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Dieser Artikel: Ausgabe 42/2015 vom 18.10.2015
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Töging schafft das

SERIE Kreative Gemeinde (79): Evangelisches Gemeindehaus ist Herz des Töginger Arbeitskreises Asyl


Der Pfarrer gibt Deutschunterricht, die Kirchenvorsteherin kümmert sich um die Flüchtlingsunterkunft, die Konfis und Firmlinge leisten ihre Sozialstunden im Wohlfahrtsladen, den die Töginger AWO-Rentner im Alleingang wuppen, zwei frisch getaufte Asylbewerber stecken die Liednummern im evangelischen Gottesdienst, und beim monatlichen Café International platzt der Gemeindesaal dann aus allen Ritzen, wenn 120 Menschen aller Altersstufen und Hautfarben miteinander Kuchen essen und Fußball spielen. Flüchtlingskrise? Nicht in der kleinen oberbayerischen Stadt Töging.

Ein Teil des Töginger Flüchtlingsnetzwerks: Pfarrer Johann-Albrecht Klüter, ...
Foto: Schröder
   Ein Teil des Töginger Flüchtlingsnetzwerks: Pfarrer Johann-Albrecht Klüter, ...

        

Dabei hatten die meisten so wie auch Pfarrer Johann-Albrecht Klüter bis vor einem Jahr praktisch nichts mit Flüchtlingen zu tun. »Es gab ein paar Asylbewerber, aber die waren gut betreut«, erinnert sich der Pfarrer und kurvt mit dem knallroten, neunsitzigen Gemeindebus durch Töging.

Im Oktober 2014 schlug dann die Stunde null: Am Runden Tisch des Bürgermeister diskutierten Engagierte und Interessierte, wie Töging mit der erwarteten Zunahme von Flüchtlingen am besten umgehen könnte. 25 Aktive taten sich zum »Arbeitskreis Asyl« zusammen - jetzt fehlte nur noch ein Treffpunkt. »Da hab ich gesagt, kommt halt zu uns!«, lacht der Pfarrer - seither schlägt das Herz der Flüchtlingsarbeit in seiner Gemeinde.

Klüter bremst vor dem Töginger Wohlfahrtsladen, bei dem gerade Hochbetrieb herrscht. An vier Tagen in der Woche verkaufen dort Leiterin Marianne Kasböck und ihre 52 Ehrenamtlichen neben Secondhand-Kleidung für alle auch gespendete Lebensmittel nach dem Tafel-Prinzip: Wer im Mini-Markt einkaufen will, braucht einen Berechtigungsschein - den bekommen Hartz-IV-Empfänger und Asylbewerber. Kasböck und ihr Team haben den Laden aber auch für alle Töginger ab 75 Jahren geöffnet.

...die Leiterin des Wohlfahrtsladens Marianne Kasböck, ...
Foto: Schröder
   ...die Leiterin des Wohlfahrtsladens Marianne Kasböck, ...

        

Die Kundschaft im Wohlfahrtsladen, für den die Stadt 50 Prozent der Mietkosten übernimmt, besteht aus je einem Drittel Einheimischen, Russlanddeutschen und den rund 100 Flüchtlingen von Töging, so kommt eine Neiddebatte gar nicht erst auf. »Wir siezen jeden, und unsere Kunden sind alle sehr freundlich«, sagt Marianne Kasböck, zugleich Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt. Streitpunkte werden von ihren Mitarbeiterinnen, viele aus pädagogischen Berufen, im Ansatz entschärft - unter anderem auch durch die Einführung eines Nummernsystems in der immer vollen Lebensmittelecke. »Was die Frauen sagen, wird gemacht«, ergänzt Pfarrer Klüter, »die Flüchtlinge respektieren sie voll und ganz.«

Bald soll sich die Flüchtlingszahl in der Kleinstadt auf 200 verdoppeln. Dann braucht Marianne Kasböck zwei Dinge: mehr Geld und mehr Ehrenamtliche. »Bislang finanzieren wir mit dem Secondhand-Erlös die nötigen Lebensmittelzukäufe selbst - rund 800 Euro im Monat«, sagt die vierfache Großmutter.

