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Dieser Artikel: Ausgabe 42/2015 vom 18.10.2015
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Zeuge des Untergangs

Eginald Schlattner (82) feiert im siebenbürgischen Rothberg regelmäßig Gottesdienste ohne Gemeinde


Der Albtraum jedes Pfarrers ist im Leben von Eginald Schlattner selbstbestimmte Realität. Seit vielen Jahren feiert der 82-Jährige Sonntag für Sonntag Gottesdienst vor komplett leeren Bänken. Denn Schlattners Gemeinde Rothberg im rumänischen Siebenbürgen wanderte 1990 mit Mann und Maus nach Deutschland aus. Er will bleiben, bis zum Ende.

Eginald Schlattner, literarische Stimme Siebenbürgens, vor der Rothberger Kirche.
Foto: Greif
   Eginald Schlattner, literarische Stimme Siebenbürgens, vor der Rothberger Kirche.

        

Durch seine Beharrungskraft, die manche für Starrsinn halten und manche für verrückt, ist Schlattner zum Symbol einer untergegangenen Kultur geworden. Natürlich, es gibt noch gut 10.000 Siebenbürger Sachsen in Rumänien, aber die meisten von ihnen konzentrieren sich in den Städten, auch dort kleine Minderheiten. In vielen Dörfern leben noch vereinzelte Deutsche, sie hüten das kostbare Erbe der gewaltigen Kirchenburgen, nur manchmal gibt es noch ein evangelisches Gemeindeleben auf kleiner Flamme.

»Unsere Geschichte hat sich statistisch erledigt«, sagt Schlattner. Er empfängt in einem stattlichen Pfarrhof, der den Geist alter Zeiten atmet, umgeben von alten Obstbäumen. Vor der Veranda steht eine fahrtüchtige Kutsche, Baujahr 1906, ein treffliches Symbol, dass dieses Stück Erde aus der Zeit gefallen ist wie sein Bewohner.

Die meisten Besucher kommen nicht wegen des einsamen Gottesdiensts, sondern wegen Schlattners literarischer Meriten. »Literarischen Tourismus« nennt er das mit feinem Spott. 1992, die Gemeinde war weg und der gebliebene Pfarrer verzweifelt, schrieb er sich in einem Roman den Frust von der Seele. »Der geköpfte Hahn« wurde zu einem vielfach übersetzten und verfilmten Bestseller. Weitere Bücher folgten, darunter »Rote Handschuhe«; Schlattner sprach im »ZDF Fernsehgarten«, in Lissabon und Istanbul. Überall in Europa entstanden Magisterarbeiten und Dissertationen zu seinen Büchern.

Schlampig, aber ein Gottesgeschenk

Der Besuch beginnt formvollendet in der Kanzlei, wandert dann hinüber in die Wohnstube mit all ihren kostbaren Möbeln, die Freunde und Verwandte bei ihrer Auswanderung zu treuen Händen hinterließen, und endet nach einem kleinen Hausrundgang samt Küche und Bad drüben in der Kirche.

Das Gespräch ist ein Spiegel dieses Wegs - von der stilvollen äußeren biografischen Fassade ins Innerste der Seele, die Schlattner erstaunlich freimütig öffnet. Nun ja, seine Frau verließ ihn nach 45 Ehejahren, Schlattner zeigt ein Foto aus alten Zeiten, dort sitzt er neben ihr und redet, sie blickt zweifelnd. »Wir haben nie eine gemeinsame Sprache gefunden«, sagt er.

Heute bestellt Carmen den Haushalt, ein junges Zigeunermädchen. Vor vier Jahren habe sie sich, vom Bruder halb totgeprügelt, zu ihm auf den Pfarrhof geflüchtet, erzählt er, mit Kopfschütteln über die Mentalität der Roma, die sich hier mit Stolz selber »Zigeuner« nennen: »Ihr Vater schimpfte seinen Sohn, er solle gefälligst seine Schwester nicht so behandeln wie seine Frau, bei der wär's in Ordnung gewesen.« Schlampig sei Carmen zwar, aber ein Gottesgeschenk, denn Kochen und Putzen hat ein siebenbürgischer Landpfarrer nie gelernt. Immer wenn Carmen kurz hereinschaut, nimmt sie die Hand des »popa sasilar«, des Sachsenpfarrers, und drückt einen strahlenden Kuss darauf.

Schlattner studierte Theologie erst im zweiten Anlauf. Im Mittelpunkt seiner ersten Lebenshälfte steht das Trauma seiner Biografie, die Verhaftung und Inhaftierung durch den berüchtigten rumänischen Geheimdienst »securitate«.

Zwei Jahre saß er im verschärften Knast, durfte selten in den Hof und nur auf Befehl aufs Klo gehen. Diese Erfahrungen prädestinieren ihn für den Job, den er heute offiziell tut, als Gefängnispfarrer der evangelischen Kirche in Rumänien.

Dass manche seiner unter Knastfolter erpressten Aussagen in Prozessen gegen Freunde und Verwandte verwendet wurden, nagt bis heute an ihm. Manche konnten sich mit ihm versöhnen, manche nicht.

Es ist Mittag, Eginald Schlattner holt Talar und Barett aus dem Schrank. Wir gehen über die Obstwiese zur Kirche, in der milden Herbstsonne tanzen die Schmetterlinge, und hinter den 800-jährigen Mauern feiert der 99. und letzte evangelische Pfarrer von Rothberg nun die Mittagsandacht.

Auf den Bänken liegen noch die wollenen Umhänge der Bäuerinnen, hinterlassen beim überstürzten Aufbruch nach Deutschland. Den Taufstein hat er wegversetzt vom Triumphbogen, drüben steht ein Sarg bereit für den nächsten der fünf evangelischen Greise, die noch hier sterben werden.

Ein Schweizer Orgelbauer hat ihm die Orgel saniert für Gotteslohn. So kann ich selber Teil dieser Geschichte werden, denn oben liegt noch ein vergessener Band mit Orgelmusik. Nach Schlattners Ansprache an die Gemeinde, die an diesem Tag aus mir besteht, erklingt über den leeren Bänken von Rothberg Bachs d-Moll-Canzona. Gemeinsam singen wir bei jubelnder Orgel: »Nun danket alle Gott.«

Warum ist er geblieben? Man verlasse den Ort des Leidens nicht, sondern handle so, dass die Leiden den Ort verlassen, sagt er. Seinen Grabplatz hat er schon ausgesucht.

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Thomas Greif

 


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abgerufen 26.07.2016 - 23:44 Uhr

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