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Dieser Artikel: Ausgabe 44/2015 vom 01.11.2015
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»Fall erledigt. Von wegen«

Der langjährige Mordermittler Josef Wilfling nimmt die Angehörigen von Opfern und Tätern in den Blick


Tagtäglich lesen wir von Verbrechen - und vergessen die Schlagzeilen schnell wieder. Angehörige von Opfern und Tätern verfolgen sie jedoch den Rest ihres Lebens. In seinem dritten Buch »Verderben« spricht Josef Wilfling über die Macht der Mörder.

»Nach der Klärung eines Falls beginnt für die Angehörigen der Opfer ein Höllenweg«: Josef Wilfling ermittelte in rund 100 Mordfällen.
Foto: Frank Bauer
   »Nach der Klärung eines Falls beginnt für die Angehörigen der Opfer ein Höllenweg«: Josef Wilfling ermittelte in rund 100 Mordfällen.

        

  Herr Wilfling, Ihr neues Buch ist der Abschluss einer Trilogie...

Wilfling: Ja, der erste Band bildete die Basis und beschrieb die unterschiedlichen Mordmotive, der zweite zeigte den Weg zur Mörderwerdung vor der Tat auf. Das dritte Buch beschäftigt sich nun damit, was danach kommt. Das schildere ich anhand von Fällen aus meiner Zeit als Chef der Münchner Mordkommission. Darunter sind geklärte Fälle ebenso wie ungeklärte. Und sogar welche, bei denen der Täter freigesprochen wurde. In diesem Zusammenhang beleuchte ich auch den Umgang mit der Lüge und die Tatsache, dass Ungewissheit das Schlimmste für alle Beteiligten ist und deshalb Aufklärung immer höchste Priorität hat.

  Der Titel lautet »Verderben. Die Macht der Mörder«. Wie sieht diese Macht aus?

Wilfling: Die größte Macht der Mörder ist die völlige Ahnungslosigkeit und Hilflosigkeit ihrer meisten Opfer, wie beim Absturz der Germanwings-Maschine. Auch bei »normalen« Mordfällen reift der kranke Plan eines Täters fast immer heimlich im stillen Kämmerlein. Nach jedem Mord kommt dann immer die Frage: Hätte man es verhindern können? Wer hat etwas übersehen? Nur ganz wenige Verbrechen kann man meiner Meinung nach verhindern. Bei Amokläufen wie dem von Anders Breivik in Norwegen war das genauso schwierig vorauszusehen. Selbst im totalen Überwachungsstaat kann man die Taten einzelner Menschen nicht verhindern. Sobald es Gruppierungen wie die NSU sind, die sich vernetzen und untereinander kommunizieren, sieht es schon anders aus. Da gibt es zumindest eine Chance der Vorbeugung. Aber beim Einzeltäter kaum. Lediglich die Tätersuche nach einem Verbrechen ist durch die Überwachung einfacher geworden...

  Sie legen Ihren Fokus in diesem dritten Buch auf die Angehörigen von Opfern und Tätern. Warum war Ihnen dieser Aspekt so wichtig?

Wilfling: Während Polizei und Öffentlichkeit den Fall nach der Klärung ad acta legen, beginnt für die Angehörigen von Opfern ein Höllenweg. Für mich war dieser Umstand immer sehr belastend in meinem Beruf. Wenn zum Beispiel Eltern ihr Kind verloren haben. Für sie wird nichts mehr so sein, wie es einmal war. Deren Leben ist genauso zerstört wie das des Opfers. Das gilt natürlich auch für Angehörige des Täters. Zum Beispiel ein Familienvater, der zum Mörder wird. Dessen Frau und Kinder müssen damit leben, dass ihr Leben zerstört ist.

  Was passiert aus Ihren Erfahrungen meist mit den Angehörigen von Opfern, was mit denen der Täter?

Wilfling: Die Angehörigen von Opfern kämpfen danach oft mit Gefühlen wie Wut, Rache, Schuldgefühlen. Sie machen sich Vorwürfe nach dem Motto: »Hätte ich doch nur ...« Wenn man sie mit so einer Nachricht konfrontieren muss, erlebt man die ganze Bandbreite der Emotionen. Angefangen beim Zusammenbruch bis hin zu Schockstarre oder Aggressionen. Auch uns gegenüber, wenn sie niemand anderen haben, an dem sie ihre Wut ablassen können...

  Trauern Männer anders als Frauen?

