Home Artikel-ID: 2015_47_01_01
Diese Woche - die aktuelle Ausgabe
Themen
E-Paper: Sonntagsblatt digital
Jetzt im Sonntagsblatt-Shop bestellen!
Archiv
Die Redaktion
Abo-Service
Anzeigen-Service
Leserreisen
Leserbriefe
Impressum



    
Heute: 27.05.2016
Aktuelle Ausgabe: 21 vom 22.05.2016
Dieser Artikel: Ausgabe 47/2015 vom 22.11.2015
Alle Artikel der » Ausgabe 47/2015 im Archiv aufrufen.
  Druckversion


Im Namen Gottes?

Die Attentate von Paris treiben alle um: muslimische Gelehrte genauso wie Laizisten

Von Markus Springer

Wie halten es die Weltreligionen mit der Gewalt? Ist der Buddhismus besonders friedlich? Der Islam vor allem gewalttätig? Das Christentum durchweg geschwisterlich? Hat Terror nichts mit Religion zu tun - oder doch? Jedenfalls hofften die sprengstoffumgürteten Mörder von Paris auf das Paradies. Wie also umgehen mit den Widersprüchen innerhalb der Religion? Oder die Religion gleich ganz abschaffen? Markus Springer hat sich nach den Anschlägen von Paris auf eine Spurensuche durch die sozialen Netzwerke und das Dickicht der Religionswissenschaft gemacht.

Nelke im Einschussloch - Liebe gegen Tod: Fenster eines Pariser Straßencafés nach den islamistischen Terroranschlägen des 13. November.
Foto: dpa
   Nelke im Einschussloch - Liebe gegen Tod: Fenster eines Pariser Straßencafés nach den islamistischen Terroranschlägen des 13. November.

        

Pyrotechnik? Es war keine Pyrotechnik was da am vergangenen Freitag knallte im Stade de France nördlich von Paris, so etwa in der 20. Minute des Fußballländerspiels zwischen Frankreich und Deutschland. Es war der Sound des Terrors, der in Millionen Wohnzimmern links und rechts des Rheins zu hören war. Und während ein überforderter Kommentator die schlimmsten Minuten seiner Fernsehkarriere durchlebte, überschlugen sich auf Twitter oder dem Live-Videodienst Periscope die verstörenden Nachrichten und Bilder aus Paris.

Da war das Video des französischen Journalisten Daniel Psenny, der direkt neben der Konzerthalle Bataclan wohnt und filmte, wie Menschen schreiend, blutend, humpelnd aus dem Club fliehen, Tote oder Verletzte weggezerrt werden. Da war der ergreifende Augenzeugenbericht der 22-jährigen Isobel Bowdery, die auf Facebook ein Foto ihres blutverschmierten Tops hochlud und schilderte, wie sie eine Stunde in Todesangst auf dem Boden des Konzertsaals lag, die sah, wie sie Dutzende Menschen starben, wie weinende junge Männer ihre toten Freundinnen im Arm hielten.

Das Rauschen auf Twitter und Facebook macht oft aber noch etwas anderes deutlich: Nirgendwo ist man mit schnellen, einfachen Antworten rascher bei der Hand als hier. CSU-Heimatminister Markus Söder twitterte »#ParisAttacks ändert alles«. Und brachte die Anschläge in Zusammenhang mit den nach Europa strömenden Flüchtlingen.

Nicht wenige im Netz hat das angewidert. Eine der am meisten geteilte Ansicht war, dass wir, denen die vielen Toten von Paris so nahegingen, und die Flüchtlinge in einem Boot sitzen: Das, wovor die Menschen aus Syrien fliehen, ist das, was hinter den Anschlägen von Paris steht.

Die Tränen der Marianne: Frankreich weint um die Opfer der Terroranschläge von Paris.
Foto: Getty Images
   Die Tränen der Marianne: Frankreich weint um die Opfer der Terroranschläge von Paris.

        

Wut und Trauer über die Verbrechen können unterschiedliche Reaktionen auslösen. In den Kommentaren der konservativen Presse regierten Kriegsrhetorik und verbale Aufrüstung. Von einer »Art 3. Weltkrieg« sprach sogar Papst Franziskus.

»Das Massaker von Paris steht wie ein blutiges Ausrufezeichen hinter dem Gutmenschenkitsch, den sich Teile der EKD-Synode in puncto Islam gönnten.« Zu dieser unerträglichen Formulierung verstieg sich dann noch Uwe Siemon-Netto von der konservativ-evangelikalen Nachrichtenagentur idea in seinem Kommentar zu den Attentaten.

