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Dieser Artikel: Ausgabe 42/2015 vom 18.10.2015
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Glücklich zurück

Die Neu-Ulmer Pfarrerin Karin Schedler lebte vier Monate als Viehhirtin auf einer Bergalp


Den Sommer über verbrachte die Pfarrerin ein »Sabbatical« auf einem Berg in 1858 Metern Höhe im schweizerischen Tessin.

Auch der Nachwuchs wollte versorgt sein: Sechs Kälbchen wurden während Karin Schedlers Zeit auf der Alpe geboren.
Foto: Thiel
   Auch der Nachwuchs wollte versorgt sein: Sechs Kälbchen wurden während Karin Schedlers Zeit auf der Alpe geboren.

        

Überall liegen Zettel, die »Herzlich willkommen!«-Freude ausdrücken. Und ein Kind im Kindergarten umarmte Karin Schedler an ihrem ersten Arbeitstag mit den Worten: »Du bist wieder zurück!«

Die Freude derer, die auf sie warteten, macht Karin Schedler glücklich. »Meine Kühe konnten das nicht so emotional ausdrücken«, sagt sie lachend. Obwohl die Rinder am Ende des Sommers sogar zu ihr kamen, um gekrault zu werden. »Manchmal träume ich von ihnen«, erzählt die Neu-Ulmer Pfarrerin der Petruskirche, die einen Sabbat-Sommer auf einer Alpe im Tessin verbrachte: eine viermonatige Auszeit in der Einsamkeit, nach 25 Jahren Berufstätigkeit und täglichem Dasein für andere Menschen.

Ihr Mann hat ihr gefehlt

Die nächsten Menschen wohnten eine Stunde Fußweg entfernt auf einer Ziegenalp. Zum Einkaufen war ein zweieinhalbstündiger Marsch ins Tal nötig: Karin Schedler wusste, worauf sie sich einließ, als sie sich für die Sabbat-Zeit in 1858 Metern Höhe entschied. Glücklich wirkt sie jetzt mit all den Eindrücken, von denen sie sprudelnd erzählt. Und doch ist sie trotz aller Sehnsucht nach den Tieren auch froh, wieder unter Menschen zu sein.

Was sie dort oben am meisten vermisst hat? »Die Arme meines Mannes«, meint Schedler lächelnd. Ihr Gatte, Zahnarzt von Beruf und gottesdienstlicher Lektor, kam, sooft es ihm die Zeit erlaubte. Und er brachte mit, was seine Frau - außer ihm - am meisten vermisste: frisches Obst etwa und Salat. »Man kann sich gar nicht vorstellen, wie einem der Geschmack eines Pfirsichs fehlen kann«, erzählt die Mutter eines erwachsenen und eines 16-jährigen Sohnes. Was ihr dagegen gar nicht fehlte? »Fernsehen, Zeitung, Süßigkeiten«, zählt sie auf.

Die Essensvorräte auf der einfach eingerichteten Hütte mussten gut eingeteilt werden. Wer jedes Stück Obst, jede Kartoffel den Berg hinaufschleppen muss und keinen Kühlschrank hat, lernt planen. Oder die Dose Bohnen wertzuschätzen, die sonst unbeachtet in der Speisekammer stünde. Und man lernt, auf das Wasser zu achten, das in diesem heißen Sommer oft nur tröpfenweise aus der Quelle der Alpe kam. »Zuerst war es sehr heiß, und die Quelle versiegte fast«, erzählt Karin Schedler. Da wuchs auch für die Kühe wenig Gras. Gegen Ende der Zeit auf der Alpe dagegen wurde es schnell kalt, und es regnete. Gras wuchs auch da kaum.

»Man wacht bei neun Grad in der Hütte auf, und es graut einem schon, weil man auf die Toilette muss.« Das stille Örtchen war ein Hüttchen, etwa einhundert Meter von der Alphütte entfernt. Die harte körperliche Arbeit hat die Pfarrerin fit gemacht. »Das Angewiesensein nur auf den eigenen Körper hat mich erschreckt«, erzählt sie. »Kranksein ist auf dem Berg nicht vorgesehen.«

In zwei Schüben mussten die Rinder samt der sechs Kälbchen, die während des Sommers geboren wurden, im September ins Tal gebracht werden. Das lag daran, dass das Grauvieh im Gegensatz zur bunt gescheckten Herde zum Abtrieb nicht zu finden war. Im Schnee entdeckten Karin Schedler und Helfer die Tiere dann Tage später. »Und das Grauvieh ist so schnell und so eigenwillig.«

Völlig verändert habe sich ihr Verhältnis zu den Hirten-Geschichten in der Bibel, erzählt sie. »Hirten machen aktiv nämlich sehr wenig. Sie sind einfach da.« Man könne die Tiere stundenlang beobachten und scheinbar nichts tun: »Aber man muss ganz schnell da sein, wenn es schwierig wird.«

Der erste Wunsch: frisches Obst

Das Leben in der Natur ermöglichte der Pfarrerin viele Glücksmomente, wie etwa ein Bad im klaren Quellwasser im Viehtrog. »Meine Natur-Badewanne mit Aussicht über die Berge!«, schwärmt Schedler. Aber da waren auch die Tage, in denen es blitzte und donnerte, die Blitze teils direkt unterhalb der Hütte. »Das fühlt sich wirklich bedrohlich an!« Oder die Begegnung mit dem kapitalen brünstigen Hirsch im Wald: »Wir sind beide zu Tode erschrocken, das Tier und ich.«

Ihr erster Wunsch zu Hause war frisches Obst und Salat, erzählt Karin Schedler. Genüsse, von denen sie vor dem winzigen Kräutergärtlein nur träumen konnte, das sie doch anlegte und pflegte. Bis angesichts des fehlenden Futters ein Kalb in den letzten Tagen auf der Alpe ihre Chrysanthemen fraß. Aber dann begann es auf dem Berg zu schneien. Der Sommer auf der Alpe war zu Ende. Und zu Hause wartete die Erfüllung ihres zweiten Wunsches: ein Gang in die Sauna.

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Dagmar Hub

 


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abgerufen 23.07.2016 - 15:05 Uhr

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