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Dieser Artikel: Ausgabe 42/2015 vom 18.10.2015
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Die Münchner Olympiakirche ist eines der ältesten und bedeutendsten ökumenischen Gemeindezentren

Von Philipp Stoltz

Für die Olympischen Spiele 1972 entstand in München eine moderne Mustersiedlung. Anlässlich der »heiteren Spiele« wollte man einen offenen, kommunikativen Wohnraum für moderne Menschen schaffen. Die Kirchen ließen sich von diesem olympischen, ja »utopischen« Geist inspirieren. Im Olympiadorf wagten sie etwas Unerhörtes, was dennoch dem Geist der Zeit entsprach: Beide Konfessionen errichteten ein gemeinsames Gemeindezentrum unter einem verbindenden Dach.

Die farbigen »Media Linien« des Wiener Künstlers, Architekturtheoretikers und Stadtplaners Hans Hollein (1934-2014) gehören zu den markantesten Eigenheiten des Olympischen Dorfs in München. Zwei Enden des ingesamt 1,6 Kilometer langen Orientierungssystems aus Röhren stehen vor der Olympiakirche und deuten so auch deren ökumenische Gestalt und Funktion an.
Foto: Stoltz
   Die farbigen »Media Linien« des Wiener Künstlers, Architekturtheoretikers und Stadtplaners Hans Hollein (1934-2014) gehören zu den markantesten Eigenheiten des Olympischen Dorfs in München. Zwei Enden des ingesamt 1,6 Kilometer langen Orientierungssystems aus Röhren stehen vor der Olympiakirche und deuten so auch deren ökumenische Gestalt und Funktion an.

        

Als »vergessenen Schatz« bezeichnen die beiden Fotografen Nick Frank und Christian Vogel in ihrem frisch erschienenen Bildband »Habitat« das Olympiadorf in München. Sie zeigen dort dieses außergewöhnliche Ensemble von seiner schönsten Seite. Die Verzahnung von Grünflächen und Wohnraum, die raffinierte horizontale Trennung von Autoverkehr und Fußwegen und das Rohrsystem der »Media Linien« von Hans Hollein als vernetzendes Kunstwerk machen den Stadtteil zu einem der lebenswertesten in München.

Mitten im Kern der Siedlung steht die Olympiakirche: Sie ist ein vergessener Schatz des modernen Kirchenbaus und eines der ältesten ökumenischen Gemeindezentren der Bundesrepublik. Als sie errichtet wurde, gab es nur drei vergleichbare Gebäude. Aber keines war so progressiv wie die Olympiakirche und vereinte beide Konfessionen in einem einheitlichen Baukörper.

Kirchliche Bürgerhäuser für alle

Dass man gerade in Bayern so mutig war, lag hauptsächlich an dem damals sehr modernen, liberalen Katholizismus: Er hatte sich auf dem ersten ökumenischen Pfingsttreffen in Augsburg 1971 für den Dialog geöffnet. Laien engagierten sich zunehmend in den Pfarreien und in der Gesellschaft und benötigten dafür neue Orte - es entstanden Pfarrzentren. München war außerdem die langjährige Wirkstätte von fortschrittlichen katholischen Theologen wie Romano Guardini, dem großen Vordenker des Zweiten Vatikanischen Konzils und dessen neuer Liturgie.

Nicht deutlich genug als Kirche erkennbar? Das Kreuz über dem Eingang zur katholischen Werktagskapelle wurde nachträglich angebracht.
Foto: Stoltz
   Nicht deutlich genug als Kirche erkennbar? Das Kreuz über dem Eingang zur katholischen Werktagskapelle wurde nachträglich angebracht.

        

Auch in der evangelischen Kirche hatte sich die Liturgie an die andere Konfession angenähert. Außerdem rangen Reformbewegungen um neue kirchliche Strukturen: Die Gemeinden sollten sich für die gesamte Gesellschaft öffnen und einen niedrigschwelligen Zugang auch für Kirchenferne ermöglichen. Dazu benötigte man vor allem multifunktionale Räume für die neuen Gemeindeaktivitäten, Arbeitskreise und die offene Jugendarbeit. Formen der Selbstdarstellung oder Abgrenzung wie Kirchtürme oder Zierrat brauchte man dafür nicht.