Nur der ZDFneo-Moderator, Berufszyniker und Comedian Jan Böhmermann stellte einfach mal 100 Fragen auf seine Facebookseite - und trug damit mehr zur Orientierung bei als alle mit schnellen Antworten: »Ist die Freiheit wirklich bedroht?« (76) »Und wenn ja, von wem ist sie mehr bedroht - den Typen in Paris oder den Typen, die diese Typen bei uns auf den Plan rufen?« (77) fragte Böhmermann. »Sollte Deutschland religiöser werden oder weniger religiös? Welche Religion?« (99) Und immer wieder streute Böhmermann die Frage ein: »Was sind das für Typen«, die so etwas tun?

 

Nach allem, was man bisher weiß: Es waren junge Franzosen zwischen 20 und 31 Jahren mit arabischem Migrationshintergrund, und die meisten ihrer Opfer waren junge Franzosen im gleichen Alter. In Europa aufgewachsene junge Muslime setzten alles daran, möglichst viele andere junge Menschen bei Fußball, Rockmusik oder im Straßencafé mit sich in den Tod zu reißen.

Auf der ganzen Welt wurden Gebäude in den französischen Farben angestrahlt.
Foto: Reuters
   Auf der ganzen Welt wurden Gebäude in den französischen Farben angestrahlt.

        

Das ist ja vielleicht die erschreckendste Einsicht: dass der »Islamische Staat« ein Monster, ein perverses Amalgam aus Orient und Okzident ist, geboren aus dem Aufeinanderprallen von westlicher Moderne und Islam. Für die traditionelle muslimische Welt ist es vermutlich kaum weniger schockierend und abstoßend wie für uns. Abschieben lässt sich das Problem nicht. Es ist unser aller Problem.

»Warum macht es mich aggressiv, wenn jemand unter diesen Beitrag einen 'Denkt an die Kinder in Gaza'-Kommentar schreibt? (35) war eine weitere der Böhmermann-Fragen. Auch reflexartige Reaktionen, das alles habe »nichts mit dem Islam« zu tun, haben das Potenzial, derlei Aggressionen auszulösen. Denn das Thema ist gesetzt: Es geht um Gewalt und Religion und wie beides zusammenhängt.

 

Mehr als 120 Islamgelehrte aus aller Welt haben bereits vor über einem Jahr die Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS) scharf verurteilt - und ihr Urteil theologisch gut begründet. In einem 18-seitigen Schreiben legten sie dar, dass die Gruppe in eklatantem Widerspruch zum Koran stehe. Zu den Unterzeichnern zählen der ägyptische Großmufti Schawki Ibrahim Allam und hohe Vertreter der einflussreichen Al-Azhar-Universität in Kairo, der Jerusalemer Mufti Muhammad Ahmad Hussein sowie Gelehrte und Geistliche aus Arabien, Nordafrika, Asien, Europa und den USA.

Das namentlich an den IS-Führer Abu Bakr Al-Baghdadi gerichtete Schreiben spricht den Islamisten die Kompetenz für Religionsurteile ab. Die Ausrufung eines Kalifats sei unzulässig. Unter den 24 Punkten des Dokuments bekräftigen die Gelehrten den vom Koran geforderten Schutz von Christen und anderen religiösen Minderheiten. Akte wie Folter und Leichenschändung, Versklavung, Zwangsbekehrungen und Unterdrückung von Frauen seien im Islam verboten.

Eine alte islamische Überlieferung aus dem 9. Jahrhundert über Ali, Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, die die Islamgelehrten ihrem Text anhängen, liest sich wie eine Prophezeiung des »Islamischen Staats«: »Wann auch immer ihr die schwarzen Fahnen seht, bleibt auf euren Sitzen und bewegt weder eure Hände noch Füßen. [...] Ihre Herzen werden wie Eisenstücke sein. Sie werden die Herrschaft haben. Sie werden weder einen Vertrag noch ein Abkommen einhalten. Sie werden zur Wahrheit aufrufen, doch sie werden nicht die Leute der Wahrheit sein. Ihre Namen werden elterliche Bezeichnungen sein und ihre Zuschreibungen werden zu Städten sein. [wie: Abu Mutanna (Vater von Mutanna) und al-Bagdadi (der Bagdader) usw.] Ihre Haare werden herabhängen wie die einer Frau. Dieser Zustand wird anhalten, bis sie untereinander streiten. Danach wird Gott die Wahrheit hervorbringen durch wen auch immer Er will.«

Ahmad Mohammad al-Tayyeb war bis 2010 Rektor der al-Azhar-Universität, seither ist er der Groß-Imam der Kairoer al-Azhar-Moschee und damit einer der einflussreichsten islamischen Theologen überhaupt. Die Anschläge von Paris hat er als »verhasstes Verbrechen« verurteilt und die »die ganze Welt zum Kampf gegen das Monstrum« des »Islamischen Staats« aufgerufen. Ebenjener al-Tayyeb hat aber vor einiger Zeit allerdings auch bekundet, muslimische Ehemänner dürften im Einklang mit dem Koran ihre Frauen schlagen - aber nur mit »leichten Schlägen« oder mit »Stößen«, wenn es dazu diene, die Frauen zu einem frommeren Lebenswandel umzuerziehen.