Wilfling: Trauer ist so vielfältig wie wir Menschen unterschiedlich sind. Was ich allerdings beobachtet habe, ist, dass Familien nach einem Mordfall zerbrechen, weil Ehepartner unterschiedlich trauern und kein gegenseitiges Verständnis aufbringen für die Art, wie der Partner damit umgeht. Deshalb rate ich immer von Anfang an zu professioneller Hilfe durch Psychotherapeuten. Leider wird dieses Angebot zu wenig angenommen. Viele denken, sie schaffen das alleine. Aber mit der Aufklärung des Verbrechens ist es eben nicht getan. Nach dem Motto: Da liegt die Leiche, da ist der Täter. Fall erledigt. Von wegen. Als Folge gibt es immer eine Vielzahl von Opfern, nicht nur eines. Auch Selbstmorde von Angehörigen kommen im Nachhinein vor. Bei den Angehörigen von Tätern sieht es wieder ganz anders aus. Diese Menschen werden oft stigmatisiert und ausgegrenzt. Die meisten von ihnen haben aber nicht die finanziellen Mittel, um sich eine neue Identität zu schaffen, umzuziehen oder die Kinder in eine andere Schule wechseln zu lassen. Angehörige von Tätern halten zudem oft auch zu diesen, versuchen sie zu entlasten und stehen ihnen notfalls sogar durch Falschaussagen bei.

  Worauf kommt es beim Umgang mit den Angehörigen an?

Wilfling: Das gehört zu den schwierigsten Aufgaben für Kriminalbeamte. Es entsteht immer ein enges Verhältnis zwischen Angehörigen und Ermittlern. Das wichtigste für mich war immer, offen und ehrlich mit ihnen umzugehen und sie immer auf dem neuesten Stand der Ermittlungen zu halten, sofern es aus kriminaltaktischen Gründen möglich war. Besonders schwierig wird es, wenn Angehörige dem Kreis der potenziellen Täter zuzurechnen sind, wie das bei Beziehungstaten fast immer der Fall ist. Eine schmale Gratwanderung, die viel Erfahrung erfordert.

  Können Opfer auch nach einer Weile den Tätern verzeihen? Wie oft werden Mittlergespräche angenommen?

Wilfling: Im Bereich von Tötungsdelikten habe ich das noch nie erlebt. Ich habe zwar gelesen, dass die Eltern im Fall »Marco« damals dem Mörder ihres Sohnes verziehen haben, wobei sie die Kraft dafür aus ihrem christlichen Glauben geschöpft haben sollen. Ein sehr seltener Vorgang. Vergebung habe ich nie erlebt. Ebenso wenig wie Selbstjustiz oder Racheakte, mit Ausnahme von sogenannten Ehrenmorden. Was aber alle Angehörigen wollen, ist eine gerechte Bestrafung der Täter.

  Sie haben noch Kontakt zu Opfern, deren Verlust schon lange Zeit zurückliegt. Wie ist da die Tendenz: Haben Sie auch erlebt, dass Wunden heilten und Menschen trotzdem wieder glücklich werden können?

Wilfling: Fakt ist: Dieser Verlust begleitet Menschen bis an ihr Lebensende. An jedem Geburtstag, an Weihnachten und jedem anderen Tag. Einige verarbeiten es schneller, andere weniger. Das ist völlig unterschiedlich. Schlimm ist es, wenn jemand resigniert und keinen Lebensinhalt mehr hat oder nicht loslassen kann. Entscheidend ist: Wenn Menschen ein höheres Ziel haben, eine Verantwortung, die höher wiegt als der Verlust und das Leid, dann schaffen sie es. Ich habe Frauen erlebt, die ihren Mann durch ein Verbrechen verloren haben, sich aber für die Kinder zurück ins Leben gekämpft haben. Die Verantwortung hat ihnen dabei geholfen. Ein anderes Beispiel ist das einer Mutter, die nach dem Tod ihres ermordeten Kindes eine Organisation gründete, die sich um Opfer kümmerte. So wie die Schwester des in Berlin erschlagenen Jungen Jonny K. Das gibt den Angehörigen oft neue Kraft.

  Glauben Sie aus Ihrer Erfahrung heraus, es macht einen Unterschied, ob man einen Menschen durch einen Unfall oder einen Mord verliert? In beiden Fällen ist der Verlust ja derselbe.

Wilfling: Einen Unfall müssen wir in gewisser Weise akzeptieren, aber bei einem Tötungsdelikt kommen zur Trauer auch noch Wut oder sogar Hass hinzu. Diese Sinnlosigkeit ist beim Unfall auch gegeben, im Straßenverkehr sterben ja um die 4000 Menschen pro Jahr. Aber das willkürliche Handeln eines Mörders löst bei Opferangehörigen zusätzliche, negative Emotionen aus.

