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Dieser Artikel: Ausgabe 43/2015 vom 25.10.2015
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Kaderschmieden für Helfer

Das Diakonische Werk Bayern zeichnet drei besondere Ehrenamts-Initiativen aus


Das Diakonische Werk Bayern hat seine mit 4500 Euro dotierten Ehrenamtspreise vergeben. Gewonnen haben der Hospizverein Rummelsberg (1. Preis in Höhe von 2000 Euro), eine Flüchtlingsinitiative von Bildungswerk und Stadtmission in Nürnberg (2. Preis in Höhe von 1500 Euro) und das Dolmetschernetzwerk des Diakonischen Werks Rosenheim (3. Preis in Höhe von 1000 Euro). Wir stellen alle drei Projekte vor.

Das Diakonische Werk Bayern prämiert jährlich drei ausgewählte Sozialinitiativen. Diesmal war innerhalb des Jahresmottos »Diakonie - die Sozialexpertin fürs Ehrenamt« das Thema »Schulung und Fortbildung von Ehrenamtlichen« vorgegeben.
Foto: Sauerbeck / Hospizverein (2) / Vordermayer
   Das Diakonische Werk Bayern prämiert jährlich drei ausgewählte Sozialinitiativen. Diesmal war innerhalb des Jahresmottos »Diakonie - die Sozialexpertin fürs Ehrenamt« das Thema »Schulung und Fortbildung von Ehrenamtlichen« vorgegeben.

        

»Das ist nicht wie ein Lehrbuch, das du aufschlägst und auf der letzten Seite weißt du, wie Hospizarbeit geht«, sagt Katja Pützner. Die Erzieherin ist seit 2001 ehrenamtliche Mitarbeiterin im Verein Hospizarbeit in Rummelsberg. In der Begleitung schwerkranker Menschen hat sie gesehen: »So individuell jeder Mensch lebt, so stirbt er auch.«

Pützner hat im Laufe der Jahre viele Fortbildungen für Ehrenamtliche besucht. In ihnen ist es um Krankheitsbilder gegangen, zum Beispiel um die Muskelkrankheit ASL oder um Demenz. »Es ist immer wieder etwas Neues dabei, es wiederholt sich nichts«, sagt sie.

Den größten Teil ihres Vereinsetats investieren die Rummelsberger Hospizbegleiter in Supervision, Fort- und Weiterbildung der Ehrenamtlichen, erklärt der hauptamtliche Hospizkoordinator, Diakon Johannes Deyerl. »Wo Menschen schutzbedürftig und in Krisensituationen sind, braucht es Menschen, die gut ausgebildet sind.« Gegenüber den schwer kranken Menschen, aber auch gegenüber den Begleitenden habe man eine Verantwortung und dürfe sie nicht alleinlassen, betont er.

Flüchtlingshilfe (wie hier beim Strickkurs in Nürnberg-Kraftshof mit Christa Flurer) will gelernt sein. Bildungswerk und Stadtmission Nürnberg wurden für die vorbildliche Ausbildung von Ehrenamtlichen ausgezeichnet.
Foto: Sauerbeck
   Flüchtlingshilfe (wie hier beim Strickkurs in Nürnberg-Kraftshof mit Christa Flurer) will gelernt sein. Bildungswerk und Stadtmission Nürnberg wurden für die vorbildliche Ausbildung von Ehrenamtlichen ausgezeichnet.

        

Einmal im Monat können die Mitarbeitenden im Kollegenkreis über ihre guten und schlechten Erfahrungen bei der Begleitung sprechen. Ebenfalls monatlich finden die Fortbildungsabende statt. Die Themenplanung legt der Vereinsvorstand fest. Bei der Auswahl der Referenten hilft die Nähe zum benachbarten Krankenhaus. Die Ärzte können als Experten für Krankheitsbilder gewonnen werde. Jedes Jahr versucht Deyerl, im Programm auch eine Fortbildung über Kunst unterzubringen, »aber das geht nie durch«, sagt er mit gespielter Verzweiflung. Die Hospizbegleiterinnen können außerdem an Weiterbildungen zum Beispiel zur Trauerbegleiterin teilnehmen.

