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Dieser Artikel: Ausgabe 42/2015 vom 18.10.2015
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Guckkasten in die Geschichte

Florian Dierl, Leiter des Nürnberger Doku-Zentrums, über die Zukunft des Reichsparteitagsgeländes


Wie soll Nürnberg mit seinen NS-Bauten umgehen? Diese Frage diskutieren an diesem Wochenende Experten aus Geschichtsforschung, Denkmalpflege, Pädagogik und Kunst bei einem wissenschaftlichen Symposium. Der Historiker Florian Dierl (46), Leiter des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände, erläutert, worum es geht.

Florian Dierl ist seit 2014 Leiter des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Das Bild zeigt ihn vor dem Innenhof der sogenannten Kongresshalle, in der sich auch das Doku-Zentrum befindet.
Foto: Sauerbeck
   Florian Dierl ist seit 2014 Leiter des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Das Bild zeigt ihn vor dem Innenhof der sogenannten Kongresshalle, in der sich auch das Doku-Zentrum befindet.

        

  Herr Dierl, nirgendwo in Deutschland gibt es derart umfangreiche bauliche Hinterlassenschaften des NS-Regimes wie in Nürnberg. Doch die Bauten beginnen zu bröckeln …

Dierl: Im Augenblick stehen vor allem die Zeppelintribüne und das Zeppelinfeld im Fokus. Der Verein »Baulust« plädiert seit Langem für den kontrollierten Verfall des ganzen Geländes. Ein Gebäude, so wird argumentiert, das historisch derart kontaminiert ist, verdiene es nicht, erhalten zu werden.

  Das wäre eine ironische Wendung der Geschichte, denn schon Hitlers Architekt Albert Speer sprach ja von der Ästhetisierung von Ruinenfeldern.

Dierl: In seinen Memoiren schreibt Speer von der Ruinenwert-Theorie: Hitler habe ihm gesagt, dass diese Gebäude auch dann noch als Zeichen des »Tausendjährigen Reichs« bestehen würden, wenn die Geschichte schon zu Ende gegangen sei. Die Wallanlagen, die im Lauf der Jahrzehnte überwuchert wurden, zeigen heute, welche ästhetische Anmutung das hätte. Aber wir müssen ein anderes Interesse haben: Wir müssen den NS-Bauten einen hohen Aussagewert als zeitgeschichtliche Zeugnisse zusprechen und bemüht sein, sie zu erhalten. Es gibt keinen kontrollierten Verfall. Es gibt entweder Verfall oder Erhalt.

Moderne Architektur, die sich bewusst querstellt zur Architektur der Nationalsozialisten: das Nürnberger Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände.
Foto: Chris Baier (chrisglub) / CC BY-SA 2.5 via Wikimedia Commons
   Moderne Architektur, die sich bewusst querstellt zur Architektur der Nationalsozialisten: das Nürnberger Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände.

        

  Was soll an den Nazi-Monumentalbauten so wertvoll sein?

Dierl: Es gibt nur noch wenige Zeitzeugen. Und auch die Generation, die in den 1980ern und 1990ern die Gedenkstätten gegründet und das als Teil einer gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung gesehen hat, befindet sich im vorgerückten Alter. Für jüngere Leute ist es nicht mehr selbstverständlich, sich mit dem Thema NS-Geschichte auseinanderzusetzen, wenn sie es nicht gerade in der Schule tun. Historische Orte bieten aufgrund ihrer hohen Anschaulichkeit einen hohen Anreiz, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Man kann am konkreten Objekt anfangen, Fragen zu stellen, junge Leute mit bestimmten Problemen konfrontieren und sie bewegen, sich Gedanken zu machen. Der Erfolg gibt uns Recht.

  Wie lässt sich das messen?

