Home Artikel-ID: 2015_44_muc_11_01
Diese Woche - die aktuelle Ausgabe
Themen
E-Paper: Sonntagsblatt digital
Jetzt im Sonntagsblatt-Shop bestellen!
Archiv
Die Redaktion
Abo-Service
Anzeigen-Service
Leserreisen
Leserbriefe
Impressum



    
Heute: 27.07.2016
Aktuelle Ausgabe: 29 vom 17.07.2016
Dieser Artikel: Ausgabe 44/2015 vom 01.11.2015
Alle Artikel der » Ausgabe 44/2015 im Archiv aufrufen.
  Druckversion


Disputation im Gemeindegarten

Die Gemeinde der Priener Christuskirche hat zum Reformationsjubiläum 95 neue Thesen aufgestellt


Wer zwei Jahre vor dem Reformationsjubiläum 95 brandneue Thesen auf dem Grundstück einer evangelischen Kirche publik macht, der wagt sich an eine bedeutungsschwere Analogie. Und hat vermutlich etwas zu sagen. Die Gemeinde der Christuskirche in Prien am Chiemsee hat sich dieses Mammutwerk zugetraut. Pünktlich zum Reformationstag ist es fertiggeworden.

Glaubenssätze und Lebensgefühle finden sich im Stelen-Garten der Christuskirche Prien. Pfarrer Wackerbarth hofft auf eine rege Diskussion - wie nach Luthers Thesenanschlag von 1517.
Foto: prien-evangelisch.de
   Glaubenssätze und Lebensgefühle finden sich im Stelen-Garten der Christuskirche Prien.

        

Mehrere kleine Wäldchen aus zwei Meter hohen »Thesen-Stelen« stehen nun rund um die achteckige kleine Kirche; auf dem Vorplatz, an dem kleinen grasbewachsenen Hang auf der Gebäuderückseite, im Gemeindegarten. Bunte und auch schlichte, beschriebene oder reich verzierte Holzsäulen sind es. Und wie im Falle Luthers finden sich auch einige - wenn auch kleinere - provokante Äußerungen.

Das mag daran liegen, dass mehrere Laien-Künstler das Projekt gestaltet haben - und nicht nur Kirchenmitglieder unter ihnen waren: Alle Interessierten in Prien konnten kostenlos eine Stele gestalten. »Es ging darum, alle zu Wort kommen zu lassen. Auch die, die nichts mit der Kirche am Hut haben, oder denen man sonst vielleicht nicht zuhört«, sagt Pfarrer Karl-Friedrich Wackerbarth.

Wichtig ist Wackerbarth: Es gab weder Auswahlkriterien für die Teilnehmer, noch Zensur bei den Inhalten. Jeder, der zum Thema »Gott und die Welt«, über »Schmerz, Gefühle oder Freude« etwas loswerden wollte, war eingeladen.

Es gab keine Auswahlkriterien für die Teilnehmer, keine Zensur bei den Inhalten: einer der Stelen vor der Priener Christuskirche.
Foto: Naumann
   Es gab keine Auswahlkriterien für die Teilnehmer, keine Zensur bei den Inhalten: einer der Stelen vor der Priener Christuskirche.

        

Rund zwei Jahre hatte die Malerin Eva-Maria Ladwig die Arbeiten betreut. »Sie hat einen unglaublichen Aufwand betrieben«, sagt Wackerbarth. Einerseits, weil die Holzstelen mehrfach lackiert werden mussten und eine Einführung in die Arbeit mit den teuren Farben nötig war. Vor allem aber, weil für viele Stelen-Gestalter der künstlerische Prozess anstrengend, aber wichtig war: Rentner, Kinder, Asylsuchende oder auch die Gruppe eines Treffs für Behinderte und Nichtbehinderte beteiligten sich, erzählt der bärtige Theologe. Der Künstlerin hätten sich viele Teilnehmer »ganz anders geöffnet, als einem Vertreter der Kirche«, sagt er.

