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Dieser Artikel: Ausgabe 44/2015 vom 01.11.2015
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Wer sind wir - und wenn ja, wie viele?

Was sie trennt, was sie eint: Die evangelischen Kirchen in Deutschland wollen enger zusammenarbeiten


Evangelisch, lutherisch, reformiert, protestantisch, uniert: Wie entstanden eigentlich die evangelischen Konfessionen und Kirchen? Was verbindet sie, und was trennt sie - damals und heute? Bei ihrer Synodaltagung Anfang November in Bremen will die Evangelische Kirche in Deutschland mehr Verbundenheit unter den Konfessionen und Kirchen schaffen.

Die evangelischen Konfessionen: Wer sind wir - und wenn ja, wie viele?
Foto: Jürgen Fälchle / fotolia
   Die evangelischen Konfessionen: Wer sind wir - und wenn ja, wie viele?

        

Martin Luther wollte keine Kirche gründen, er wollte nicht einmal, dass sich seine Anhänger nach ihm benennen. Im Jahr 1522, also auf dem Höhepunkt der Reformation, schrieb er: »Ich bitte, man wollt meines Namens geschweigen und sich nicht lutherisch, sondern Christen heißen. Was ist Luther? Ist doch die Lehre nicht mein. So bin ich auch für niemand gekreuzigt. Wie käme denn ich armer stinkender Madensack dazu, dass man die Kinder Christi sollte mit meinem heillosen Namen nennen? Nicht also, liebe Freunde, lasst uns tilgen die parteiischen Namen und Christen heißen, des Lehre wir haben.«

Deftige und klare Worte. Wenn es nach dem frühen Luther ginge, dürfte es also keine lutherischen Kirchen geben. Doch es kam anders. Die römische Kirche bekämpfte die reformatorische Bewegung mit kaiserlicher Macht. Nach außen waren die Anhänger Luthers nun gezwungen, sich mit den Landesfürsten gegen Rom und den Kaiser zu verbünden. Nach innen mussten sie eine eigene Identität herausbilden. In der Folge entstanden lutherische Landeskirchen und ein eigenes lutherisches Bekenntnis. Für den Augsburger Reichstag 1530 schrieb Luthers Freund Philipp Melanchthon deshalb die Confessio Augustana - darin sind die Glaubenssätze der lutherischen Lehre festgehalten.

In den evangelischen Gebieten wurde nun eiligst eine Kirchenorganisation aufgebaut und die lutherische Lehre weiterverbreitet. Doch nach Luthers Tod 1546 geriet die Reformation ins Schlingern. Weil die evangelischen Fürsten im Schmalkaldischen Krieg den römisch-kaiserlichen Truppen unterlagen, mussten sie den Evangelischen viele Freiräume wieder wegnehmen. Erst im Augsburger Religionsfrieden von 1555 wurde die lutherische Konfession anerkannt.

Vier Reformatoren, zwei Konfessionen: Martin Luther, Philipp Melanchthon, Johannes Calvin, Ulrich Zwingli.
Foto: PD (4)
   Vier Reformatoren, zwei Konfessionen: Martin Luther, Philipp Melanchthon, Johannes Calvin, Ulrich Zwingli.

        

Zum Reformationsjubiläum 1580 wurden dann die wichtigsten im Luthertum gültigen Glaubensartikel und Lehrschriften zusammengestellt, darunter die drei altkirchlichen Bekenntnisse, die Confessio Augustana und Luthers Kleiner und Großer Katechismus. Damit war die lutherische Bekenntnisbildung abgeschlossen. Theologische Merkmale der lutherischen Konfession sind der Glaube an die reale Gegenwart Jesu Christi im Abendmahl, die Rechtfertigung allein aus Glauben, ohne Werke, die Zwei-Regimente-Lehre und die starke Stellung der Heiligen Schrift.

Die reformierte Konfession entstand unabhängig davon ebenfalls in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Sie ist mit zwei Personen verbunden: Ulrich Zwingli in Zürich und Johannes Calvin in Genf.

Zwingli führte als Leutpriester in Zürich die Reformation durch, mit einem Magistrat im Rücken, der für die Kirchenorganisation und das moralisch-sittliche Verhalten der Bürger zuständig war. Seine Abendmahlslehre unterschied sich wesentlich von der Luthers. Zwingli verstand das Abendmahl als Gedächtnismahl und Gemeinschaftsmahl. Die reale Anwesenheit von Leib und Blut Christi in Brot und Wein konnte er nicht denken. Aus diesem Grund scheiterten 1529 die Gespräche zwischen Luther und Zwingli, und es kam zur Spaltung der Evangelischen.