So entstanden einfache Gemeindezentren, die als kirchliche Bürgerhäuser der ganzen Siedlung offenstanden und bewusst auf die traditionellen Merkmale des Kirchenbaus verzichteten. Die Gemeindezentren fügten sich nahtlos ein inmitten der Einkaufs-, Ärzte- und Schulzentren der modernen Neubausiedlungen. In diesem gesellschaftlichen und konfessionellen Klima lag es für das Olympische Dorf nahe, dass die Kirchen gemeinsam bauten. Zusammen ließen sich ein noch vielfältigeres Raumprogramm und eine noch stärkere Verdichtung der Angebote erzielen.

Die Olympiakirche sollte in das Gesamtkonzept der Siedlung passen, darum zeigt sie viele der Bauelemente, die das Olympische Dorf so besonders machen. Sie fügt sich als Verlängerung der Ladenpassage perfekt zwischen die umliegenden Gebäude ein, hebt sich aber zugleich als Bungalow von den Hochhäusern ab. Die Formen wirken zurückhaltend und weltlich, sie orientieren sich mehr an der modernen Architektur als am traditionellen Kirchenbau.

Auch das blaue Lichtband, das den Altarbereich des katholischen Kirchenraums markiert, wurde erst nachträglich hinzugefügt.
Foto: © Nick Frank & Christian Vogel
   Auch das blaue Lichtband, das den Altarbereich des katholischen Kirchenraums markiert, wurde erst nachträglich hinzugefügt.

        

Einen Glockenturm sucht man vergebens, und auch das Kreuz über dem Eingang ist ganz diskret aus der Fassade herausgearbeitet. Stattdessen führen zwei der Rohre der Installation »Media Linien« von Hans Hollein direkt zum Portal. Die Farben der Kirche, der Abendmahlsgeräte und der Prinzipalstücke entsprechen dem berühmten Farb- und Symbolschema der Spiele, das von Otl Aicher entwickelt wurde und in der ganzen Siedlung zur Anwendung kommt.

Der Kampf ums Profil und das Hadern mit der Moderne

Sehr zum Bedauern vieler Kenner wurde die ursprüngliche Ausstattung der evangelischen Kirche bei einer Sanierung ersetzt. Nicht nur Künstler und Architekten würden sich eine Rekonstruktion der Originalgestaltung wünschen. Auch die katholische Seite ist umgestaltet: Das zweite Kreuz über dem Eingang zur Werktagskapelle (zweites Foto oben) wurde nachträglich hinzugefügt. Und in den 90er-Jahren kam im katholischen Sakralraum ein blaues Lichtband hinzu, das nun den Altarbereich markiert (Foto oben). Kurz: Beide Konfessionen haben die ursprünglich bewusst profan gestalteten Räume später »nachsakralisiert«. Ein Phänomen, das die Olympiakirche mit vielen anderen ökumenischen Gemeindezentren teilt.

Dahinter steckt die kirchliche Angst ums Profil. Vielleicht nicht völlig zu Unrecht befürchteten die Gemeinden, vor lauter Öffnung in Richtung Gesellschaft in dieser nicht auf-, sondern unterzugehen. Sie profilierten sich, indem sie ihre spirituellen Bedürfnisse und damit auch die Sakralität der Räume wiederentdeckten. Ökumenische Zentren werden auch heute noch errichtet. Allerdings mit einem heute deutlich konservativeren Raumprogramm.

Bei Nacht: Das Gemeindezentrum befindet sich hinter dem hell erleuchteten flachen Zentralkomplex rechts von der Mitte des Fotos.
Foto: © Nick Frank & Christian Vogel
   Bei Nacht: Das Gemeindezentrum befindet sich hinter dem hell erleuchteten flachen Zentralkomplex rechts von der Mitte des Fotos.

