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Dieser Artikel: Ausgabe 46/2015 vom 15.11.2015
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Sünderin oder Ehefrau Jesu?

Personen der Bibel (46): Maria Magdalena - Was wirklich über sie bekannt ist


Reuige Sünderin, Apostolin, Prostituierte, Lieblingsjüngerin oder sogar Ehefrau Jesu? Viele Legenden prägen das Bild, das sich die Menschen im Lauf der Zeit von Maria Magdalena machten. Was aber wissen wir wirklich über diese Frau, die sich angesichts der Kreuzigung Jesu nicht einfach aus dem Staub machte - wie die meisten anderen Jünger?

Maria Magdalena - Gemälde von Anthony Frederick Augustus Sandy (1829-1904).
Foto: PD
   Maria Magdalena - Gemälde von Anthony Frederick Augustus Sandy (1829-1904).

        

Maria Magdalena ist die wohl bekannteste Frau unter den engsten Gefährten Jesu. Ist in den Evangelien von den Frauen um Jesus die Rede, wird sie stets an erster Stelle genannt. Dennoch überliefert die Bibel nur wenig über Marias Leben und ihr Wirken im Kreise Jesu und der späteren Urgemeinde. Dass eine Frau in so engem Kontakt mit Jesus stand, sich womöglich auf Augenhöhe mit ihm unterhielt, scheint die Männer späterer Zeiten beunruhigt zu haben. Schon bei den Evangelisten ist die Tendenz zu erkennen, sie nur am Rande zu erwähnen und ihre Rolle herabzuspielen. So betont Lukas zum Beispiel, sie sei von Dämonen besessen gewesen, als sie Jesus kennenlernte.

Dass sie, anders als ihre männlichen Gefährten, nicht einfach aus Angst um das eigene Leben floh, als Jesus gekreuzigt wurde, und zu den ersten Zeuginnen der Auferstehung gehörte, konnte aber offensichtlich nicht einfach übergangen werden.

Begegnung mit dem Auferstandenen

Marias Beiname Magdalena weist darauf hin, dass sie aus dem Ort Magdala am Westufer des Sees Genezareth stammte. Dass sie nach diesem Ort und nicht nach einem Ehemann benannt wurde, lässt vermuten, dass sie nicht verheiratet war. Der Evangelist Lukas berichtet, Jesus habe Maria von einer schweren Krankheit geheilt - gleich »sieben böse Geister« ( Lukas 8, 2) soll er ihr ausgetrieben haben. Einige Exegeten sehen schon in diesem Hinweis des Evangelisten den Versuch eines Mannes, Marias Rolle als wichtige Frau unter den Jüngern Jesu herabzuspielen. Nachdem Maria Magdalena Jesus kennengelernt hatte, scheint sie ihre Heimat verlassen zu haben, um ihm nachzufolgen. Der Text des Lukas legt außerdem nahe, dass Maria und einige andere Frauen Jesus und die Jüngergruppe finanziell unterstützten, was darauf hindeuten würde, dass sie recht wohlhabend waren.

Alle Evangelien benennen Maria als wichtige Zeugin des Todes und der Auferstehung Jesu. Während die meisten Jünger voll Angst und Enttäuschung flohen, nachdem Jesus festgenommen worden war, blieb Maria Magdalena bis zuletzt bei ihm. Gemeinsam mit anderen Frauen soll sie aus einiger Entfernung die Kreuzigung beobachtet haben, berichtet Lukas. Laut dem Evangelium des Johannes stand sie sogar direkt bei Jesus unter dem Kreuz. Anschließend sahen sie zu, wie er bestattet wurde. »Am ersten Tag der Woche« dann, fährt Johannes fort, »kommt Maria von Magdala« früh, als es noch finster war, zum Grab und sieht, dass der Stein vom Grab weg war.« ( Johannes 20, 1) Entsetzt läuft sie zu Petrus und erzählt: »Sie haben den Herrn weggenommen aus dem Grab, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben.« ( Johannes 20, 2)

Gemeinsam mit einem weiteren Jünger machen sie sich erneut auf den Weg und finden das leere Grab. Während Petrus schon wieder auf dem Heimweg ist, steht Maria noch verzweifelt vor dem Grab und weint. Plötzlich sieht sie einen Mann in der Nähe stehen, den sie für einen Gärtner hält. »Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast« ( Johannes 20, 15), sagt sie zu ihm. Da spricht er sie mit ihrem Namen an, und sie erkennt: Das ist Jesus!

