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Dieser Artikel: Ausgabe 47/2015 vom 22.11.2015
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Tote essen auch Nutella

Die Nürnberger Theologieprofessorin Martina Plieth analysiert Kinderbilder zu Sterben, Tod und Trauer


»Kinder denken immer, am Ende wird alles gut«: Die Nürnberger Professorin Martina Plieth hat sich mit den kindlichen Vorstellungen vom Tod beschäftigt. Dazu führte die Theologin fünf Jahre Gespräche mit Grundschülern. »Wie trauern Kinder?« und »Was gibt ihnen Hoffnung?« waren ihre Leitfragen. Unter dem Titel »Tote essen auch Nutella« zeigt nun eine Ausstellung in der Evangelischen Hochschule Nürnberg Kinderbilder zu dem Thema. Plieth erklärt, warum sie den kindlichen Umgang mit dem Tod bewundert.

Kinder nehmen den Tod nicht als etwas Endgültiges wahr, sagt Theologin Plieth. Viele denken, man kann den Sarg wieder verlassen, wenn man nur will.
Foto: EHN
   Kinder nehmen den Tod nicht als etwas Endgültiges wahr, sagt Theologin Plieth.

        

  Die meisten Kinderzeichnungen symbolisieren Hoffnung. Ein Zehnjähriger hat einen schwarz gekleideten Mann gezeichnet, der zwischen einem kahlen und einem blühenden Baum steht. Über dem Verstorbenen: gelb und schwarz. Ganz oben: ein Kreuz. Eine andere Zeichnung zeigt ein Grab auf einer bunten Blumenwiese, darüber ein Regenbogen. Wie deuten Sie das?

Plieth: Das Hoffnungspotenzial der Kinder ist riesengroß. Ich animiere Erwachsene deshalb auch, sich frühzeitig mit Kindern an das Thema Sterben, Tod und Trauer heranzuwagen. Ich habe selten so viel Positives über den Tod gelernt wie in diesen fünf Jahren.

  Wie stellen sich Kinder den Tod vor?

Plieth: Das ist erstaunlich. Kinder im Grundschulalter nehmen den Tod nicht als etwas Endgültiges wahr; das haben die wunderbaren Zeichnungen deutlich gezeigt. Sie stellen sich die Verstorbenen oft als verdünnte Persönlichkeitsreste vor, die noch sprechen können, aber nur leise, oder eben Nutella essen können, aber nur ganz wenig. Und sie nehmen den Tod als Willensakt wahr. Sie denken, man kann den Sarg wieder verlassen, wenn man nur will.

Kinder nehmen den Tod nicht als etwas Endgültiges wahr, sagt Theologin Plieth. Viele denken, man kann den Sarg wieder verlassen, wenn man nur will.
Foto: EHN
   Viele denken, man kann den Sarg wieder verlassen, wenn man nur will, so Plieth.

        

  Das ist für Erwachsene schwer nachzuvollziehen.

Plieth: Das stimmt. Aber solche Gedanken helfen den Kindern dabei, mit dem Endgültigen besser fertig zu werden. Ein Kind hat eine tickende Uhr gezeichnet, die immer wieder von vorne zu laufen begann. Ich habe bei meinen Studien gelernt, dass sich Kinder an dem Gedanken festhalten, dass am Ende alles gut wird. Viele glauben an einen Kreislauf. Nach dem Tod beginnt man wieder von vorne.

  Wenn ein Familienmitglied stirbt, wissen Eltern oft nicht, wie sie Sterben und Tod kindgerecht erklären können. Der Tod wird oft verharmlost. Eltern sagen: »Der Opa sitzt jetzt auf einer Wolke und sieht uns.«

Plieth: Das kann man so sagen, es wäre aber nicht mein Satz. In ihrer Hilflosigkeit wollen Erwachsene oft etwas vermeintlich Tröstendes sagen. Dabei fallen dann eben solche Sätze wie »Der Papa ist auf eine lange Reise gegangen«. Das Problem ist, dass man damit Hoffnungen weckt und dem Kind Versprechungen macht, die nie eintreffen werden.

Martina Plieth, Professorin an der Evangelischen Hochschule Nürnberg.
Foto: epd-bild/Christian Horn
   Martina Plieth, Professorin an der Evangelischen Hochschule Nürnberg.

        

  Aber verkraften Kinder den Tod des Großvaters nicht besser, wenn sie sich damit trösten, dass Opa auf einem Stern wohnt und sanft lächelt?

Plieth: Meine Analyse der Zeichnungen hat gezeigt, dass bei Kindern ab der 4. Klasse wissenschaftliches Denken ins Spiel kommt. Ab dem 12. Lebensjahr betrachten Kinder den Tod schließlich als radikales Ende. Dann spätestens wird ihnen klar, dass sie belogen wurden, dass der Vater nie mehr von der Reise zurückkehren wird. Ich kenne den Fall eines Jungen, der darauf gewartet hat, dass ihm sein Vater eine Postkarte schreibt. Euphemistische Beschreibungen bei kleineren Kindern helfen deshalb nur für den Moment und oft nicht einmal das. Sie können auch verstörend sein.

  Weil die Kinder den Großvater auf der Wolke suchen?

Plieth: Weil diese Vorstellungen unrealistische Hoffnungen wecken. Ich habe einen Vierjährigen erlebt, der den Satz »der Opa sieht die Radieschen von unten an« wörtlich genommen hat.

  Was also tun? Sollte man Kinder gleich aufklären, dass Tote richtig tot sind?

Plieth: Nein, natürlich muss man trösten. Aber man sollte dennoch nichts erfinden. Man kann Kindern auch helfen, indem man ihnen unabhängig von religiöser Überzeugung anders Brücken baut. Zum Beispiel durch den Satz: »Ich denke, wir werden erwartet.« Oder: »Ich weiß auch nicht, was nach dem Tod kommt. Aber dass gar nichts kommt, ist unwahrscheinlich. Lass uns mal gemeinsam nachdenken.« Das gibt Hoffnung über die Grundschule hinaus.

Martina Plieth: Tote essen auch Nutella, Kreuz-Verlag, ISBN: 978-3-451-61200-9, 16,99 Euro.

 

  AUSSTELLUNG: Die Ausstellung kann bis 14.12. Mo-Fr von 8-18 Uhr in der Evangelischen Hochschule Nürnberg (Bärenschanzstr. 4) besichtigt werden.

  BUCHTIPP: Martina Plieth: Tote essen auch Nutella, Kreuz-Verlag, ISBN: 978-3-451-61200-9, 16,99 Euro.

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Interview: Katrin Riesterer-Kreutzer

 


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abgerufen 26.09.2016 - 20:57 Uhr

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