Der Franzose Johannes Calvin wirkte zur gleichen Zeit in Genf. Calvin war moralisch streng, und im Unterschied zu Luthers Lehre von der Rechtfertig allein aus Gnade im Glauben betonte er die Heiligung, die in guten Werken geschieht. In der Abendmahlslehre schloss sich Calvin nach einigem Zögern Zwingli an. Er vertrat die Lehre der doppelten Vorherbestimmung, dass es Erwählte und Verworfene gibt. In seinem Blickfeld waren die Erwählten; die Ungläubigen oder Nichterwählten waren weniger von Interesse. Zum reformierten Glauben gehören außerdem ein strenges Bilderverbot in den Kirchen. Im Altarraum hängt ein schlichtes Kreuz, kein Kruzifix mit Korpus. Der Grund: Christus ist aufgefahren in den Himmel und sitzt zur Rechten Gottes.

Die EKD: Die unierten Kirchen liegen im Westen und auf dem Gebiet des ehemaligen Preußen (gelb). Die evangelisch-lutherischen Kirchen liegen im Norden und Süden (blau). Lippe-Detmold (rot) ist eine reformierte Kirche mit lutherischer Minderheit.
Foto: Karte: Halke
   Die EKD: Die unierten Kirchen liegen im Westen und auf dem Gebiet des ehemaligen Preußen (gelb). Die evangelisch-lutherischen Kirchen liegen im Norden und Süden (blau). Lippe-Detmold (rot) ist eine reformierte Kirche mit lutherischer Minderheit.

        

Im Deutschland des 16. Jahrhunderts konnte sich der reformierte Glaube zunächst nur in der Kurpfalz etablieren. Viele reformierte Glaubensflüchtlinge zog es deshalb dorthin. 1563 wurde hier der Heidelberger Katechismus erlassen, die Sammlung reformierter Bekenntnisse, bis heute Grundbestand der meisten evangelisch-reformierten Kirchen weltweit.

In den Folgejahren verhärteten sich die innerevangelischen Fronten, dafür sorgten die orthodoxen Lager in Calvinismus und Luthertum. Wer zu weit auf die andere Seite zuging, lebte gefährlich. In Sachsen wurde 1601 der ehemalige Kanzler Nikolaus Krell auf Betreiben der sächsischen Kurfürstin-Witwe Sophie von Sachsen hingerichtet. Sein Ziel war eine europäische Union aller Protestanten und die Beendigung des Bruderkriegs zwischen der lutherischen und der reformierten Kirche.

Die Gemeinden schlossen sich zusammen

Erst mit dem Wiener Kongress 1815 kam Bewegung in die Sache. Durch die territoriale Neuordnung Deutschlands waren nun einige Gebiete nicht mehr konfessionell einheitlich. In der zu Bayern gehörenden Pfalz schlossen sich lutherische und reformierte Gemeinden zu einer Union zusammen - auch um sich als Minderheit gegen die katholische Kirche behaupten zu können. Doch das lutherische Oberkonsistorium in München lehnte die Union ab.

Zu den Unionen »von unten« zählt auch die Hanauer Union von 1818. Hier vereinigten 59 reformierte und 22 lutherische Pfarrer sowie zahlreiche Kirchenälteste ihre Gemeinden zu einer unierten Kirche. Diese Union wird auch »Buchbinderunion« genannt, weil man aus Geldmangel einfach den reformierten Heidelberger Katechismus und Luthers Katechismus in einem Buch zusammenband und es den Gläubigen überließ, was sie verwendeten.

In Preußen wurde die Union von oben verordnet. Der protestantische König Friedrich Wilhelm III. entwarf 1818 eine gemeinsame Kirchenordnung und eine unierte Agende. Viele Gemeinden blieben jedoch in der Praxis lieber lutherisch oder reformiert. Ein Kunststück: Der König wollte zwei Konfessionen zu einer machen und hatte nun derer drei.

Lange Zeit tat sich dann wieder nichts, in Franken zum Beispiel - man kann es sich heute nicht mehr vorstellen - standen sich Lutheraner und Reformierte spinnefeind gegenüber. Die Lehrdifferenzen des 16. Jahrhunderts verloren in Deutschland erst nach dem Ersten Weltkrieg an Bedeutung.

