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Dieser Artikel: Ausgabe 44/2015 vom 01.11.2015
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Der erste Theologe Christi

Personen der Bibel (44): Paulus - Von der Jesusbewegung zur Weltreligion


Paulus wandelte sich vom Christenverfolger zum glühenden Nachfolger Christi und nannte sich bald den »geringsten der Apostel«. Wie wurde er zum Missionar Europas? Was machte ihn zum herausragenden Theologen der frühen Christenheit?

Durch seine Briefe hielt Paulus Kontakt zu den von ihm gegründeten Gemeinden. Gemälde von Valentin de Boulogne, 17. Jahrhundert.
Foto: PD
   Durch seine Briefe hielt Paulus Kontakt zu den von ihm gegründeten Gemeinden. Gemälde von Valentin de Boulogne, 17. Jahrhundert.

        

Es war um das Jahr 36 n. Chr. in Jerusalem: Stephanus, der Diakon und Leiter der christlichen Gemeinde, wurde als Gotteslästerer von einer aufgebrachten Menge gesteinigt. Der Pharisäer Saulus hatte - nach dem Bericht der Apostelgeschichte - »Wohlgefallen« an der Hinrichtung. Er bewachte die Kleider der Zeugen, die gegen Stephanus ausgesagt hatten.

Die Steinigung war der Auftakt zu einer großen Christenverfolgung in Jerusalem - organisiert von Saulus. Von ihm heißt es, er habe die Gemeinde »verwüstet, indem er Männer und Frauen verschleppte und für ihre Verhaftung sorgte«. Sein nächster Auftrag: Anhänger Jesu in Damaskus ausfindig machen.

Saulus machte sich auf den Weg. Doch nicht weit von Jerusalem war die Aktion beendet. Saulus traf ein Lichtblitz, er fiel auf den Boden und hörte eine Stimme - die Stimme des auferstandenen Christus.

Diese mystische und buchstäblich umwerfende Erfahrung markierte eine 180-Grad-Wendung in seinem Leben. Paulus wurde - erblindet - nach Damaskus geführt. Ananias heilte ihn und taufte ihn, Paulus wurde ein Anhänger Christi und fühlte sich als Apostel berufen.

Paulus stammte aus einer strenggläubigen jüdischen Familie aus Tarsus in der Provinz Kilikien, einem Landstrich in der heutigen Südtürkei im Grenzgebiet zu Syrien. Er beherrschte die griechische Sprache und erbte von seinem Vater das römische Bürgerrecht, auf das er sich später erfolgreich berufen hat.

Er lernte den Beruf seines Vaters als Zeltteppichweber und folgte ihm auch als Anhänger der glaubenstreuen jüdischen Gruppe der Pharisäer, einer theologischen Ausrichtung im Judentum zur Zeit des zweiten jüdischen Tempels (ca. 530 v. Chr. bis 70 n. Chr.). Sein Lehrer war der hoch angesehene jüdische Lehrer Gamaliel. Die Gruppe der Pharisäer forderte, den »Zaun des Gesetzes« noch höher zu ziehen, als er schon war.

Nach seiner Bekehrung predigte er in Damaskus an der Synagoge, wurde verhaftet und konnte fliehen. Er zog sich für drei Jahre nach Arabien zurück. Durch Barnabas wurde er in die Urgemeinde von Jerusalem eingeführt; dort waren inzwischen Jakobus der Ältere enthauptet und Petrus aus dem Gefängnis befreit worden.

Aufenthalte in Tarsus und Antiochien - dem heutigen Antakya in der Türkei - erfüllten die nächsten Jahre. Dann zog es Paulus nach Antiochia - nach Rom und Alexandria damals die drittgrößte Stadt im Römischen Reich.

Antiochia war die erste Gemeinde, die sich von der Synagoge löste und eine allein auf Christus gegründete, gesetzesfreie Gemeinschaft bildete. Damit war das Christentum zum ersten Mal keine jüdische Splittergruppe oder Sekte mehr, sondern der Qualität nach etwas Neues, das sich aus sich selbst heraus verstand.

Anders als die Jerusalemer Urgemeinde erkannten die Antiochier das jüdische Gesetz und die Beschneidung nicht mehr als Vorbedingung für die Taufe an. Der Glaube an Jesus Christus, das Bekenntnis zu ihm war nun Voraussetzung für die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft, nicht die Anerkennung des Gesetzes.

