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Dieser Artikel: Ausgabe 46/2015 vom 15.11.2015
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Angestaubte Erinnerung

Die Gustav-Adolf-Gedenkstätte bei Lützen war lange ein evangelischer Wallfahrtsort

Von Thomas Greif

Luther, Bach, Bonhoeffer: Der Protestantismus hat sich seine zeitlosen Ersatzheiligen geschaffen. Doch nicht alle haben Bestand. Der schwedische König Gustav II. Adolf, Namensgeber für das größte evangelische Diasporawerk, steht inzwischen nur noch in der zweiten Reihe. Einmal im Jahr wird die Erinnerung entstaubt, am 6. November in Lützen (Sachsen-Anhalt).

Jedes Jahr am 6. November ist die Gustav-Adolf-Gedenkstätte vor den Toren Lützens Schauplatz einer Gedenkversammlung unter schwedischer Fahne. Links die Kapelle von 1907, rechts der eiserne Baldachin von Karl Friedrich Schinkel (1837) mit dem »Schwedenstein«, an dem die Kränze niedergelegt werden.
Foto: Greif
   Jedes Jahr am 6. November ist die Gustav-Adolf-Gedenkstätte vor den Toren Lützens Schauplatz einer Gedenkversammlung unter schwedischer Fahne. Links die Kapelle von 1907, rechts der eiserne Baldachin von Karl Friedrich Schinkel (1837) mit dem »Schwedenstein«, an dem die Kränze niedergelegt werden.

        

Festakte sind mühsam. Die Choreografie ist exakt getaktet, nichts darf aus der Reihe scheren. Am Schluss atmen alle auf: die Veranstalter, weil alles geklappt hat, und die Besucher, weil es endlich zum Buffet geht.

Die Vorfreude auf die warme Suppe im Gasthaus »Roter Löwe« macht sich schon fast breit an diesem freundlichen Novembervormittag in Lützen, als es doch noch eine kleine Überraschung zu bestaunen gibt. Die würdigen Herren in Anzug oder Uniform, die Seit an Seit aufgereiht entlang der schnurgeraden Bundesstraße 87 stehen, haben ihre Kränze niedergelegt am Gustav-Adolf-Gedenkstein, der hier außerhalb der Stadt direkt an der Straße unter einem eisernen Baldachin liegt.

Die Dame am Mikrofon hat eben ihre Routinefrage gestellt, ob sie bei der Aufrufung der Gäste mit Kranz auch keinen vergessen habe (»Der Militärattaché der Botschaft von Finnland! Die Reichsvereinigung Schwedenkontakt aus Göteborg! Die Freie Gesamtschule Gustav Adolf in Lützen!«), da nähert sich von der Kapelle her ein bunter Trupp schwedisch-schottischer Landsknechte mit Spieß, Fahne und Hellebarde. Die Spaßgesellen haben einen Kranz dabei, bilden ein Fahnenspalier vor dem Baldachin und hinterlegen den Kranz als Gruß einer gewissen »Grünen Brigade«.

Wilhelm Carl Räuber malte im 19. Jahrhundert Gustav Adolfs Tod in der Schlacht bei Lützen (Ausschnitt).
Foto: Museum Lützen
   Wilhelm Carl Räuber malte im 19. Jahrhundert Gustav Adolfs Tod in der Schlacht bei Lützen (Ausschnitt).

        

Die Zuschauer zücken ihre Smartphones und fotografieren, was das Zeug hält - so ein buntes Bild kriegt man von dieser ernsten Veranstaltung nicht alle Tage. Dieweil Pfarrer und Bürgermeister noch rätseln, wer diese Jungs eigentlich sind, die niemand bestellt hat, löst sich alles auf, die Suppe ruft.

 

Erinnerung ist ein schwieriges Geschäft. Manchmal gibt es ganz klare Gleichungen: Holocaust = schlecht, Mozart = gut.

Im Fall des schwedischen Königs Gustav II. Adolf (1594-1632) ist die Sache komplizierter. Er war in vielerlei Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung unter den damals regierenden Fürsten Europas: Er war intelligent und gebildet, er sprach sieben Sprachen, er war nicht trunksüchtig und huldigte keinem spleenigen Hobby. Er war tiefgläubig und besaß ein schier unwiderstehliches Charisma.