»Rühre mich nicht an!«, sagt er zu ihr. »Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater« (Johannes 20,17). Wie Jesus es ihr auftrug, eilte Maria anschließend zurück zu den Jüngern, und erzählte ihnen von dieser unglaublichen Begegnung: »Ich habe den Herrn gesehen« ( Johannes 20, 18), und er habe mit ihr gesprochen.

Legenden und Verwechslungen

Wie es Maria Magdalena weiter erging, verrät die Bibel nicht. Nur eine kurze Notiz in der Apostelgeschichte weist darauf hin, dass sich eine Gruppe von Frauen gemeinsam mit den Aposteln und Jesu Verwandten in Jerusalem aufhielt. Man kann nur vermuten, dass Maria Magdalena zu dieser Gruppe gehörte. Die Leerstellen, die die Bibel lässt, boten der Fantasie der Menschen schon früh reichen Nährboden. Während die einen ihre Lebensgeschichte immer weiter ausschmückten, versuchten die anderen, die Rolle Marias kleinzureden. In verschiedenen frühchristlichen Schriften, die nicht in die Bibel aufgenommen wurden, erscheint Maria Magdalena zum Beispiel als Lieblingsjüngerin Jesu, die besondere Offenbarungen von ihm erhält.

Ein apokryphes Evangelium der Maria, das ihr selbst zugeschrieben wird, erzählt davon, dass sie mit Petrus unter anderem über ihre Glaubwürdigkeit als Frau in Streit geraten sei. Das Fazit, das die Schrift in dieser Streitfrage zieht: Auch Frauen sind durchaus zu besonderen Einsichten fähig - Maria Magdalena ist glaubwürdig. Petrus soll das allerdings weiterhin angezweifelt haben, ein Spiegel verbreiteter männlicher Einstellung der Zeit. Wieder andere Traditionen verehrten Maria ausdrücklich als Apostolin. In der griechisch-orthodoxen Kirche wird sie als solche bis heute hoch geschätzt. Spätestens ab dem 6. Jahrhundert dominierten in der westlichen Tradition allerdings die Erzählungen, die die Wertschätzung, die Maria Magdalen zur Zeit der Urkirche noch entgegengebracht wurde, zu mindern versuchten. So setzte Papst Gregor I. sie, älteren Überlieferungen folgend, mit der anonymen Sünderin gleich, die Jesus die Füße wusch und mit kostbarem Öl salbte und der Jesus ihre Sünden vergab. ( Lukas 7, 36-50)

Auch mit Maria von Bethanien wurde sie häufig verwechselt. Im Mittelalter kam außerdem die Verwechslung mit Maria von Ägypten hinzu, die Prostituierte gewesen sein und später als Einsiedlerin östlich des Jordan gelebt haben soll. So wurde aus Maria Magdalena, der Jüngerin Jesu und wichtigsten Zeugin seiner Auferstehung, schließlich eine Prostituierte und der Inbegriff einer reuigen Sünderin. Der Verfasser der Legenda Aurea, einer mittelalterliche Sammlung von Heiligengeschichten, sieht in ihr die verlassene Braut des Jüngers Johannes. Und er unterstellt ihr: »Eine Burg Magdala ist ihr Besitz, und weil es ihr so wohl ist, wird sie zur Sünderin.« Die Bibel liefert für all das keinerlei Anhaltspunkte.