  Ist die Trauer bei Massenunglücken »leichter« zu bewältigen, weil man nicht alleine ist als Angehöriger?

Wilfling: Bei solch einem Ereignis fungieren die Angehörigen wie eine Selbsthilfegruppe. Ich kann mir vorstellen, dass das hilfreich ist, nicht alleine in seinem Leid zu sein, sondern es mit anderen teilen zu können.

  Welche Rolle spielt die öffentliche Meinung bzw. wieviel Macht haben der Mob oder ein Shitstorm?

Wilfling: Wir leben in einer absoluten Mediengesellschaft. Das merken wir besonders stark bei Tötungsdelikten. Natürlich profitiert die Polizei auch davon, wenn es um Hinweise, Aufrufe, Fahndungen etc. geht. Schwierig wird's aber bei Vorverurteilungen und Stigmatisierungen durch die Medien, das erschwert uns die Arbeit und erhöht den Druck bei der Tätersuche. In puncto soziale Medien habe ich so manches Mal meine Zweifel am Bildungsstand unserer Bevölkerung, wenn ich die Kommentare mancher Leute lese. Falls dies das Spiegelbild unserer Gesellschaft ist, muss ich sagen: armes Deutschland. Ich hoffe, die Gesellschaft ist insgesamt nicht so dumpf und primitiv, wie man es in den Foren des Internets erleben kann.

  Bei Jugendlichen hat der Begriff »Du Opfer« heute nicht mehr die Bedeutung von »Mitleid haben«, sondern es steht bei Jugendlichen als Synonym für Versager, Loser. Was sagen Sie zu diesem Wandel in unserer Gesellschaft?

Wilfling: Meiner Ansicht nach ist das es bedenkliche Entwicklung, wenn gerade jungen Menschen das Mitleid abhanden geht und sie Opfer nur noch als Verlierer sehen. Das kommt auch durch solche Ausdrücke zum Vorschein und zeigt einen deutlichen Mangel an Empathie. Es ist der immer mehr um sich greifende Egoismus, der mir aufgefallen ist. Und noch etwas ist mir aufgefallen: Es gibt immer mehr Eltern, die unfähig sind, Kinder zu erziehen. Vieles wird bequem an den Staat und an die Schule abgeschoben, aber die Verantwortung liegt bei den Eltern.

  Wie geht man selbst am besten mit Angehörigen von Opfern um? Viele Leute haben da Berührungsängste. Soll man darauf ansprechen oder lieber nicht?

Wilfling: Wenn irgendwo ein Tötungsdelikt passiert, dominiert erst einmal die Angst. Aber es kommt auch viel Hilfsbereitschaft zum Vorschein. Man registriert sie nur nicht so, weil das Leid alles überlagert. Kennt man die Betroffenen oder hat Kontakt mit solchen Menschen, sollte man auf sie zugehen und sagen: »Wenn Sie mich brauchen, ich bin für Sie da.« Nicht aufdrängen, sondern anbieten. Ich habe bei allem Negativen auch immer wieder festgestellt: Wo viel Leid ist, ist auch viel Menschlichkeit.

 

Josef Wilfling: Verderben - Die Macht der Mörder. Heyne Verlag, 320 Seiten, ISBN 978-3-453-19443-4, 19,99 Euro.

  JOSEF WILFLING: Als Chef der Münchner Mordkommission ermittelte Josef Wilfling 22 Jahre lang in rund 100 Mordfällen. Zu seinen bekanntesten zählten die von Schauspieler Walter Sedlmayr und Modezar Rudolph Moshammer. Ebenfalls für Aufsehen sorgten seine Untersuchungen im Fall des Schauspielers Günther Kaufmann sowie die Festnahme des Serienmörders Horst David. Seit seinem Ruhestand im Jahr 2009 ist Wilfling Buchautor, Gastredner bei Veranstaltungen und hält Lesungen zu Themen der Kriminalistik. Der Bayerische Rundfunk verfilmte die spektakulärsten Fälle des gebürtigen Franken als TV-Serie.

  BUCHTIPP: Josef Wilfling: Verderben - Die Macht der Mörder. Heyne Verlag, 320 Seiten, ISBN 978-3-453-19443-4, 19,99 Euro.

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Interview: Anja Boromandi

 


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abgerufen 30.09.2016 - 18:51 Uhr

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