Er führte Kriege, Kriege, Kriege, und zwar schon lange bevor er mit seiner Landung auf der Ostseeinsel Usedom im Sommer 1630 für zwei kurze, aber folgenreiche Jahre in der deutschen Geschichte aufkreuzte. Gustav Adolf träumte davon, Schweden zur europäischen Großmacht zu machen, ein riesiges Land mit kaum 1,3 Millionen Einwohnern, ohne Industrie und Verkehrswege, ein archaisches Bauernvolk an der Peripherie der Zivilisation. Und das gelang ihm - nicht nur durch seine blutigen Feldzüge, sondern auch durch kluge innenpolitische Reformen.

Protagonisten der Erinnerungspflege (I): Eberhard Paff bläst seit Jahrzehnten Posaune zu Gustav Adolfs Ehren.
Foto: Greif
   Protagonisten der Erinnerungspflege (I): Eberhard Paff bläst seit Jahrzehnten Posaune zu Gustav Adolfs Ehren.

        

Was ihm aber vor allem gelang und im evangelischen Bewusstsein Europas unsterblich gemacht hat, war die geschickte Verknüpfung seiner eigenen schwedischen Interessen mit denen des Protestantismus.

Die Armee Wallensteins stand 1630, auf dem Höhepunkt des Dreißigjährigen Kriegs, an der Ostsee, überall im Reich wurde nach Kräften rekatholisiert. Von den zerstrittenen deutschen Protestanten, deren Anführer Johann Georg von Sachsen in den Akten schon mal despektierlich »Bier-Jörgen« genannt wurde, was tief blicken lässt, war nichts zu erwarten.

Gustav Adolf ließ sich als biblischer »Löwe aus Mitternacht« feiern, der dem bedrängten Volk Gottes zu Hilfe kommt. Innerhalb eines Jahres kehrte er die Verhältnisse um: Nach seinem Triumph in der Schlacht von Breitenfeld im Oktober 1631 stand ihm Europa offen. Binnen Wochen besetzte er die Fürstbistümer der »Pfaffengasse« bis nach Mainz, ein Jahr später marschierte er in München ein, dem Zentrum der Gegenreformation. Seine Truppen gelangten bis nach Memmingen. Schweden hielt mit französischer Hilfe das Heilige Römische Reich im eisernen Klammergriff, bis sich der reaktivierte Feldherr Wallenstein wieder ins Geschehen einmischte.

Protagonisten der Erinnerungspflege (II): Vor der Kirche in Meuchen warten die Mitglieder des Akademiska Kören aus Göteborg auf ihren Auftritt.
Foto: Greif
   Protagonisten der Erinnerungspflege (II): Vor der Kirche in Meuchen warten die Mitglieder des Akademiska Kören aus Göteborg auf ihren Auftritt.

        

In Lützen trafen beide Armeen unverhofft aufeinander. Die blutige Schlacht am 6. November 1632 hatte keinen militärischen Sieger, aber den prominentesten Kriegstoten des Jahrhunderts: Vermutlich weil er ohne seine Brille in die Schlacht ritt, verirrte sich der König inmitten von Nebel und Kanonenrauch in die feindlichen Linien und wurde dort niedergemetzelt - ein unfassbar profanes Ende für eine solche Heldengestalt.

Ziehen Sie sich warm an!« Das ist, 383 Jahre später, der meistgehörte Appell vor Beginn des Lützener Gedentags. Die beiden Schauplätze, die Dorfkirche von Meuchen und die Gedächtniskapelle, sind nicht beheizbar.

Das spielt aber diesmal keine Rolle, denn der November meint es milde. Fotos von früheren Gedenkfeiern zeigen lange Spaliere von Uniformierten, an denen die Teilnehmer via Prozession vorbeischreiten. So ähnlich ist es diesmal auch in Meuchen, aber unfreiwillig. Die Spaliersteher sind die Mitglieder des Akademiska Kören aus Göteborg, die sich draußen in Frack und Fummel noch die Beine vertreten, bevor sie auf die Empore steigen. An der Fassade prangt in Riesenlettern ein Spruch aus Luthers Feste-Burg-Choral: »Das Wort sie sollen lassen stahn!«, davor weht die schwedische Fahne. Die Kirche ist zweimal im Jahr proppenvoll: an Weihnachten und heute.