 

Auch im Koran gibt es Textstellen, die sich widersprechen. Die islamische Theologie hat dazu die Praxis der Abrogation (arab.: »nasch«) entwickelt. Danach hebt die zeitlich jüngste Bestimmung aus Koran oder Sunna vorhergehende Normen auf. Eine als Schwertvers bekannte Sure »abrogiert« in der klassischen Koranexegese alle anderen Koranverse zum Umgang mit Nichtmuslimen - auch mit Juden und Christen. Sie geht so: »Und wenn nun die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo (immer) ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf! Wenn sie sich aber bekehren, das Gebet verrichten und die Almosensteuer geben, dann lasst sie ihres Weges ziehen!« (Sure 9:5, Übersetzung Rudi Paret)

In Europa aufgewachsene junge Muslime setzten alles daran, möglichst viele andere junge Menschen mit sich in den Tod zu reißen: Geht uns Paris deshalb so nahe?
Foto: picture alliance
   In Europa aufgewachsene junge Muslime setzten alles daran, möglichst viele andere junge Menschen mit sich in den Tod zu reißen: Geht uns Paris deshalb so nahe?

        

Das klingt verdammt nach den Verbrechern vom »Islamischen Staat« und lässt einen schlucken. Dieser Auftrag soll all die freundlicheren Seiten der Lehre Mohammeds ungültig machen? Haben die als »Islamkritiker« verkleideten Hassprediger recht, die mit diesem Beispiel gern Muslimen Verstellung und Täuschung unterstellen, wenn diese mit den friedlicheren Suren zum Umgang mit Nichtmuslimen (»Und sprecht freundlich zu den Leuten«, Sure 2:83) für den Propheten werben?

So einfach ist die Sache nicht. Der muslimische theologische Mainstream hat den Vers auf eine besondere geschichtliche Situation hin »historisiert« und sieht heute nur Kriege als legitim an, die der Verteidigung islamischer Staaten und dem Schutz der Muslime unter nichtislamischer Herrschaft dienen. Manche moderne islamische Denker gehen noch weiter und verabschieden sich ganz von der Idee der Abrogation zur Koraninterpretation.

Es gibt also ein innerislamisches Ringen um das Gewaltproblem. Umso unverständlicher erscheinen reflexartige Reaktionen von Muslimen mit dem Tenor, Terror habe »nichts mit Islam zu tun«. So schrieb der Penzberger Imam Benjamin Idriz, ein friedfertiger und kluger Moslem, unmittelbar nach den Anschlägen auf Facebook: »Wir leisten einen großen Beitrag für den Frieden in der Welt, wenn wir aufhören Terroristen als 'ISLAMisten' zu bezeichnen!«

Freilich: Nur weil Täter »Allahu akbar« rufen, stehen sie noch lange nicht für den Islam. Pegida ruft schließlich auch »Wir sind das Volk«. Und dennoch: Der Terror von Paris (und Beirut!) hat eine Religion, weil die Täter glaubten, Muslime zu sein und den Willen Allahs zu erfüllen, und - nach der Explosion ihrer Sprengstoffgürtel - mit ihrer unmittelbaren Aufnahme im Paradies rechneten.

 

Vor gut zehn Jahren hat der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assman mit seinem Buch »Die Mosaische Unterscheidung oder: der Preis des Monotheismus« auf das Gewaltpotenzial aller abrahamitischen Religionen aufmerksam gemacht. Wer sich zu dem einen, wahren Gott bekennt wie Juden, Christen und Muslime, der scheidet die Welt: in Gläubige und Ungläubige, in Besitzer der Wahrheit und Angehörige des Irrtums oder der Lüge. Wer so auf die Welt blickt, hat nicht mehr die Möglichkeit wie Griechen, Römer, Ägypter oder Babylonier der Antike, auf augenzwinkernde Weise das eigene Pantheon mit dem des anderen in Übereinstimmung zu bringen. Ob die Göttin der Schönheit und der erotischen Liebe nun Venus, Aphrodite, Ischtar, Astarte, Inanna oder Hathor hieß - über das, was mit diesen Gottheiten an möglichen menschlichen Lebenserfahrungen Ausdruck fand, konnte man sich leicht verständigen.

