Sonntagsblatt Archiv

Sonntagsblatt 45/ vom

ZEITZEICHEN


Mal angenommen, der Mensch besäße statt seiner zehn Finger insgesamt 17 - oder auch nur sechs. Auf unsere Fest- und Jubiläumskultur hätte das grundlegende Auswirkungen: Beim Sonntagsblatt zum Beispiel hätte man dann erst nach 119 oder schon nach 42 Jahren kurz innehalten müssen, um wie in dieser Ausgabe neugierig zurückzublicken auf eine fast unüberschaubare Menge von Wörtern und Bildern, Berichten und Meinungen, Erbauungen und Zuspitzungen, die in dieser Zeitspanne auf Papier gedruckt worden sind.

Nun hat sich aber der Großteil der Menschheit - Kabbalisten und Zwölftöner einmal ausgenommen - auf das Dezimalsystem als Grundlage für die Strukturierung des Alltags geeinigt: zehn Finger, zehn Zehen, Zehn Gebote - alles eben, was Hand und Fuß hat.

Fängt man aber erst einmal an, mit dem Dezimalsystem zu spekulieren, dann findet man schnell Zusammenhänge auch dort, wo keine sind. Vor 30 Jahren zum Beispiel, also 40 Jahre nach der ersten Ausgabe des Sonntagsblatts, wurde im Londoner Natural History Museum ein kleines Tier in Alkohol eingelegt, das sich heute, nach 70 Jahren Sonntagsblatt-Geschichte, als eine Sensation erweist.

Das kleine, zähnefletschende Tier wurde vor Kurzem als neue Fledermausart entdeckt. Bei Insekten oder Fischen gehört die Entdeckung und Beschreibung neuer Arten zur Routine. Bei Säugetieren hingegen kommt so etwas nur noch sehr selten vor.

Wer Neues entdecken will, geht in die Welt hinaus. Wer Altes betrachten will, geht ins Museum. Dem aufgeklärten Menschen scheint diese Logik bestechend klar.

Die Londoner Forscher aber haben uns daran erinnert, dass es sich immer wieder lohnt, in die Archive hinabzusteigen: »Warum in die Ferne schweifen, sieh das Gute liegt so nah.«

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