Dierl: Wir hatten im letzten Jahr 235.000 Besucher, geplant war das Doku-Zentrum einmal für 100.000. Zwei Fünftel reisen aus dem Ausland an. Die meisten kommen mit einem diffusen Interesse, aber wenn sie sich vor Ort mit der Frage befassen, was diese Monumentalbauten bezwecken sollten und was die tatsächliche Wirkung auf die Bevölkerung war, gehen viele mit einem persönlichen Gewinn nach Hause: einen schärfen Blick auf diese Epoche bekommen zu haben, viel schärfer, als es das Übermaß an medialen Angeboten ermöglicht.

Durchfeuchtet und bröckelnd: So sieht die Haupttribüne am Zeppelinfeld heute aus.
Foto: Elmschrat / CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
   Durchfeuchtet und bröckelnd: So sieht die Haupttribüne am Zeppelinfeld heute aus.

        

  Auf dem Reichsparteitagsgelände wird ja viel Party gefeiert - Volksfest, Autorennen. Ist das im Sinne des Historikers?

Dierl: Diese Entwicklung hat sofort nach 1945 eingesetzt. Der Ort wird auch für Freizeit und Vergnügen genutzt. Das finde ich einen sehr guten Weg. Nichts wäre unglücklicher, als wenn das nur als ein Ort der Fachleute wäre oder, noch schlimmer, wenn er eine Pseudo-Sakralisierung erfahren würde. Im Gegenteil: Die intensive Nutzung als Freizeitort führt dazu, dass das Gelände gerade nicht von Rechtsgerichteten als Ort der Versammlung genutzt wird.

  Gleich nach dem Krieg ist eine der Flammenschalen auf der Zeppelintribüne zu einem Kinderschwimmbecken im Freibad umfunktioniert worden. Ist so eine Profanierung ausbaufähig?

Dierl: Die besagte Feuerschale steht heute auf der Rückseite der Tribüne. Wir beabsichtigen, den sogenannten Goldenen Saal wiederzueröffnen. In seinem Innern steht die zweite, völlig unberührte Feuerschale. Das gibt uns die Möglichkeit, die beiden Feuerschalen in Vergleich zu setzen: hier die pseudo-sakrale Anmutung, dort das kunterbunt bemalte Freizeitgerät.

Der »Goldene Saal« im Inneren der Zeppelintribüne.
Foto: Ralf Roletschek - fahrradmonteur.de / GFDL 1.2 via Wikimedia Commons
   Der »Goldene Saal« im Inneren der Zeppelintribüne.

        

Wichtig ist, dass auf dem ganzen Gelände die Raumbezüge wieder deutlicher sichtbar werden. Wenn Sie heute die Große Straße entlanggehen, können Sie zum Beispiel nicht mehr wahrnehmen, dass sowohl links als auch rechts vom Silbersee Gebäude vorhanden oder geplant waren. Hier wollen wir Guckkästen etablieren, in denen man historische Fotos ansehen kann, die im Vergleich zur Realität stehen. Man kann sich dann eine Vorstellung machen, was der Anspruch der Nationalsozialisten war und was tatsächlich draus geworden ist. Das Scheitern wird sozusagen versinnbildlicht.

  Ist Ihr Konzept schon fertig?

Dierl: Das ist »work in progress«. Man muss sagen, welche Teile ertüchtigt werden müssen und welche Teile man sich selbst überlassen kann. Es sind noch andere Interessenten da, der Motorsport, Football oder Baseball beispielsweise, die Nutzungsvorstellungen mitbringen. Im kommenden Frühjahr könnte es Ergebnisse geben. Wir können nicht länger warten, denn die Zeppelintribüne ist bereits zu 90 Prozent durchfeuchtet.

  Wird sich auch das Doku-Zentrum selbst verändern?

Dierl: Wir haben bisher keine ausreichenden Büroräume. Wir brauchen Toiletten, einen Saal für größere Veranstaltungen über 100 Personen und ein Lernzentrum für Besuchsgruppen.

 

  INTERNET:  museen.nuernberg.de/dokuzentrum

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jo/thg

 


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abgerufen 25.06.2016 - 23:15 Uhr

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