Tatsächlich fallen nicht alle der Arbeiten leicht verdaulich aus: »Da finden sich auch sehr dunkle Stelen, da gibt es etwa Schilderungen eines Mädchens, das vergewaltigt worden ist.« Auf einer anderen Säule, nahe an der Kirchenwand, steht eine Sure aus dem Koran geschrieben. Auch das sei für einige Betrachter durchaus eine Provokation, sagt Wackerbarth. Aber natürlich finden sich auch Bibelsprüche und Sätze über die Freude am Leben. »Das Leben ist kein Ponyhof, aber Gott weiß, was er tut«, schrieb eine Grundschülerin auf ihre Stele.

Was all das mit Luther zu tun hat? Luther habe einst eine Öffnung gesucht, eine Auseinandersetzung über drängende Themen, sagt Wackerbarth. Heute kämpfe die Kirche vor allem mit der Frage, wie sie mit Menschen ins Gespräch kommen könne - und müsse sich gerade deshalb erneut öffnen. Diesen Effekt habe das Projekt gebracht: »Man sieht hier: Kirche ist ein Raum der Begegnung mit Gott, der ganz unterschiedlich gefüllt werden kann.«

Pfarrer Wackerbarth hofft auf eine rege Diskussion - wie nach Luthers Thesenanschlag von 1517.
Foto: Naumann
   Pfarrer Wackerbarth hofft auf eine rege Diskussion - wie nach Luthers Thesenanschlag von 1517.

        

Dann ist da noch eine Parallele, die selbst den Pfarrer überrascht hat. Denn erst mitten im Projekt hörte er von einem Theologieprofessor, dass nicht alle von Luthers 95 Thesen die eigene Meinung des Reformators widerspiegelten: »Bei einer Disputation stellt man Argumente zusammen, um sie dann im Diskurs miteinander zu erörtern.« Ebenso habe man nun eben ganz verschiedene Ansichten zum Thema »Welt und Glaube« zur Verfügung gestellt - und hoffe auf eine Diskussion.

So ganz nebenbei wurde laut Wackerbarth übrigens auch das Aufstellen der Säulen zu einem Moment der Verständigung: »Wir mussten ja unzählige Löcher graben, teils im steinigen Boden«, erzählt er. Unterstützung erhielten die Mitarbeiter der Gemeinde von einem nigerianischen Flüchtling, der derzeit in der Christuskirche Kirchenasyl genießt - und von seinen Freunden aus der Umgebung. »Die hatten damals nicht viel zu tun, die waren sehr glücklich über die Arbeit - und wir sehr glücklich über die Hilfe.«

Einen kleinen Schönheitsfehler muss Wackerbarth allerdings eingestehen: In Wirklichkeit zieren nur 94 Thesen das Grundstück seiner Kirche. 82 Stelen und 12 Thesen-Würfel sind rund um die Kirche zu sehen. Eine Stele wurde vom Künstler, einem Patienten einer Priener Klinik, angefangen, aber nicht mehr abgegeben. Aber auch diese Leerstelle habe eine passende Bedeutung: »Damit bleibt auch noch etwas offen.«

 

  INTERNET:  www.prien-evangelisch.de

Kreative Gemeinde - die besten Projekte und Initiativen der bayerischen evangelischen Kirchengemeinden

 

»Musica Sacra« - herausragende Werke der Kirchenmusik

MUSICA SACRA

 

Der Sonntagsblatt-Shop und das Sonntagsblatt-Blog.
 

 

 

 

Florian Naumann

 


Valid HTML 4.01 Transitional

/news/aktuell/2015_44_muc_11_01.htm
abgerufen 27.07.2016 - 03:09 Uhr

© Sonntagsblatt 1998-2016, ImpressumWebmaster
Angebote für Webmaster / AGB

#nächstenliebejetzt: die Aktion gegen Hass und Angst des Evangelischen Presseverbands für Bayern, dem Verlagshaus des Sonntagsblatts

»Die Personen der Bibel«: der beliebte Glaubenskurs aus dem Sonntagsblatt jetzt als Buch für nur 19,90 Euro. Gleich bestellen!

Werden Sie Hoffnungsträger - und spenden Sie ein Patenschafts-Abo für Menschen in Pflegeheimen, Krankenhäusern und Gefängnissen. Jetzt mitmachen!