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Dieser Artikel: Ausgabe 45/2015 vom 08.11.2015
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Wer sind die Freimaurer?

Zwischen Geheimnis und Öffentlichkeit: Freimaurerei in Deutschland

Von Matthias Pöhlmann

Das Erscheinungsbild der Freimaurerei in Deutschland verändert sich. Der ethische Männerbund mit hierzulande rund 15.500 Mitgliedern passt sich zunehmend den Erfordernissen der Medien- und Kommunikationsgesellschaft an: Neu gestaltete Internetauftritte, Diskussionsforen, Buchpublikationen, die Beteiligung an öffentlichen Aktionen wie »Die lange Nacht der Museen« oder dem »Tag des Denkmals« zeigen eine neue Offenheit. Zusätzlich verschaffen neuere, oft flott geschriebene Bücher dem eigenen Anliegen eine größere Öffentlichkeit. Und doch bleibt ein Geheimnis.

In Verschwörungstheorien und in der Populärkultur ist die Freimaurerei als Thema beliebt. Logenmitglieder geben offen zu: So wie in den einschlägigen Thrillern beschrieben, wäre man gerne - gut, wohlhabend und einflussreich. Die Realität sieht meist profaner aus.
Foto: Sergey Rusakov / shutterstock.com
   In Verschwörungstheorien und in der Populärkultur ist die Freimaurerei als Thema beliebt. Logenmitglieder geben offen zu: So wie in den einschlägigen Thrillern beschrieben, wäre man gerne - gut, wohlhabend und einflussreich. Die Realität sieht meist profaner aus.

        

In Verschwörungstheorien und in der Populärkultur ist die Freimaurerei als Thema besonders beliebt. Zu erinnern ist dabei an ein Ereignis vor sechs Jahren: Mit großer Spannung wurde im Herbst 2009 der neue Thriller »Das verlorene Symbol« des amerikanischen Bestsellerautors Dan Brown erwartet. Diesem Ereignis blickte mancher Freimaurer durchaus mit gemischten Gefühlen entgegen. Dafür sorgte nicht zuletzt die Verlagsankündigung, wonach im Zentrum des neuen Thrillers die Freimaurer und ihr Einfluss auf die amerikanische Geschichte stünden.

Sollte Brown - so die Befürchtung - mit gängigen stereotypen Verschwörungstheorien über die Logen aufwarten? Der Dan-Brown-Code ist seit »Illuminati« und »Sakrileg« hinlänglich bekannt. In spannungsgeladenen Inszenierungen geht es darin um Mord, finstere Machenschaften und das unheilvolle Treiben von obskuren Geheimgesellschaften. In einer rasanten Schnitzeljagd spürt der Symbolforscher Robert Langdon die Mörder auf und wird dabei selbst zum Gejagten.

Als das neue Buch in deutscher Übersetzung vorlag, war die Erleichterung bei den Freimaurern hierzulande groß. Mancher ließ sich gar zu der Bemerkung hinreißen, Dan Brown habe eine »Werbebroschüre« für die Freimaurerei geschrieben. Immerhin macht Brown aus seiner Bewunderung für den Männerbund keinen Hehl, wie er es in einem Schreiben an eine US-amerikanische Loge bekundete.

Initiation eines Suchenden in die Freimaurerei. Kupferstich von 1805, Frankreich.
Foto: PD
   Initiation eines Suchenden in die Freimaurerei. Kupferstich von 1805, Frankreich.

        

Gleichwohl sehen deutsche Freimaurer die Sache etwas nüchterner - und selbstkritischer. Ein deutsches Logenmitglied gab zu: So wie Brown die Logenmitglieder beschrieben hatte, wäre man selbst gerne - gut, wohlhabend und einflussreich. Doch: Die Erwartung, mithilfe der »Königlichen Kunst« Überwissen, übermenschliche Macht oder gar eine Selbstvergottung erlangen zu können, muss sich nach freimaurerischem Selbstverständnis als Trugschluss erweisen: Der Freimaurer bleibe - trotz seines steten Bemühens um Selbstveredelung - ein lebenslang »Suchender«.

Bei den Freimaurern handelt es sich um einen nach Ländern in Großlogen organisierten symbolischen Werkbund, der sich der Humanität, Toleranz und Brüderlichkeit verpflichtet weiß. Der Zugang zum Bruderbund ist Männern vorbehalten. Die Freimaurerei begreift sich weder als Religion noch als Kirche, sondern als initiatorischen, ethisch orientierten, universellen Gesinnungsbund, dessen Mitglieder (»Brüder«) eine geistige Vertiefung und menschliche Haltung anstreben.

Dazu bedient sich die Freimaurerei spezifischer Rituale und Symbole, die der Welt der mittelalterlichen Steinmetzbruderschaften entstammen. Der Ablauf der Rituale im freimaurerischen Tempel unterliegt der Verschwiegenheit, der Diskretion. Für Freimaurer ist das Erleben des Rituals das eigentliche Geheimnis. Für Außenstehende (»Profane«) ist es prinzipiell nicht zugänglich. Entscheidend ist die Unterscheidung von Profanem und Nichtprofanem bzw. Sakralem. Auf letzteren Begriff verzichtet die Freimaurerei, wenngleich religiöse Anklänge in der Symbolik und im Ritualsystem durchaus vorhanden sind.