        

Das Programm der Moderne wird sich in München nie völlig exorzieren lassen. Die leichte Dachkonstruktion aus »Mero«-Metallgestänge ist nicht nur das Markenzeichen der Kirche, man kann sie in dem neuen Bildband auch bei vielen anderen Gebäuden der Siedlung wiederentdecken, etwa dem Verwaltungsgebäude, das heute die Mensa der Studierendensiedlung beheimatet.

Im Kirchenzentrum überspannt diese offene, geometrische Dachkonstruktion aus Metallstangen beide Sakralräume und ruht auf zwölf gemeinsamen Apostelsäulen.

Beinahe wirkt es so, als handle es sich um einen gemeinsamen Kirchenraum, der nur vorübergehend durch dünne Trockenbauwände geteilt sei und jederzeit wieder vereint werden könnte. Betreten wird das Gebäude über ein gemeinsames Portal.

Die besondere ökumenische Nähe ist Herausforderung und Chance zugleich: Der evangelische Olympiakirchenpfarrer Bernhard Götz erzählt, wie die Trennung der Kirchen besonders schmerzlich bewusst wird, wenn man sich räumlich so nahe ist, sogar unter einem gemeinsamen Dach wohnt. Es gibt einen ökumenischen Chor, gemeinsame Veranstaltungen oder ökumenische Festgottesdienste mit ausgefeilten gemeinsamen Liturgien, beispielsweise jüngst zu Erntedank. Beim Gottesdienst kann die evangelische Gemeinde die katholische Orgel durch die dünnen Wände hindurchhören, zum Erntedankgottesdienst ziehen die Gemeinden gemeinsam ein. Und doch kommt man an bestimmten Punkten nicht zusammen.

Blick von oben über das Olympiadorf.
Foto: © Nick Frank & Christian Vogel
   Blick von oben über das Olympiadorf.

        

Der Priester Joachim Feldes aus dem ökumenischen Gemeindezentrum von Frankenthal in Rheinland-Pfalz (wo es eine gemeinsam genutzte Kirche gibt) hat einmal dokumentiert, wie derlei Zwist aus katholischer Perspektive aussehen kann. Sein Beispiel: eine »Agapefeier, die seit Mitte der 90er-Jahre das Gemeindefest eröffnete und jedes Jahr von einer anderen Gruppe, etwa den Pfadfindern oder dem Asylkreis, gestaltet wurde. Die ersten sieben Feiern, die Feldes erlebte, »hinterließen Unmut und große Unzufriedenheit. Sie entstand, als über die Gaben nicht ein angemessener Segensspruch, sondern die Einsetzungsworte gesprochen wurden.« Manche Katholiken hätten sich, so Feldes, »überrascht in einem Quasi-Abendmahlsgottesdienst« wiedergefunden.

Es geht also stets um die schwierige Balance zwischen Nähe und Respekt vor den Unterschieden, den Eigenheiten des anderen. Doch im meist glücklich bewältigten Alltag sind wohl nur wenige Gemeinden in einem so engen nachbarschaftlichen Dialog wie die Münchner evangelische Olympiakirchengemeinde und die katholische Gemeinde Frieden Christi.

Und das muss auch so sein, schließlich hat man eine gemeinsame Heizung.

 

Nick Frank, Christian Vogel (Fotos) / Anne Berwanger (Texte): »Habitat - Das Olympische Dorf in München«. Volk Verlag, München 2015. ISBN 978-3-86222-190-5, Hardcover, 192 Seiten. 29,90 Euro.

  BUCHTIPP: Nick Frank, Christian Vogel (Fotos) / Anne Berwanger (Texte): »Habitat - Das Olympische Dorf in München«. Volk Verlag, München 2015. ISBN 978-3-86222-190-5, Hardcover, 192 Seiten. 29,90 Euro.

  INTERNET: Weitere Bilder und Informationen unter  www.strasse-der-moderne.de

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abgerufen 28.08.2016 - 02:26 Uhr

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