In seinen Briefen an die Galater und die Römer hat Paulus dies zusammengefasst in dem Wort: »Ein Mensch wird nicht durch Werke des Gesetzes gerecht, sondern allein durch den Glauben an Jesus Christus« ( Galater 2, 16,  Römer 3, 28). Dennoch war er nicht gegen die guten Werke und nicht gegen das Gesetz. »Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung«, schreibt Paulus im Römerbrief ( 13, 10). Der Glaube hatte für ihn eine neue Mitte bekommen, an der alles zu messen war: Jesus Christus, der Auferstandene, der ihm vor Damaskus begegnet war.

Eine Grundlinie durchzieht seither die paulinische Theologie: Gott ruft durch das Evangelium von Jesus Christus, der Mensch antwortet mit Glaube, Liebe, Hoffnung. An Christus scheidet sich alles, von Christus her deutet Paulus alles, von ihm her eröffnet sich eine neue Sicht der Dinge - und eine neue Existenz. Diese neue Wirklichkeit riss alle Mauern ein, welche die Thora um Israel herum errichtet hatte. »Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden« ( 2. Korinther 5, 17).

Zwölf von seinen 30 Jahren Wirksamkeit verbrachte Paulus in Antiochia, hier reifte er zum ersten und wichtigsten Theologen der frühen Christenheit. Der antiochenische Freiheits-Radikalismus sollte ihn prägen. Das »neue Leben in Christus« war nicht nur persönliche Bekehrungserfahrung, sondern wurde zum Grundmotiv seiner Theologie. Das jüdische Zeremonial- und Ritualgesetz hatte für ihn seine Geltung verloren - der Glaube wird durch die Liebe wirksam ( Galater 5, 6). Gleichwohl bleiben die ethischen Gebote Gottes erhalten ( 1. Korinther 7, 19). Dieses neue Sein in Christus wird in  2. Korinther 5, 17 als neue Schöpfung beschrieben, sodass für den Christen das Alte vergangen und Neues geworden ist.

Mit dieser Botschaft im Gepäck machte sich Paulus auf den Weg. Nach einer ersten Missionsreise nach Zypern und ins südliche Kleinasien fand in Jerusalem das Apostelkonzil statt. Die kontrovers verlaufende Versammlung der konkurrierenden Parteien der jungen Kirche - wohl im Jahr 48 - gewährte Paulus die Freiheit zu Missionsreisen zu nicht jüdischen Menschen. Sein Gegenspieler war Petrus als Vertreter der Position, wonach das Christentum nicht die jüdischen Wurzeln verleugnen dürfe; die vermittelnde Position nahm der Leiter der Urgemeinde in Jerusalem, der Herrenbruder Jakobus, ein.

Vor allem Paulus' Drängen brachte also die junge Kirche dazu, die geistigen und räumlichen Grenzen zu sprengen und das Wurzelland Israel, in dem die junge Kirche theologisch und mentalitätsmäßig zu Hause war, zu verlassen und die Heidenmission voranzutreiben. Dass mit der Einigung auf diesem Konzil die Auseinandersetzungen nicht für immer vorbei waren, zeigt der antiochenische Streit ( Galaterbrief 2, 11-14), wo Petrus und auch Barnabas aufgrund des Einflusses von Vertretern der Jerusalemer Gemeinde doch wieder die Einhaltung der jüdischen Speisegebote praktizierten, was Paulus als Heuchelei und als den nicht auf die Wahrheit des Evangeliums ausgerichteten Weg bezeichnet. Er trat Petrus deshalb persönlich scharf entgegen.

Paulus war so etwas wie der erste Theologe der Christenheit. Das war er zeitlich betrachtet, denn er schrieb seine Briefe noch bevor die Evangelisten darangingen, die Berichte über Jesu Leben zu sammeln und niederzuschreiben. Und er war es auch von seiner Bedeutung her gesehen: Er formulierte den Glauben für seine Gemeinden und fundierte damit die christliche Theologie insgesamt. Er brachte das Evangelium nach Europa, durch seine Verkündigung und seine Missionsreisen wurde aus der ursprünglich rein jüdischen Jesus-Bewegung eine Weltreligion. Der Völkerapostel aus Tarsus vollzog den Brückenschlag zur römisch-griechischen Kultur und legte damit das Fundament für das christliche Abendland.

