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Sonntagsblatt 46/ vom

ZEITZEICHEN


Wenn die Gegenwart unerträglich zu werden scheint, bieten sich zwei Fluchtwege an: in die Vergangenheit oder in die Zukunft. Schon die Dichter der Antike hatten ihre Schwierigkeiten damit, sich an moderne Zeiten zu gewöhnen - sie feierten in ihren Heldengesängen lieber eine angeblich »goldene« Ära, als das eigene Volk noch ruhmreich und die Jugend noch anständig war und sogar im Reich der Götter noch so etwas wie Recht und Ordnung herrschte.

Weniger bekannt dürfte sein, dass schon im zweiten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung - gut 1600 Jahre vor dem Science-Fiction-Pionier Jules Verne - der griechische Satiriker Lukian von Samosata eine Reise zum Mond beschrieb. Dort ließ er die Kinder der Mondbewohner auf Bäumen wachsen und die Reichen »weiche Kleider aus Glas« tragen.

Heute sind Zeitreisen - in welche Richtung auch immer - so bequem wie noch nie. Sich gefahrlos in die Schlacht um Troja stürzen oder Abenteuer in fremden Galaxien erleben: kein Problem im Kinosessel oder auf der Wohnzimmercouch. Dabei ist natürlich der Blick in die Zukunft wesentlich reizvoller als in die Vergangenheit. Wobei sich ein wirklich gutes Weltraum-Epos bei genauem Hinsehen oft als eine Neuauflage alter Mythen, Legenden und Weltreligionen entpuppt.

Bevor man jetzt laut »Haltet den Gedankendieb!« ruft: So schlecht muss diese Praxis gar nicht sein. Die TV-Serie »Star Trek« zum Beispiel ist seit fast 50 Jahren ein Spiegelbild der Träume, Ängste und Hoffnungen ihrer jeweiligen Zeit, dabei stets bedacht auf Werte wie Toleranz und Gerechtigkeit. Die Begegnung mit dem »Fremden« ist ein roter Faden dieser Serie, für die jetzt eine neue Staffel angekündigt wurde. Vielleicht wird daraus eine Zeitreise - in unsere Gegenwart?

wl