In der Welt der mosaischen Unterscheidung - das sollten sich auch Christen immer wieder bewusst machen - ist relativierende Toleranz nach menschlichem Maßstab ein Problem. Und der Glaubenskrieg stets nur einen kleinen Schritt entfernt.

 

Brauchen wir also »weniger Religion«? Diese Forderung vieler Atheisten und Laizisten gehörte ebenfalls zu den schnellen Antworten nach den Massenmorden von Paris. Nicht nur der Twitter-Hashtag #PrayForParis (Betet für Paris) wurde unzählige Male gepostet. Nicht weniger oft geteilt wurde eine Zeichnung des Charlie Hebdo-Karikaturisten Joann Sfar: »Freunde aus aller Welt, danke, dass ihr für Paris betet (#PrayForParis), aber wir brauchen nicht mehr Religion! Unser Glaube ist die Musik! Küsse! Leben! Champagner und Freude! Paris steht fürs Leben (#ParisIsAboutLife)«

Sfar, selbst Jude mit nordafrikanischen Wurzeln, setzt in seiner Zeichnung Glaube und Religion gleich. Vermutlich tun das die meisten Menschen, nicht nur im Westen. Nicht der einzige Irrtum im Umgang mit dem Problem der Religion, der im Umlauf ist. Besonders beliebt ist die Vorstellung, der Buddhismus sei eine friedlichere Religion als alle anderen. Und der Islam sei besonders gewalttätig. Beides ist falsch.

Offenbar kann Religion Gewalt legitimieren und befördern, wo immer sie sich mit staatlicher Macht paart. Auch im Buddhismus hat sich im Lauf der Zeit in vielen Ländern eine Art »Staatskirchentum« entwickelt. Dass die Verbindung von Staat, Religion und Ethnie mörderische Folgen haben kann, war und ist für den Buddhismus in Sri Lanka und in Birma zu beobachten. Die Opfer dort: hinduistische Tamilen und die muslimische Minderheit der Rohingya.

Friedrich Wilhelm Graf, emeritierter Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Universität München, hat für das »christliche Europa« der jüngeren Zeit auf die Rolle der Kirchen in Kroatien und Serbien im Balkankrieg hingewiesen. Im Osten Europas lasse sich derzeit beobachten, dass »viele orthodoxe Kirchen, allen voran die Russische Orthodoxe Kirche mit ihrem machtbewussten Klerus, soziologisch gesehen nur christianisierte Ethno-Religionen« seien, »in deren autoritätsfixierter Glaubenskultur immer neu die Einheit von Nation, orthodoxem Ritus und heiligem Territorium zelebriert wird«.

 

Alle »Religion« in einen Topf zu werfen macht indessen nichts klarer. Unterscheidungen sind möglich - vivent les différences! Christen sollten sich deutlicher bewusst machen, dass ein religions- und machtkritisches, aufklärerisches, ja subversives Potenzial zum Kern der Jesus-Nachfolge gehört. Viele Muslime verteidigen die Makellosigkeit und Irrtumslosigkeit ihrer durch das »Siegel der Propheten« erteilten Religion. Zum Wesen christlicher Identität gehört, dass derjenige, auf dessen Lehre sich Christen berufen, die Religion und »das Religiöse« recht fundamental kritisiert hat. Jesu Auseinandersetzungen mit dem religiösen und politischen Establishment seiner Zeit, mit den »Pharisäern«, ziehen sich wie ein roter Faden durch die Evangelienschriften - Konflikte mit jenen also, bei denen sich zu äußeren Formen und Buchstabenhörigkeit geronnener Gottesglaube mit der Macht paart.

»Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.« ( Matthäus 25, 35-36) Darauf kommt es Jesus an, auf die innere Haltung, auf Liebe, die zur Tat wird, nicht auf äußeren Gottes-Dienst.

Der Religionskritiker Jesus wurde von seinen Zeitgenossen als »Fresser und Weinsäufer« und als verkommener Sünder diffamiert. ( Matthäus 11, 19) Welche Ironie, dass seine Anhänger eine Religion aus seiner Lehre machten. Und dennoch realisieren sich die aufklärerischen, religionskritischen Potenziale der Jesus-Botschaft seither wieder und wieder - von Franz von Assisi über die Französische Revolution bis hin zu Dietrich Bonhoeffer und seinem »religionslosen Christentum«. »Wenn Jesus heute wiederkäme, wäre er Atheist, das heißt, er könnte sich auf nichts anderes als auf seine weltverändernde Liebe verlassen.« Auf diesen Satz hat die evangelische Theologin Dorothee Sölle vor fast 50 Jahren die Sache zugespitzt.