Seit Gründung des Vereins 1998 haben 250 Frauen und Männer die Ausbildung zum Hospizbegleiter absolviert. Nicht jeder ist dann anschließend in die Hospizarbeit gegangen. »Manche machen den Kurs aus privaten Gründen nur für sich«, sagt Deyerl. Auch Pflegekräfte aus Senioreneinrichtungen besuchen den Kurs.

Die ehrenamtlichen Damen und Herren im Hospizverein begleiten die meisten Klienten in Senioreneinrichtungen, ein Drittel der Betreuten wohnt zu Hause. Ihre Arbeit beginnt nicht erst, wenn die Betreuten im Sterben liegen, sondern ist »Lebensbegleitung«, so Deyerl. Weil immer mehr alte Menschen an Demenz erkrankten, sei es gerade wichtig, dass sie die Helfer schon aus »guten Zeiten« kennen würden. »Von den demenzkranken Menschen bin ich immer mit einem Lächeln begrüßt worden, auch wenn sie meinen Namen nicht mehr kannten«, berichtet Hospizhelferin Mechthild Flauder.

Seit eineinhalb Jahren ist Marianne Schwarz dabei. In ihrer Grundausbildung hat sie die Methode »integrative Validierung« gelernt, erzählt sie. Von der profitiere sie nicht nur im Besuchsdienst bei Senioren und in der Hospizarbeit, sondern auch im Privaten, sagt Schwarz. »Wer will, darf Erdbeeren schälen, ist da so ein Kernsatz.« Das heißt, wenn sich eine verwirrte alte Dame beklagt, dass sie ihr Papa nicht besucht, habe es keinen Sinn, ihr zu sagen, dass der Vater seit Jahren tot ist. Sondern man müsse auf ihr Problem eingehen.

 

Seit dem Start der Kurse anno 1998 sind unter dem Dach der Rummelsberger Hospizarbeit mehr als 250 Personen zu Hospizbegleiter ausgebildet worden.
Foto: Hospizverein
   Seit dem Start der Kurse anno 1998 sind unter dem Dach der Rummelsberger Hospizarbeit mehr als 250 Personen zu Hospizbegleiter ausgebildet worden.

        

So ungefähr sieht der Sechser mit Zusatzzahl in der evangelischen Bildungsarbeit aus: Man fängt aus dem Nichts ein ganz neues Thema an, wird von Interessenten regelrecht überrannt, wiederholt das Angebot wieder und wieder, und macht schließlich einen eigenen Arbeitsbereich draus. Und bekommt obendrein noch einen Preis.

So ging es dem »forum erwachsenenbildung« (feb) im Evangelischen Bildungswerk Nürnberg. »Bis zum Sommer 2014 hatten wir mit dem Thema Flüchtlinge überhaupt nichts zu tun«, berichtet Geschäftsführer Hagen Fried. Das feb organisierte Mutter-Kind-Gruppen, machte Biografiearbeit und lud zu theologischen Seminaren ein. Dann kam eine Anfrage aus dem Diakonischen Werk: Dessen Migrationsreferent Helmut Stoll vermutete Bedarf für die Fortbildung von Ehrenamtlichen, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren wollten, und suchte Bildungswerke, die sich auf dieses Neuland einlassen wollten.

Das feb machte mit, entwickelte im Schnelldurchgang und im inhaltlichen Doppelpass mit den Fachleuten der Nürnberger Stadtmission ein Fortbildungspaket mit drei Info-Abenden, das im Herbst 2014 in Mittelfranken und der Oberpfalz beworben wurde.

 Inzwischen bietet der Verein Veranstaltungen zu Themen wie Tod und Sterben, Demenz und Trauer an.
Foto: Hospizverein
    Inzwischen bietet der Verein Veranstaltungen zu Themen wie Tod und Sterben, Demenz und Trauer an.

