plan. Sie nehmen ein Stück Stoff, gehen damit rückwärts in den Raum, in dem ihr betrunkener Vater liegt, und decken seine Blöße zu - ohne hinzuschauen.

Noah schläft seinen Rausch aus. Als er erwacht, erfährt er, was geschehen ist. Ist es Scham, die ihn zu seiner barschen Reaktion treibt, ist es Jähzorn oder der Restalkohol? Als Noah erfährt, dass Ham ihn nackt gesehen hat, bricht er sein Schweigen. Seine Verbalattacke wendet sich gegen Ham und dessen Sohn Kanaan: »Verflucht sei Kanaan und sei seinen Brüdern ein Knecht aller Knechte!«, platzt es aus Noah heraus, als sei endlich das Ventil der Sprachlosigkeit geöffnet. Danach segnet er seine anderen beiden Söhne.

Welchen Sinn hat diese in Teilen verstörende Geschichte?

Religionswissenschaftler ordnen sie als »ätiologische Legende« ein. Die gesamte Menschheit geht auf die drei Söhne Noahs zurück; die Verfasser der Bibel wollten erklären, wie es zu den drei in ihrer Zeit bekannten Völkergruppen kam: die Nachkommen Hams siedelten in Afrika, die des Sem im Zweistromland und Nahen Osten, die des Jafet nördlich von Israel.

Theologen sehen in der Noahgeschichte einen wichtigen Schritt zu einem gnädigen Gottesbild: Gott habe sich in einem neuen Bund selbst verpflichtet, die Menschheit nicht mehr über Gebühr zu strafen.

Psychologen entdecken in der Geschichte eine wahre Fundgrube an Themen, die bis heute aktuell sind. Zum Beispiel den Zusammenhang von unerfüllter Sehnsucht und Sucht. Die Sehnsucht nach einem harmonischen, gottbegnadeten Leben könnte Noah in die Sucht getrieben haben.

Aus therapeutischer Sicht lohnt es auch, die Verhaltensmuster der Söhne zu betrachten, und zwar unter dem Aspekt der »Co-Abhängigkeit«. Sie besagt, dass die engsten Angehörigen eines Alkoholkranken in der Gefahr stehen, dessen Sucht unbewusst zu unterstützen. Zum Beispiel dadurch, dass sie sie geheim halten oder ihn in Schutz nehmen. So gesehen haben Sem und Jafet durch das Bedecken taktvoll Noahs Selbstbild geschützt.

Ham hingegen hat sich nicht gescheut, das Delirium anzuschauen, egal ob der alkoholkranke Noah sich dessen schämt oder nicht.

NOAH

  NAME: Noah (hebräisch »Ruhe« vielleicht »Tröster«)

  HERKUNFT: Sein Vater war Lamech, Sohn des Metuschelach (Methusalem).

  WICHTIGE BIBELSTELLEN:  1. Mose 6, 5-9, 29.

  ZITAT: »Aber Noah fand Gnade vor dem Herrn« ( 1. Mose 6, 8)

  FILMTIPP: Noah. Hollywood-Spielfilm mit Russell Crowe, USA 2014 (DVD)

THEOLOGISCHES STICHWORT

DER REGENBOGEN ist von jeher ein wichtiges Element zahlreicher Mythologien und Religionen über alle Kulturen und Kontinente hinweg. Die Mythen sprechen ihm dabei oft die Rolle einer Brücke zwischen Götter- und Menschenwelt zu. Die griechische Mythologie sah ihn als Verbindungsweg, auf dem die Göttin Iris zwischen Himmel und Erde reiste. Nach der irischen Mythologie hat der Leprechaun seinen Goldschatz am Ende des Regenbogens vergraben. In der germanischen Mythologie war er die Brücke Bifröst, die Midgard, die Welt der Menschen, und Asgard, den Sitz der Götter, miteinander verband.

In der babylonischen Schöpfungsgeschichte wird davon erzählt, dass der Schöpfergott Marduk das Leben auf der Erde ermöglichte, indem er die Urflut, die Göttin Tiamat, tötete. Dieser Kampf geschah mit einem Bogen. Um das Bestehen der Schöpfung zu gewährleisten, nahm der höchste Gott, der Himmelsgott Anu, den Bogen Marduks und setzte ihn als »Bogenstern« an den Himmel. In  1. Mose 9 ist der Regenbogen ein Zeichen des Bundes, den Gott mit Noah und den Menschen schloss. Der Regenbogen als Zeichen des Friedens zwischen Mensch und Gott nimmt damit eine altorientalische Tradition auf, nach der das Phänomen als abgesenkter, also nicht schussbereiter Bogen Gottes interpretiert wurde.

In der Offenbarung des  Johannes 10, 1 erscheint ein Engel mit einem Buch vom Himmel herab, er ist in eine Wolke gehüllt und über seinem Kopf ist ein Regenbogen. Dieses Bild basiert auf  Hesekiel 1, 28.

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Uwe Birnstein

 


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abgerufen 27.08.2016 - 18:49 Uhr

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