Protagonisten der Erinnerungspflege (III): Für historisches Kolorit sorgen die Mitglieder von »MacKays Regiment of Foote«.
Foto: Greif
   Protagonisten der Erinnerungspflege (III): Für historisches Kolorit sorgen die Mitglieder von »MacKays Regiment of Foote«.

        

Nach einer guten halben Stunde wartet draußen der Bus auf die immer fröhlichen Schweden. Ein langer Autokonvoi schlängelt sich durch Lützen und endet drüben an der Gedenkstätte. Dass die vier Blechbläser ihre Noten in einer IKEA-Tasche dabeihaben, ist noch Zufall, nicht aber die blau-gelbe Färbung der Lokalität. Lützen gehört heute zu Schweden.

Oben auf der kleinen Empore packt Eberhard Paff die Posaune aus. Er hat noch die großen Festzüge von der Stadt hinaus zum Denkmal gesehen, damals, bis in die 1960er-Jahre. Er war seither fast immer dabei, erst mit dem Posaunenchor Lützen, den es aber nicht mehr gibt, dann mit dem aus Bad Dürrenberg. Den gibt's auch nicht mehr. Nun sind sie noch zu viert, ausgeliehen sozusagen vom Posaunenchor Leuna, der die versprengten Reste der anderen aufgenommen hat.

Auch der Kirchenchor, der von unten singt, hat sicher schon bessere Tage erlebt. Der Kinderchor der Gesamtschule Gustav Adolf bekommt zwar Szenenapplaus, aber man ist dann doch froh, dass auch die Schweden wieder ihrem Bus entstiegen sind und einige Volksweisen zum Besten geben. Nein, diese Kapelle mit den weinenden Engeln auf dem Altarbild, links und rechts gesäumt von Gustav Adolf und Luther, ist nicht als Freudenort gebaut, auch wenn hier regelmäßig Trauungen stattfinden. Das liegt in der Luft.

 

Augenblicklich nach dem Tod Gustav Adolfs versuchte die protestantische Seite, aus dem tragischen Unglück einen Opfertod zu machen. Aus dem alttestamentarischen »Löwen aus Mitternacht« wurde der »Pelikan, der für unser Wohl sein Blut vergoss«.

Der »Schwedenstein« unter dem Schinkel-Baldachin mit der Jahreszahl 1632.
Foto: Greif
   Der »Schwedenstein« unter dem Schinkel-Baldachin mit der Jahreszahl 1632.

        

In Lützen karrt schon kurz nach dem Tod ein königlicher Reitknecht zusammen mit 13 Bauern aus dem nahen Meuchen, wo der tote König unmittelbar nach der Schlacht aufgebahrt war, einen Granitfindling an die Stelle, wo der König umkam. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts mehren sich Stimmen wie die des schwedischen Schriftstellers Bernard von Beskow, der 1819 nach einem Besuch in Lützen notiert: »Ein Schwede kann sich niemals dem Schlachtfeld von Lützen ohne ein Gefühl des Stolzes nähern.« Die Rührung des Literaten geht so weit, dass er sich einen Vorschlaghammer besorgt, um ein Stück des Gedenksteins mitzunehmen. Beskows Granitkiesel gehört heute zum Inventar der königlich-schwedischen Rüstkammer in Stockholm, derzeit ist er im Schlossmuseum von Lützen ausgestellt.

Genau 200 Jahre nach seinem Tod feiert der König dann eine erstaunliche Auferstehung. Gut 20.000 begeisterte Protestanten bejubeln ihn am Lützener Schwedenstein mit Glanz und Gloria. Noch am gleichen Abend entsteht die Idee, dem König ein »lebendiges Denkmal« zu setzen. Kurze Zeit später wird das Gustav-Adolf-Werk gegründet, das bis heute von Leipzig aus Protestanten in der Diaspora unterstützt. Fünf Jahre später wird über dem Stein das eiserne Gustav-Adolf-Monument eingeweiht.