        

Nun muss man wissen, dass Seminarangebote in der Erwachsenenbildung meist nicht an Überbelegung leiden, im Gegenteil sogar oft bis zuletzt am seidenen Faden hängen oder wieder abgeblasen werden müssen. Dass die Nürnberger binnen kürzester Zeit 80 Anmeldungen auf dem Tisch liegen hatten, kann man daher getrost in die Rubrik »sensationell« einordnen. »Wir sind regelrecht überrannt worden«, erinnert sich Fried. Das Thema Flüchtlinge, das erst in diesem Sommer die ganz große Öffentlichkeit erreicht, lag schon damals in der Luft.

Das Bildungswerk bot den Kurs zweimal parallel an und ein weiteres Mal im Frühjahr. Im November beginnt Kurs Nummer vier, flankiert von weiteren Angeboten wie Führungen durch die Erstaufnahmeeinrichtung in Zirndorf oder einem Info-Abend »Trauma und Flucht«.

Inhaltlich ist der Nürnberger Beratungskurs breit aufgestellt. Einen Abend lang geht es um »das Eigene« und »das Fremde«: Wo sind Klippen, wenn Kulturen aufeinandertreffen? Wie kann man Fettnäpfchen vermeiden? Im zweiten Schritt bekommen die Flüchtlingshelfer juristische Aufklärung über Grundsatzfragen des Asylrechts. Im dritten Teil informieren Aktive aus der Region über gelungene Ideen der Flüchtlingshilfe - vom Kochkurs in Kraftshof (Foto) bis zum Flüchtlingscafé in der Nürnberger Gartenstadt.

Wichtig ist den feb-Verantwortlichen, dass die Ehrenamtlichen auf die Realität vorbereitet und nicht etwa in falscher Euphorie bestärkt werden. Fried, der selbst in einer Flüchtlingsinitiative in Eckental mitmacht, weiß: »Das ist nicht immer schön, sondern oft auch frustrierend« - etwa wenn eine Familie, zu der man einen besonders guten persönlichen Kontakt entwickelt hat, plötzlich abgeschoben wird. Als neues Beratungselement hat das feb daher nun auch eine Hilfe für die Helfer im Angebot.

 

Fast alle ehrenamtlichen Dolmetscher in Rosenheim haben selbst einen Migrationshintergrund. Prykxy Chenet Ugarte (links) kam vor 15 Jahren aus Peru nach Deutschland, Melanie Schuster (rechts) zog für die Liebe aus England in ein oberbayerisches Dorf. Und Dolmetscher-Koordinatorin Giulia Giardina (Mitte) verließ 2006 ihre Heimat Italien, um in Rosenheim Fuß zu fassen.
Foto: Vordermayer
   Fast alle ehrenamtlichen Dolmetscher in Rosenheim haben selbst einen Migrationshintergrund. Prykxy Chenet Ugarte (links) kam vor 15 Jahren aus Peru nach Deutschland, Melanie Schuster (rechts) zog für die Liebe aus England in ein oberbayerisches Dorf. Und Dolmetscher-Koordinatorin Giulia Giardina (Mitte) verließ 2006 ihre Heimat Italien, um in Rosenheim Fuß zu fassen.

        

Die Beamtin einer Rosenheimer Behörde blickt ihr Gegenüber fassungslos an. Hat dieser Mann sie gerade wirklich »Mama« genannt? Hat der denn gar keinen Respekt? Verärgert blickt sie zur Dolmetscherin, die den Iraner bei seinem Amtsbesuch begleitet.

»Das ist ein typisches Beispiel für interkulturelle Missverständnisse«, erklärt Giulia Giardina, Koordinatorin des Rosenheimer Dolmetschernetzwerks: Während diese Anrede für die deutsche Frau unhöflich, sogar unverschämt scheint, ist sie im Iran Ausdruck von Respekt. Giardina und ihre Kollegen, die bei der Diakonie Rosenheim Menschen in sozialen Schwierigkeiten und mit Sprachproblemen ehrenamtlich zur Seite stehen, kennen unzählige dieser Beispiele. »Es sind Kleinigkeiten, aber sie sorgen für große Missverständnisse«, sagt Giardina.