In der Zeit des Nationalsozialismus verbündeten sich lutherische, unierte und reformierte Gemeinden und Kirchen in der »Bekennenden Kirche« gegen die hitlertreuen »Deutschen Christen«. Gemeinsam formulierten sie 1934 die gegen den NS-Staat gerichtete »Barmer Theologische Erklärung«. Der Geist von Barmen wirkte auch nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs fort - im Bewusstsein gemeinsam Evangelische Kirche zu sein. Als Kirchenbund wurde deshalb die EKD gegründet. Aber eine Abendmahlsgemeinschaft gab es deshalb noch lange nicht.

Erst in der Leuenberger Konkordie 1973 fanden die beteiligten lutherischen, reformierten, unierten und vorreformatorischen Kirchen zu einer grundsätzlich gemeinsamen Auffassung von Taufe, Abendmahl und Evangelium und erklärten die gegenseitigen Verwerfungen der Reformation als nicht mehr zutreffend. Sie erkannten die Ordination gegenseitig an und beschlossen eine Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft - fast fünf Jahrhunderte nach der Reformation!

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) vereint 20 Landeskirchen. Unter ihrem Dach gibt es die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) mit sieben lutherischen Landeskirchen und die Union Evangelischer Kirchen (UEK) mit elf Landeskirchen und der Evangelisch-reformierten Kirche. Die Evangelische Landeskirche in Württemberg und die Evangelisch-lutherische Kirche in Oldenburg sind weder in der VELKD noch der UEK Vollmitglied.

Momentan wird vor allem darüber diskutiert, wie es mit diesen Kirchenbündnissen weitergehen soll. Auflösen? In die EKD integrieren? Die Synoden der drei Verbände haben sich 2005 auf das sogenannte Verbindungsmodell geeinigt, einen Kompromiss, der die Verbände am Leben erhält, aber durch mehr Synergien etwas verschlankt.

Mancher wechselt die Konfession, ohne es zu merken

Im Verbindungsmodell sollen Organe und Dienststellen der EKD und der beiden gliedkirchlichen Vereinigungen verzahnt werden, um Doppelstrukturen zu vermeiden. So tagen die Kirchenparlamente inzwischen örtlich und zeitlich verbunden, alle drei Kirchenämter befinden sich in Hannover. Um den Prozess voranzutreiben, versteht sich der Kirchenbund EKD inzwischen selbst als Kirche. Aber mit welchen Aufgaben? Eine zentralistische Kirche ohne Gemeinden - geht das überhaupt?

Der Prozess soll bis 2017 abgeschlossen werden, der Rückgang der Kirchensteuereinnahmen zwingt dazu. Außerdem gibt es in der Öffentlichkeit kein Bewusstsein mehr für die konfessionellen Unterschiede. Wer in Deutschland aus einer unierten Kirche in das Gebiet einer lutherischen Kirche umzieht, wird nicht verstehen, dass er damit die Konfession wechselt (Möbelwagenkonversion). Jener evangelische Christ in Deutschland kennt wahrscheinlich die Evangelische Kirche. Aber EKD, VELKD und UEK kennen nur sehr wenige.

Doch die Beharrungskräfte sind groß, es geht um den Abbau von Strukturen, von Stellen, aber auch von Profilen. Vor allem in der VELKD gibt es Befürchtungen, das lutherische Profil könne in Fragen wie Theologie, Liturgie und Ökumene verwischt werden.

Die Debatte bindet seit eineinhalb Jahrzehnten beträchtliche Ressourcen und scheint kein Ende zu nehmen. Die bayerische Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel warnt deshalb, dass aus der Baustelle eine Dauerbaustelle wird, auf der man es sich allzu gemütlich macht. »Dann ist die Chance einer neuen EKD vertan.«

Wird die Evangelische Kirche in Bremen vorankommen? »Um zu einer wirklich tragfähigen Lösung zu gelangen«, befürchtete der ehemalige EKD-Synodale und Münchner Theologieprofessor Gunter Wenz vor ein paar Jahren, »wird man am Ende doch das Augustanajubiläum 2030 mitsamt dem Barmenjubiläum 2034 abwarten müssen.«

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Helmut Frank

 


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abgerufen 26.09.2016 - 07:16 Uhr

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