Dennoch wird auch heute noch munter über die Rolle Maria Magdalenas spekuliert. Besonders verbreitet vor allem in romanhafter und esoterischer Literatur ist die Vermutung, Maria Magdalena sei die Geliebte oder gar die Ehefrau Jesu gewesen. Obwohl die Bibel nur wenig Konkretes über Maria Magdalena überliefert, wird klar: Sie scheint die Sache Jesu mit ganzer Kraft unterstützt zu haben. Sie als Frau floh nicht einfach feige, als Jesus gekreuzigt wurde, wie die meisten männlichen Jünger und sie wurde zur wichtigsten Zeugin seiner Auferstehung. Das scheint die Menschen so sehr beeindruckt zu haben, dass es auch später nicht völlig gelang, ihre Rolle als wichtige Gefährtin Jesu gänzlich zu leugnen.

So hält sie bis heute eindringlich vor Augen, was lange in Vergessenheit geraten war: Jesus wandte sich mit seiner Botschaft Frauen wie Männern gleichermaßen zu. Es waren keineswegs nur Männer, die ihm folgten und nach seinem Tod den sich entwickelten neuen Glauben zu verbreiten halfen.

MARIA MAGDALENA

  NAME: Maria: von hebr. Mirjam »Seherin«, »Herrin«; Magdalena: griechisch aus Magdala

  BERUFUNG: Jüngerin Jesu

  HERKUNFT: aus dem galiläischen Magdala am See Genezareth

  ZEIT: lebte zur Zeit Jesu

  WIRKUNGSGESCHICHTE: In Kunst und Literatur verschmelzen die Rollen, die Maria Magdalena zugeschrieben wurden, zu einem kaum entwirrbaren Gesamtbild. Häufig erscheint sie als reuige Sünderin mit wallenden Haaren. Im 13. Jahrhundert entstand in Deutschland der Magdalenenorden für ehemalige Prostituierte. Bis in die 1990er-Jahre hinein gab es »Besserungsanstalten für gefallene Mädchen«, die auch als Magdalenenheime bezeichnet wurden. Bis heute nehmen Literatur und Filme Bezug auf Maria Magdalena als sexuell anrüchige Frau und geläuterte Sünderin. Romane wie Dan Browns »Sakrileg« interpretieren apokryphe Textpassagen, in denen von Maria als enger Vertrauter Jesu die Rede ist, gar als Beleg dafür, dass die beiden eine sexuelle Beziehung gehabt und sogar Kinder gezeugt hätten.

  WICHTIGE BIBELSTELLEN:  Lukas 8, 1-3;  Markus 15, 40-41;  Johannes 19, 25; 20

  ZITAT: »Sie haben den Herrn weggenommen aus dem Grab, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben.« ( Johannes 20, 2)

THEOLOGISCHES STICHWORT

APOKRYPHE SCHRIFTEN: Es dauerte bis ins 4. Jahrhundert, bis der heutige Kanon der neutestamentlichen Schriften feststand. Zuvor waren unterschiedliche Schriften im Umlauf. Viele schafften es nicht in die Bibel, weil sie nicht allgemein bekannt oder anerkannt waren. Diese Texte werden heute als neutestamentliche Apokryphen (apokryphos ist griechisch und bedeutet verborgen) bezeichnet. Seit Ende des 19. Jahrhunderts sind einige wiederentdeckt worden - zum Beispiel in Qumran oder Nag-Hammadi. Immer wieder tauchen Behauptungen auf, diese Schriften enthielten in der Bibel verschwiegene Botschaften. Tatsächlich erzählen sie oft von Begebenheiten, die die Bibel nicht erwähnt. Bedenkt man aber, dass sie meist später entstanden als die biblischen Schriften, ist nicht sehr wahrscheinlich, dass sie die Geschehnisse um die ersten Christen genauer wiedergeben als die biblischen Texte.

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Sonja Poppe

 


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abgerufen 01.10.2016 - 10:39 Uhr

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