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Sonntagsblatt 43/ vom

Ansporn für den Neuanfang

Der Friedensnobelpreis als wichtiges Signal für den Nahen Osten

Kommentar von Stephan Bergmann

Krisen, Kriege, Katastrophen: Mit der Flüchtlingskrise ist auch der Nahe Osten plötzlich wieder zum Megathema für die Medien geworden. Eine Schreckensnachricht jagt die andere. Hoffnungszeichen gibt es selten - und wenn, werden sie wie Eintagsfliegen reportiert. So geschehen mit dem Friedensnobelpreis, den im Dezember vier mutige tunesische Wortführer des nationalen Dialogs erhalten sollen.

Ausgerechnet Tunesien, wo im März und Juni militante Islamisten verheerende Anschläge mit vielen Toten verübten. Gerade aber auch Tunesien, das mit seiner Jasmin-Revolution vor vier Jahren den arabischen Frühling in der Region einläutete.

Und eben auch Tunesien, in dem am Rande eines Bürgerkriegs das jetzige Preisträger-Quartett ein zivilgesellschaftliches Bündnis gründete und politische Brücken baute. Trotz der permanenten Terrorgefahr und des damit verbundenen Einbruchs im Tourismus hält das Land in beachtenswerter Weise an seiner jungen Demokratie und am Pluralismus fest.

Ein kleines Wunder, wo ringsum Eiszeit herrscht. Vom abermals autoritär geführten Ägypten über die erneut verhärteten Fronten zwischen Israelis und Palästinensern im Heiligen Land, über die weiterhin chaotischen Verhältnisse im Irak, die sich der mordende »Islamische Staat« (IS) zunutze macht, bis zum bürgerkriegsgeschüttelten Syrien, wo ebenfalls der IS wütet und sich jetzt auch noch Russen und Amerikaner bei ihren militärischen Aktionen gefährlich nahe kommen. Ohne die Großmächte USA und Russland wird es dort keine Lösung mehr geben. Ebenso wenig wie ohne die Regionalmächte Iran und Saudi-Arabien, die nicht nur dort ihre Stellvertreterkriege austragen lassen.

Den meisten Konfliktherden im Nahen und Mittleren Osten ist gemeinsam, dass sich ihre Staatslenker in ihren autoritären Machtstrukturen verfangen haben und zu einer wirklichen Wende weder fähig noch bereit sind. Und die jeweilige Opposition ist ebenso zersplittert wie schwach.

Kein Wunder, dass unter den chaotischen Verhältnissen insbesondere Minderheiten wie die Christen leiden, von denen der Großteil schon geflohen ist.

Der arabische Frühling wurde einst vor allem von der Jugend getragen, ähnlich wie die grüne Revolution im Iran vor sechs Jahren. Doch der Westen hat es versäumt, den Hilfeschrei dieser Jugend als Chance für eine Veränderung rechtzeitig ernst zu nehmen und die Zivilgesellschaften dauerhaft zu unterstützen. Lieber exportierte man wie Moskau weiter Waffen in die Krisenregion.

Damit die Ost-West-Konfrontation dort keine Renaissance erlebt und die alten Machtapparate verschwinden, liegt es nun auch an den dialogbereiten Muslimen und Christen, einer neuen Generation Mut für ihren eigenen Reformweg zu machen.

Wo Eiszeit herrscht, will keiner bleiben. Das Nobelpreiskomitee hat hier zur rechten Zeit wichtiges Signal gesetzt.

Sonntagsblatt-Gastkommentator Stephan Bergmann

 

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