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Sonntagsblatt 47/ vom

ZEITZEICHEN


Nichts bleibt für immer. Die Rosen vertrocknen, die Blätter fallen von den Bäumen - ja auch in diesem tropischen Herbst wird das noch eintreten - und das rauschendste Fest wird ein Opfer der Morgenstunde.

Damit müssen wir leben und auch sterben. Aber zum Glück hat sich die Kirche was einfallen lassen und die Ewigkeit erfunden.

Da dauert dann alles ewig: der krustige Schweinebraten, der Stehblues mit dem Angebeteten und das Vergissmeinnicht blühtundblühtundblüht. Ach, wie wird das wunderbar!

Noch wunderbarer ist ja, dass es hinieden auf Erden schon einen kleinen Vorgeschmack auf die Ewigkeit gibt, der sich fleißigst ausbreitet: sein Name ist Internet. Was da mal reingetan wird, das bleibt ewig.

Das Foto von uns im Bikini mit zwei bis drei Speckröllchen zuviel und einer Dose Bier in der Hand. Der Kommentar auf Twitter, wie saublöd eigentlich Chatforen mit elektronisch flackernden Kerzen sind. Der hüpfende Smiley mit Herzchenaugen in der Mail an die Chefin. Nichts bleibt für immer, aber das bleibt alles für die Ewigkeit.

Aber ist das die Ewigkeit, die wir gebucht haben? Hoffentlich nicht - nein: ganz sicher nicht! Denn die Internetewigkeit auf Erden ist eine teuflische. Ungnädig, unwiderlegbar, unveränderlich. Da gibt es kein Zurück, keine Reue, keine Änderung.

Wir sind uns sicher, dass dem lieben Gott seine Ewigkeit ganz anders ausschaut. Vielleicht hat er tatsächlich ein dickes Buch, in dem er aufgeschrieben hat, dass wir dem Busfahrer mal den Stinkefinger gezeigt haben.

Aber aus sicherer Quelle wissen wir, dass das alles mit Zaubertinte geschrieben ist. Nur der Herr himself kann's lesen und jemand anders müht sich vergeblich. Ällabätsch!

Der liebe Gott sieht zwar alles, er verpetzt uns aber nicht.

zei