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Dieser Artikel: Ausgabe 44/2015 vom 01.11.2015
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Kribbeln im Kopf

Warum sich Millionen User stundenlang Videos übers Haarekämmen anschauen


Stundenlanges Rasieren, eine Hand, die mit einem Pinsel über Papier streicht, oder jemand, der zwei Styroporplatten gegeneinanderreibt - Tätigkeiten, die einige Nutzer sich stundenlang im Internet anschauen. Vor allem unter jüngeren Menschen hat sich über die Videoplattform YouTube ein regelrechter Hype entwickelt. Dabei geht es vor allem um Entspannung.

Vom Rascheln des Sands zum Kribbeln im Kopf: Viele Menschen kennen das Gefühl der »Gänsehaut im Kopf«. Screenshot eines ASMR-Videos.
Foto: Screenshot YouTube
   Vom Rascheln des Sands zum Kribbeln im Kopf: Viele Menschen kennen das Gefühl der »Gänsehaut im Kopf«. Screenshot eines ASMR-Videos.

        

Jahrelang dachte Alexander Graf, dass jeder dieses Kribbeln im Kopf kennt. Zum Beispiel wenn jemand ein Paket auspackt und die Plastikpolster herausnimmt. Das Knistern löst bei dem 27-Jährigen eine Art Gänsehaut im Kopf aus, die wie ein warmer Schauer über den Rücken läuft und sich je nach Intensität weiter über die Arme und den Rücken ausbreitet. »Alle, die das Phänomen schon einmal erlebt haben, werden wissen, wovon ich rede«, sagt Graf.

Seit etwa fünf Jahren hat dieses Gefühl einen Namen: ASMR. Die Abkürzung steht für »Autonomous Sensory Meridian Response«. Die Bezeichnung stammt aus dem englischsprachigen Raum, einen eigenen deutschen Begriff gibt es dafür nicht.

Wie Alexander Graf, Marketing-Mitarbeiter aus Bergisch-Gladbach, kennen die meisten dieses Gefühl seit frühester Kindheit. »Ich habe das Gefühl, schon seit ich denken kann«, berichtet Graf. Vor zwei Jahren wollte der damalige Student aus Nordrhein-Westfalen mehr wissen. Graf durchstöberte das Internet, um mehr über das Phänomen zu erfahren. Und stellte fest: In Deutschland gibt es dazu keinerlei Information, geschweige denn einen Austausch in Internetforen.

In den USA dagegen schon. Graf startete daraufhin das erste deutschsprachige ASMR-Forum. »Ich war wirklich baff, als ich die Reaktionen darauf gesehen habe.« uf der Seite finden sich zahlreiche Links zu ASMR-Videos, Foren, in denen sich die Menschen über das Gefühl austauschen können - und auch ASMR-Parodien.

»Die Homepage ist in erster Linie zum Austausch für diejenigen gedacht, die mehr über das Phänomen erfahren wollen«, erklärt Graf. Denn der größte Teil der ASMR-Gemeinde versammelt sich woanders: auf der Videoplattform YouTube. Hunderttausende Besucher verzeichnen unzählige Clips zu unterschiedlichen, stummen Tätigkeiten.

Das beliebteste Video: zehn Stunden ohne Gerede. Es zeigt, unter anderem, wie ein Mann einen Teebeutel schüttelt, die Haare einer Frau kämmt oder mit einem Rasierpinsel über einen Klettverschluss streicht. Mehr als zwei Millionen Besucher klickten dieses Video bereits.

»Die ASMR-Clips sind vor allem zur Entspannung gedacht«, erklärt Graf. Er vergleicht das Geräusche-Schauen mit einer Art Meditation. Auch bei Schlafstörungen oder Panikattacken könnten die Endlos-Videos häufig beruhigend wirken. »Im Netz wird es manchmal auch mit Orgasmus im Gehirn beschrieben«, erzählt Graf. Dies treffe die Sache seiner Meinung nach jedoch nicht.

Trotz der Beliebtheit im Netz: Wissenschaftlich erforscht ist das Phänomen noch nicht. »Bei ASMR handelt es sich um ein komplexes Phänomen, das mit den vorhandenen Messmethoden der Psychologie schwer zu erfassen ist«, erklärt Professor Michael Oehler, Experte für Psychoakustik an der Hochschule Düsseldorf.

Oehler, der bereits zu der Wirkung unangenehmer Geräusche geforscht hat, erklärt sich die Effekte angenehmer Geräusche neben akustischen Merkmalen durch unterschiedliche Faktoren. »Wie wir Geräusche empfinden, ist zum einen erlernt. Und auch die Sozialisation, Erfahrungen und die daraus resultierende Erwartungshaltung spielen eine Rolle«, erklärt Oehler. Bestandteil bei ASMR sei deswegen auch immer der visuelle Aspekt, also das Video.

»Ich muss mich voll auf das Geräusch konzentrieren können, das geht am besten über ein Video«, bestätigt Alexander Graf. Dasselbe Geräusch in einer Fußgängerzone gehört - es hätte niemals denselben, entspannenden Effekt.

Oft wird ASMR mit dem Phänomen der Synästhesie verglichen - mit der Fähigkeit einiger Menschen, etwa Töne gleichzeitig als Farben wahrzunehmen. Auch empfinde nicht jeder ein solches Gefühl - vor allem nicht bei denselben Geräuschen. »Der Auslöser ist immer individuell«, erklärt Oehler. Wer dieses Gefühl noch nicht kennt, der hat vielleicht einfach noch nicht den Auslöser gefunden.

 

  INFO:  www.asmr-deutschland.de

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Nadja A. Mayer

 


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abgerufen 08.12.2016 - 06:55 Uhr

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