Symbolik der Freimaurer: das Auge der Vorsehung, Zirkel und Winkel.
Foto: PD
   Symbolik der Freimaurer: das Auge der Vorsehung, Zirkel und Winkel.

        

Das Verhältnis von Geheimnis und Öffentlichkeit in der Freimaurerei bleibt ein Spagat. Es gilt für Freimaurer abzuwägen zwischen der vom Bund gebotenen Verschwiegenheit und dem Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit. Keinesfalls dürfen aus freimaurerischer Sicht bekannt gegeben und veröffentlicht werden: »Erkennungszeichen (Zeichen, Wort und Griff), wörtliche Ritualtexte, die über ein kurzes Zitat hinausgehen, Bild- und Tonarbeiten von rituellen Arbeiten, Offenlegung des Tempels, der voll zur Tempelarbeit eingerichtet ist und dessen Teppich nicht abgedeckt ist, Namen von anderen Freimaurer-Brüdern, sofern sie nicht selbst ihre Mitgliedschaft offenlegen.« Die Geheimhaltung der Ritualtexte wird von freimaurerischer Seite damit begründet, dass der Kandidat die Rituale eindrucksvoller erlebe, wenn er nicht vorher schon von ihnen Kenntnis habe.

Historisch lässt sich die Freimaurerei auf die mittelalterliche Bauhüttentradition zurückführen. Dieses Erbe der Steinmetzbruderschaften zeigt sich auch im Begriff des »Maurers«, in der Abstufung der Mitglieder in Lehrling, Geselle und Meister sowie in bestimmten Symbolen wie Tempel, Loge (= Bauhütte), Maurerschurz, Winkelmaß, Zirkel, Senkblei. Somit ist die Freimaurerei ein symbolischer Werkbund. Es geht um die ethische Vervollkommnung des Einzelnen.

Freimaurer verstehen sich nicht als religiöse Vereinigung, nicht als Kirche oder Religion. Außerdem spielt der Brauch eine Rolle, auf einem Minimalbekenntnis zu Gott als dem »(Großen) Allmächtigen Baumeister aller Welten« zu bestehen. Die ersten Freimaurer übernahmen den Glauben an Gott sowie die Glaubensauffassungen der bestehenden Religionsgemeinschaften: Gott solle als Vater aller seiner Kinder gelten. Aussagen über sein aktuelles Wirken gibt es von freimaurerischer Seite nicht. Zur Begründung heißt es, die Symbole und Rituale sollten dem Einzelnen einen Freiraum wie auch Projektionsfläche für seine eigenen religiösen Vorstellungen bieten. Freimaurerlogen leisten auch finanzielle Unterstützung für soziale Projekte, wenngleich nicht so öffentlichkeitswirksam wie die sogenannten Service-Clubs (Lions, Rotarier).

Der kultische Raum einer Freimaurerloge in Deutschland.
Foto: Matthias Pöhlmann
   Der kultische Raum einer Freimaurerloge in Deutschland.

        

In der blauen Freimaurerei gibt es insgesamt drei verschiedene Rituale. Am Anfang steht das sogenannte Aufnahmeritual eines Suchenden. Es handelt sich nach freimaurerischer Überzeugung um die Initiation (rituelle Einführung) in den Bruderbund. Damit wird er symbolisch zum »Lehrling«. Der zweite Grad »befördert« ihn dann zum »Gesellen«. Der dritte Grad ist die sogenannte Meistererhebung, die auf die sogenannte Hiramslegende Bezug nimmt.

Aus freimaurerischer Sicht erblickt man in Hiram Abif den Architekten des Salomonischen Tempels (2. Chronik 2, 3 ff.), der - so die freimaurerische Allegorie - von drei Gesellen ermordet wurde, die von ihm das Geheimnis abpressen wollten, das er mit sich trug und es ihnen nicht enthüllte. Im engeren Sinn handelt es sich beim Ritual der Meistererhebung um eine inszenierte Tragödie bzw. um ein »freimaurerisches Psychodrama«.

»Das maurerische Ritual stellt ein im Verhältnis Kirche-Loge ungeklärtes Problem dar.« Zu dieser Auffassung kam vor knapp 40 Jahren der Heidelberger evangelische Konfessionskundler Friedrich Heyer. Er begründet dies mit dem Hinweis auf dieses Ritual der »Meistererhebung«, worin er einen unüberbrückbaren Differenzpunkt zum kirchlichen Sakrament der Taufe erblickt: »Eine Kirche, in der der Mensch mit der Taufe in sakramentalen Realismus in den Tod Christi hineingegeben wird und an seinem Auferstehungsleben teilgewinnt, hat keinen Platz für das spielerische Teilhaben an Tod und Leben im Hiram-Drama.«

Erhebung eines Freimaurer Gesellen zum Meister. Kupferstich, Ende 18. Jahrhundert.
Foto: PD
   Erhebung eines Freimaurer Gesellen zum Meister. Kupferstich, Ende 18. Jahrhundert.