Nun ist kein Halten mehr. Die Schweden feiern Gustav Adolf als Symbol der »großen Zeit« des Landes, die bis heute in der Nationalhymne von 1844 beschworen wird, die deutschen Protestanten als ihren vornehmsten Glaubenskämpfer. Der Schwedenstein an der Ausfallstraße von Lützen wird zum nationalen Wallfahrtsort, die jährliche Gedenkfeier expandiert zum kleinen Staatsakt, Prozession inklusive. Da ist die Kneipe neben dem Denkmal nicht mehr zeitgemäß: Sie wird ein Stück stadteinwärts versetzt, stattdessen entsteht 1907 am Ort des schicksalhaften Geschehens eine Kapelle. Die Stadtväter genehmigen sich ein neues Rathaus, von dessen Erker ein steinerner Gustav grüßt. Lützen heißt jetzt »Gustav-Adolf-Stadt«.

Die Verehrung überdauert den Zusammenbruch des Kaiserreichs mühelos. Die Nazis planen ein gigantisches Nationalmonument auf der anderen Straßenseite, schaffen aber nur den repräsentativen Ausbau des Gasthofs »Roter Löwe« im Stadtzentrum. Der alte Schwede übersteht auch den nächsten Systemwechsel. Die DDR-Funktionäre freuen sich über jede internationale Anerkennung und übersehen gerne, dass die zahlreichen Besuchergruppen aus Annendal bei Göteborg außer Chorsängern auch Bibeln und Bohnenkaffee mitbringen. Ein schwedischer Verwalter namens Svensson hütet das Denkmal so inbrünstig, dass die Mär umgeht, das Gelände sei schwedisches Territorium. »Swedish property«, so hat er auf ein Schild geschrieben.

1989, die Schweden haben sich von ihrem einstigen Nationalhelden längst abgewendet, hat Gustav Adolf letztmals Hochkonjunktur: Gut 42.000 Leute spüren ihm in Lützen nach, wo inzwischen schwedische Holzhäuser die Kapelle säumen. Mit der Wende versiegen die Besucherströme. Nun gibt's andere Ausflugsziele. Marlies Schwalbe vom Museum Lützen ist froh, wenn es heuer vielleicht noch 7000 Besucher werden. »Seit die Leute wissen, dass die Geschichte von Klein-Schweden eine Legende ist, fehlt der Gedenkstätte das Geheimnisvolle«, sagt Schwalbe. Abhilfe soll das »Massengrab von Lützen« schaffen, das in den letzten Jahren auf dem einstigen Schlachtfeld gefunden und archäologisch untersucht wurde. Momentan wird es in einer Ausstellung in Halle gezeigt, danach soll es zurückkehren.

 

Pfarrer Armin Pra erwähnt den Namen Gustav Adolf an diesem Gedenktag gar nicht, weder in Meuchen noch in der Kapelle in Lützen. Er gedenkt der Toten jener Schlacht, die zu den fürchterlichsten des Dreißigjährigen Kriegs gehörte. Das müsse die Zukunftsbotschaft des Lützener Gedenkens sein, sagt er im Gespräch am Tag zuvor: »Friede und Versöhnung.« Die Breitenfelder, 25 Kilometer weiter, sind schon Mitglied der Nagelkreuzgemeinschaft von Coventry, warum nicht Lützen? »Heldenverehrung ist uns fremd«, sagt Pra. So ähnlich sehen es übrigens auch die Leute vom Gustav-Adolf-Werk. Von der evangelischen Wallfahrt ist etwas schwedische Folklore und das gute Gefühl übrig, dass hier zwei Länder immer Gelegenheit haben werden, sich einander verbunden zu fühlen. Kein Wunder, dass dem schwedischen Botschafter darob später im »Roten Löwen« das Herz überfließt, wo die Tische mit blauen und gelben Servietten drapiert sind. Wahrscheinlich ist Gustav Adolf nirgendwo in Schweden so populär wie in Lützen.

Die Landsknechte, stellt sich am Ende heraus, haben es weder ironisch noch ewig gestrig gemeint. Sie gehören zum Kostümverein »MacKays Regiment of Foote«, dessen Mitglieder Geschichte nachspielen. Sie waren tags zuvor in Halle gebucht und haben die Nacht auf dem Schlachtfeld von Lützen verbracht, stilecht natürlich, ohne Zelt - auch eine Form von Erinnerungskultur.

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abgerufen 29.06.2016 - 07:24 Uhr

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