Wenn das nicht mehr reicht, um alle zu versorgen, wird sie Unterstützung beim Roten Kreuz beantragen, das im Landkreis Altötting für die Flüchtlingssozialarbeit zuständig ist. Mehr Ehrenamtliche wiederum könnten vielleicht aus der Enkelgeneration erwachsen, denn die Töginger Firmlinge und Konfirmanden leisten im Wohlfahrtsladen ihre Sozialstunden. Zukunftsangst ist für Marianne Kasböck ein Fremdwort. Die 65-Jährige ist überzeugt: »Wir schaffen das, wenn wir hinter jedem Asylbewerber auch den Menschen sehen.«

...die Asylbewerber Sylvester, Wale und Hasan (v. l.), die lieber arbeiten als warten würden ...
Foto: Schröder
   ...die Asylbewerber Sylvester, Wale und Hasan (v. l.), die lieber arbeiten als warten würden ...

        

Dazu haben die Töginger jeden Monat beim Café International Gelegenheit. Dort kommen bei Kaffee und Kuchen Einheimische und Asylbewerber zusammen. »Stammgäste sind unsere Seniorinnen, die die Flüchtlinge gegen jeden verteidigen, der schlecht redet«, sagt Pfarrer Klüter. Während im Gemeindesaal geratscht wird, spielen im Jugendraum die Kinder, auf der Wiese kicken die Konfis mit den Flüchtlingen, und wenn drinnen die Oma Übersetzungshilfe braucht, dann wird der Enkel schnell mal von draußen reingeholt.

»Da kommen die Siebtklässler ganz schön ins Schwitzen, wenn sie plötzlich Englisch reden sollen - und wachsen gleichzeitig in die Begegnung mit Flüchtlingen hinein«, sagt der Pfarrer. 120 Menschen kommen zum Café International, und das Gemeindehaus kann kaum noch alle fassen. Aber ein anderer Treffpunkt kommt nicht infrage: »Alle sagen, das Café muss in der evangelischen Gemeinde bleiben«, schmunzelt Klüter.

Die kleine evangelische Gemeinde ist zum Pulsschlag für die Töginger Flüchtlingshilfe geworden. Der Arbeitskreis Asyl treibt von hier aus die Integration der neuen Mitbürger voran; beim Café International kreuzen und verflechten sich die Lebenswege von Menschen und spinnen so ein Netz, das allem Anschein nach den gemeinsamen Alltag in der Stadt trägt.

... und »Mama Klara« Bieber mit zwei albanischen Mädchen.
Foto: Schröder
   ... und »Mama Klara« Bieber mit zwei albanischen Mädchen.

        

Dass die lutherische Kirche für Integrationsarbeit die richtige Keimzelle ist, erklärt Pfarrer Klüter aus der Geschichte: »Die Evangelischen waren nach dem Zweiten Weltkrieg hier selbst Flüchtlinge und mussten um Anerkennung kämpfen.«

Diese Erfahrung prägte und sorgt bis heute für ein offenes Klima. Davon profitierten in den 1990er-Jahren erst die Russlanddeutschen - die wie die Kirchenvorsteherin Klara Bieber jetzt selbst bei der Flüchtlingsbetreuung anpacken - und jetzt die Menschen aus Syrien, Afghanistan und Afrika.

Zur Tradition kommen Professionalität und Realitätssinn des aktuellen Personals: Gut informiert nutzen Klüter und die anderen Aktiven alle Möglichkeiten, die ihnen die Behörden in Sachen Praktika, Deutschkurse & Co. lassen - und finden sich gleichzeitig ohne falschen Idealismus mit den Grenzen der Gesetzgebung ab. Das ist manchmal hart: »Zu Menschen aus Balkanstaaten bauen unsere Ehrenamtlichen beim Café keine sehr engen Beziehungen mehr auf, weil sie nie lange dableiben«, sagt der Pfarrer.