        

Es bleibt bei diesem Ritual, einer Art »Wiedererweckungszeremonie«, unklar, durch wen und wodurch die Verwandlung des Einzelnen bewirkt wird. Aus christlicher Sicht stellt sich hier die Frage, inwieweit hier eine zu große Identifikation mit einer mythischen Gestalt vollzogen wird. Nach eigenem Verständnis will die Freimaurerei generell keine Antwort auf die Frage nach der Existenz des Menschen nach dem Tod geben. Sie betont, dass die Endlichkeit des Daseins eine Konzentration auf das Hier und Jetzt, auf eine sittliche Lebensführung erfordere (Klaus-Jürgen Grün). Die Frage, die hier aus kirchlicher Sicht im Zentrum einer Verhältnisbestimmung steht, lautet: Vollziehen die Freimaurer in ihren Ritualen sakramentale bzw. sakramentsähnliche Handlungen? Die großen christlichen Kirchen in Deutschland kommen in dieser Frage zu unterschiedlichen Einschätzungen.

Freimaurerei und evangelische Kirche

Die christlichen Konfessionen positionieren sich dabei, je nach theologischen Voraussetzungen, unterschiedlich: Die katholische Kirche hält an einer prinzipiellen Unvereinbarkeit fest, da sie in den freimaurerischen Ritualen sakramentsähnliche Handlungen erblickt. Auch die orthodoxen Kirchen teilen diese Auffassung.

Bis in die 1970er-Jahre hinein blieb in Deutschland das Verhältnis der evangelischen Kirche zur Freimaurerei ungeklärt. Das änderte sich jedoch mit dem gemeinsamen Gespräch zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und den Vereinigten Großlogen von Deutschland (VGLvD) zwischen 1972 und 1973. Die insgesamt drei Gespräche in Tutzing ergaben für das Gottesverständnis und »das ethische Wollen« keinen ausschließenden Gegensatz. Ein evangelischer Christ kann demzufolge auch Freimaurer sein. »Die Entscheidung über die Mitgliedschaft in der Freimaurerei muss dem freien Ermessen des Einzelnen überlassen werden«, heißt es in der Tutzinger Erklärung der Gesprächsteilnehmer vom 13. Oktober 1973.

Das Auge der Vorsehung ist auch auf dem amerikanischen 1-Dollar-Schein.
Foto: choneschones/123rf
   Das Auge der Vorsehung ist auch auf dem amerikanischen 1-Dollar-Schein.

        

Dort wurde auch festgehalten, dass die Freimaurerei in ihrem Gottesverständnis und in ihrem ethischen Wollen in keinem ausschließenden Gegensatz zum Christentum steht. »Sie bezeichnet in den abendländischen Logen die Bibel als das ›erste Große Licht‹«. Unklar blieben für die evangelischen Gesprächsteilnehmer die Bedeutung und das Erleben des freimaurerischen Rituals, wobei sie die Frage bewegte, »ob das Ritualerlebnis und die Arbeit des Maurers nicht die Rechtfertigung aus Gnaden in ihrer Bedeutung für den evangelischen Christen mindern könnten«. Den Freimaurern wurde schließlich empfohlen, »in geeigneter Weise dazu beizutragen, dass ein höheres Maß von Information vermittelt wird, um Vorurteile abzubauen«.

Seit den offiziellen Gesprächen zwischen evangelischer Kirche und Freimaurerei sind mittlerweile über 40 Jahre vergangen. Einige Forderungen der evangelischen Gesprächsteilnehmer haben Berücksichtigung gefunden. Dennoch bleiben aus evangelischer Sicht theologische Anfragen weiterhin bestehen, die in weiteren Gesprächen zu klären wären. Aus kirchlicher Sicht ist von Interesse, wie und in welcher Form der Bruderbund seine Haltung zu Geheimnis und Öffentlichkeit jetzt und zukünftig bestimmen wird.

Wie hält er es mit der Religion? Auch hier scheint intern ein Spannungsverhältnis zu bestehen: Manche Freimaurer sehen sich radikal, d. h. fast religionsphobisch, ausschließlich der menschlichen Vernunft verpflichtet, andere erblicken in der Loge religionseuphorisch einen Mysterienbund mit esoterischen oder christlich-mystischen Elementen. Wie gelingt für die Logen der Spagat zwischen Diesseitsorientierung und vorsichtigem Transzendenzbezug? Für die Freimaurerei wird das Spannungsverhältnis von Geheimnis und Öffentlichkeit weiterhin bestehen bleiben. Offenbar gehört es untrennbar zu ihrem Wesen.

Matthias Pöhlmann

 

 

  MATTHIAS PÖHLMANN ist Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der bayerischen Landeskirche und lebt in München.

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abgerufen 27.06.2016 - 04:08 Uhr

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