In Antiochia entwickelte Paulus sein geschwisterliches Gemeindekonzept: Alle Gemeindeglieder sind unterschiedliche, aber doch gleichwertige Glieder des einen Christusleibes, der Ortsgemeinde. Sicher ist: Paulus wollte keine hierarchische Struktur und kein herausgehobenes Priestertum, wie es heute in einigen christlichen Konfessionen ausgeprägt ist.

Er gründete Gemeinden und setzte sich vor Ort erfolgreich gegen »Irrlehrer« durch, obwohl er von diversen körperlichen Leiden geplagt und offenbar alles andere als ein guter Redner war. »Sein persönliches Auftreten ist matt, und seine Worte sind armselig«, sagten seine Gegner über ihn ( 2. Korinther 10, 10). Aber er sah sich auserwählt, »das Evangelium Gottes zu verkündigen« ( Römer 1, 1). Dies tat er mit voller Hingabe. Er wurde verfolgt, ausgepeitscht, gesteinigt, ins Gefängnis geworfen, geriet in Seenot, aber er machte weiter. »Weder Tod noch Leben«, schrieb er im Brief an die Römer, »weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn« ( Römer 8, 38 f.).

Er tat es mit Hingabe, und er hatte eine klare Botschaft, die vor allem im Brief an die Römer zum Ausdruck kommt: Durch die Gnade Gottes seid ihr durch Christus versöhnt mit Gott, mit euch selbst und mit den anderen.

Seine Theologie entwickelte Paulus hauptsächlich in der Auseinandersetzung mit seinen Gegnern: im Konflikt mit dem gesetzestreuen Judenchristen Petrus, den der Synagoge zugewandten Anhängern des Herrenbruders Jakobus in Antiochia und den Überaposteln, Ekstatikern und Charismatikern in Korinth.

Paulus kämpfte an zwei Fronten: der des Gesetzes und der des Enthusiasmus. Gegen die Judaisten entwickelte er seine Freiheitstheologie, gegen die Charismatiker seine Kreuzestheologie.

Paulus war ein eigenständiger Theologe. Die ländliche Welt der Dörfer Galiläas, wie sie sich in den Gleichnissen Jesu widerspiegelt, spielte in einem städtischen Christentum keine Rolle. Auch der See Genezareth, der Tempel und die Priesterschaft verschwinden. Er hat Jesus nicht aktualisiert im traditionsbewahrenden Sinne von »Jesus hat gesagt, darum gilt: ...«, sondern er hat den Christusglauben als neue Existenz formuliert. Aus dem verkündigenden Jesus wird der verkündigte Christus.

Sein Tod liegt im historischen Dunkel. Eine Kreuzigung ist ihm wohl als römischem Bürger erspart geblieben.

PAULUS

  NAME: Das hebräische Saul bedeutet »Der Erbetene«, das lateinische Paulus bedeutet »Der Kleine«.

  BERUF: Zeltmacher und Missionar

  HERKUNFT: Tarsus in Kilikien in der heutigen Osttürkei

  ZEIT: Paulus lebte von 5 bis 64 n. Chr.

  WICHTIGE BIBELSTELLEN:  1. Samuel 8-31

  WIRKUNGSGESCHICHTE: Paulus brachte das Christentum nach Europa.

  ZITAT: »Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.« ( Römer  8, 38 f.)

  ZUM WEITERLESEN: Georg Hentschel: Saul - Schuld, Reue und Tragik eines Gesalbten, Leipzig 2003.

THEOLOGISCHES STICHWORT

LEIB CHRISTI: Paulus betont mit dem Leibgedanken die Einheit der Gemeinde. Kann er in  1. Korinther 12, 27 schreiben »ihr seid Leib Christi«, so in  Römer 12, 5 »ein Leib in Christus«. Er meint damit: Wir sind bei aller Vielzahl eine organische Einheit. Bemerkenswert: Nicht der Kopf ist das Wichtigste, sondern die schwächsten Glieder in der christlichen Gemeinde werden zum ausschlaggebenden Kriterium für das Verhalten aller! Aber es heißt nicht, dass die Stärkeren für die Schwächeren sorgen sollen - das hieße ja, den Letzteren wiederum absprechen, dass auch sie ein Charisma haben! An das gegenseitige Geben und Nehmen ist gedacht, und die sich selbst für vollendet haltenden Charismatiker werden daran erinnert, wie sehr auch sie von dem Charisma ihrer christlichen Geschwister abhängig sind. Fazit: Jeder Christ ist ein Charismatiker! (Ernst Käsemann).

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Helmut Frank

 


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abgerufen 25.08.2016 - 18:36 Uhr

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