 

»Liberté, Egalité, Fraternité«, das ist Jesus pur. Säkulare Demokratie bedeutet, dass das Recht an die Stelle Gottes getreten ist. Das mit der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz hat ja seinen Ursprung in der Gottesebenbildlichkeit des Menschen, im Gegenüber von Geschöpf und Schöpfer. Die säkulare freiheitliche Rechtsordnung kann Gott nicht aus der Welt schaffen. Aber sie zieht den Konfessionen und Religionen den Giftzahn ihres Absolutheitsanspruchs. Sie schützt die Menschen, die an keinen Gott glauben, und die, die sich der Religion verweigern. Das ist zutiefst christlich. Ist es auch muslimisch?

Abu Bakr Rieger (in Freiburg geboren und katholisch aufgewachsen als Andreas Rieger) ist Herausgeber der Islamischen Zeitung. In der Online-Ausgabe seiner Zeitung schreibt er: »Wenn wir selbstsicher behaupten, dass wir nichts mit dem Terror zu tun haben, sollten wir für einen Moment innehalten. Wir meinen damit, dass wir in keiner Weise Mord und Terror für legitim halten. Dass es keinen höheren Zweck geben kann, der das Verbot von Terrorismus und Selbstmordanschläge überwindet. Wenn aber die These halten soll, dass wir nichts mit dem Terror zu tun haben, müssen wir auch das geistige Umfeld des Terrorismus analysieren. Wir müssen sicher sein, dass die Aktionen der Terroristen in keiner Weise in ein Umfeld eingebettet sind, das ein diesen Verbrechen dienliches Klima stiftet. Sind wir das?«

Von seinen Kritikern wird der deutsch-ägyptische Politologe und Islamkritiker Hamed Abdel-Samad gerne in die Sarrazin-Ecke gestellt. Penzbergs Imam Benjamin Idriz hat ihn auf seiner Facebookseite als »Hetzer und Brandstifter« diffamiert. Nach den Anschlägen schrieb Abdel-Samad: »Eigentlich bin ich viel zu traurig und fassungslos, um irgendwas zu schreiben. Viel ist schon gesagt und geschrieben worden. Vieles wird miteinander vermischt: der Terror in Paris mit der Flüchtlingsdebatte; Islamismus mit Muslimen, Angst mit Maßnahmen. Die Stadt der Liebe ist blutverschmiert. Das Land der Freiheit hat seine Grenzen dichtgemacht. (...) Liebe Nichtmuslime, den Terror kann man nur bekämpfen, indem man mit Muslimen zusammenarbeitet, die eindeutig gegen Terror und Gewalt sind. Hass kann man niemals mit Hass beseitigen! Liebe Muslime, den Terror kann man nur bekämpfen, indem man seine Quellen ehrlich und offen thematisiert!«

Abu Bakr Rieger und Hamed Abdel-Samad haben recht: Wir brauchen den Schulterschluss der Friedfertigen und der Anständigen über die Glaubensgrenzen hinweg.

Und wir brauchen den ehrlichen und offenen Diskurs: über das Verhältnis von Religion und Gewalt.

13. NOVEMBER 2015

Im Namen Gottes? Die Attentate von Paris treiben alle um: muslimische Gelehrte genauso wie Laizisten. Von Markus Springer. » lesen!

Die Alternative. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und die Werte der westlichen Gesellschaft. Kommentar von Helmut Frank. » lesen!

 

Kreative Gemeinde - die besten Projekte und Initiativen der bayerischen evangelischen Kirchengemeinden

 

»Musica Sacra« - herausragende Werke der Kirchenmusik

MUSICA SACRA

 

Der Sonntagsblatt-Shop und das Sonntagsblatt-Blog.
 

 

 

 

 


Valid HTML 4.01 Transitional

/news/aktuell/2015_47_01_01.htm
abgerufen 27.05.2016 - 18:07 Uhr

© Sonntagsblatt 1998-2016, ImpressumWebmaster
Angebote für Webmaster / AGB

Anzeigen

»Die Personen der Bibel«: der beliebte Glaubenskurs aus dem Sonntagsblatt jetzt als Buch für nur 19,90 Euro. Gleich bestellen!

Werden Sie Hoffnungsträger - und spenden Sie ein Patenschafts-Abo für Menschen in Pflegeheimen, Krankenhäusern und Gefängnissen. Jetzt mitmachen!