Prykxy Chenet Ugarte nickt. So sei typisch deutsch, gleich zur Sache zu kommen. »Deutsche schmeißen einem alles an den Kopf«, sagt sie. Andere Kulturen seien diplomatischer, erklärt die gebürtige Peruanerin: »Wir reden mehr drum rum.« In die Augen schauen ist auch ein Beispiel: Vielerorts gilt das als respektlos. Giardina fragt: »Was aber denkt wohl ein deutscher Polizist, wenn er jemanden befragt und der schaut nur zu Boden?«

Um solche Unterschiede zu übersetzen, sind 30 Ehrenamtliche des Netzwerks im Einsatz. 2014 waren sie 151 Mal unterwegs. Sie begleiten Menschen zur Migrationsberatung, zu Behörden, zum Arzt. Auch Frauenhäuser und Kindergärten gehören zu den Kunden. Besonders gefragt ist gerade Arabisch.

Viele Ehrenamtliche sind professionelle Dolmetscher oder Lehrer, doch das ist keine Bedingung. »Wichtig ist, dass man gern mit Menschen zu tun hat«, sagt Chenet Ugarte. Giardina ist seit fünf Jahren dabei und gehört zu den Übersetzerinnen der ersten Stunde. »Ich habe mich an meine Probleme erinnert, als ich ohne Sprachkenntnisse hierher kam«, erzählt die Italienerin. Obwohl sie einen deutschen Mann hatte, sei der Start nicht einfach gewesen.

Andere der Dolmetscher kamen schon als Migrantenkinder nach Deutschland. Sie kennen die Situation, als Siebenjährige das Gewicht der Familie tragen zu müssen. Giardina erzählt von Fällen, bei denen Eltern ihre Kinder als Dolmetscher nutzen, weil diese am besten Deutsch können. »Das darf man ihnen nicht zumuten«, sagt sie. Schließlich gehe es oft um sensible Themen, häusliche Gewalt, Krankheiten, Traumata - »Nichts, von dem Kinder wissen müssen.«

Viele Migranten wohnen in einem Dorf - »Da ist es noch extremer mit Sprachbarrieren und Einsamkeit«, weiß Melanie Schuster aus eigener Erfahrung. Die Engländerin zog vor 22 Jahren aus Großbritannien in so ein oberbayerisches Nest. Heute ist die Lehrerin im Ruhestand: »Ich bin dankbar für mein schönes Leben, jetzt will ich etwas zurückgeben, für andere da sein.«

Doch die Fälle sind manchmal heftig. Schuster erzählt von einer Frau aus Afrika, die in ihrer Heimat verfolgt wurde und deren eigene Familie sie umbringen wollte. Ihr gelang die Flucht. »Sie war traumatisiert und brauchte ärztliche Hilfe«, sagt die Dolmetscherin: »Das ging mir schon nah.« Ans Aufhören hat sie aber nie gedacht. Auch Chenet Ugarte beschreibt: »Toll ist immer, wenn wir sehen: Jemand schafft's jetzt selbst.«

DIAKONIE-PREIS

  Das Diakonische Werk Bayern prämiert jährlich drei ausgewählte Sozialinitiativen. Diesmal war innerhalb des Jahresmottos »Diakonie - die Sozialexpertin fürs Ehrenamt« das Thema »Schulung und Fortbildung von Ehrenamtlichen« vorgegeben. Aus zwölf Einsendungen wählte eine Jury drei aus:

  1. PREIS (2000 Euro): Hospizarbeit im Hospizverein Rummelsberg

  2. PREIS (1500 Euro): Flüchtlingsarbeit im Forum Erwachsenenbildung (Evangelisches Bildungswerk Nürnberg)

  3. PREIS (1000 Euro): Dolmetschernetzwerk im Diakonischen Werk Rosenheim

 

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Jutta Olschewski, Thomas Greif, Brigitte Vordermayer

 


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abgerufen 03.12.2016 - 14:43 Uhr

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