»Ich bin Taufpatin von Sylvester und Patin von fünf weiteren Flüchtlingsfamilien. Eigentlich bin ich Lehrerin für Englisch und Französisch, aber jetzt unterrichte ich im Töginger Mama-Kurs eben auch noch Deutsch für Flüchtlingsfrauen«: Monika Neumaier mit Sylvester (l.) aus Nigeria und Fardooso aus Somalia.
Foto: Schröder
   »Ich bin Taufpatin von Sylvester und Patin von fünf weiteren Flüchtlingsfamilien. Eigentlich bin ich Lehrerin für Englisch und Französisch, aber jetzt unterrichte ich im Töginger Mama-Kurs eben auch noch Deutsch für Flüchtlingsfrauen«: Monika Neumaier mit Sylvester (l.) aus Nigeria und Fardooso aus Somalia.

        

Dass es in Töging gut klappt, liegt aber auch an den Flüchtlingen selbst. Wale aus Nigeria ist 28 Jahre alt; er hat daheim schon lange keine Familie mehr, lebte viele Jahre auf der Straße, erlebte die Gräuel der Terroristen von Boko Haram. In der evangelischen Gemeinde Töging hat er eine Ersatzfamilie gefunden, er hilft dem Mesner als 1-Euro-Jobber, besucht die Gottesdienste und hat sich im Sommer von Pfarrer Klüter taufen lassen.

Wale ist in Deutschland in Sicherheit, aber zufrieden ist der junge Mann nicht: »Ich will nicht in der Unterkunft herumsitzen und warten, ich will etwas arbeiten, etwas tun«, sagt er auf Englisch, und man merkt, welche Energie und welcher Wille in ihm stecken und nur darauf warten, endlich ein Ziel zu finden.

»Hier bin ich frei und in Sicherheit - das ist gut.«

Auch Wales Landsmann Sylvester und Hasan aus Somalia würden gerne arbeiten. »Ich habe in Somalia, seit ich auf der Welt bin, nicht einen einzigen Tag Frieden erlebt«, erzählt Hasan. »Hier bin ich frei und in Sicherheit - das ist gut. Aber ich möchte gerne arbeiten.«

»Die Flüchtlinge sind über die sozialen Netzwerke gut informiert, sie haben alle einen Plan, wollen deutsch lernen und eine Ausbildung machen, denn sie sind die große Hoffnung ihrer Familien zu Hause oder in den Flüchtlingslagern«, sagt Pfarrer Klüter. Er wünscht sich eine vereinfachte Jobsuche, schnellere Entscheidungen der Ämter und viel mehr Deutschkurse, denn nach der »Erstorientierung« gibt es keine offiziellen Angebote mehr, bis das Asylverfahren abgeschlossen ist. Und das kann dauern - Wale wartet schon seit einem Jahr.

»Wir schaffen das, wenn wir uns auf unsere freiheitlichen Grundwerte besinnen«, ist der Pfarrer überzeugt. Von bewachten Grenzen hält er so wenig wie von den Klagen über zu viele Flüchtlinge. »Deutschland war wegen Dublin II lange nicht solidarisch mit Ländern wie Italien oder Griechenland«, stellt Klüter fest.

Für ihn ist die Sache eher ein logistisches Problem - und eine Frage des Wollens. »Gesellschaft funktioniert nur, wenn wir uns für diese Gesellschaft engagieren und Verantwortung übernehmen.« Wie viel eine Gemeinschaft dabei selbst gewinnt, erlebt er an seiner eigenen Gemeinde, in die neuer Schwung und neues Leben gekommen ist.

Mit Blick auf seine Heimat jedenfalls ist sich Johann-Albrecht Klüter sicher: Töging schafft das.

 

  INFO: Zum nächsten Café International in Töging lädt die Gemeinde am Sonntag, 25. Oktober, von 15 bis 17 Uhr, Gemeindesaal, Kirchstraße 16 ein.

  INTERNET:  www.toeging-evangelisch.de

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Susanne Schröder

 


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abgerufen 27.07.2016 - 23:04 Uhr

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