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Dieser Artikel: Ausgabe 47/2015 vom 22.11.2015
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Wo Evangelische immer echte Protestanten waren

Die bayerische Landessynode tagt ab 22. November in der ehemaligen Reichsstadt Schweinfurt


Frei, nicht gerade reich und überzeugt evangelisch: Die Geschichte der Stadt Schweinfurt ist eng mit dem Glauben verbunden. Daraus rührt auch ihr Selbstbewusstsein - bis heute.

Das Schweinfurter Rathaus erinnert mit seiner Renaissance-Architektur an das bewegte »konfessionelle Zeitalter«.
Foto: Fildhaut
   Das Schweinfurter Rathaus erinnert mit seiner Renaissance-Architektur an das bewegte »konfessionelle Zeitalter«.

        

An Selbstbewusstsein mangelte es den Schweinfurtern nie - auch wenn die Einwohner des größeren, knapp 45 Kilometer entfernten Würzburg heute wie damals gerne die Nase rümpfen, sobald man auf Schweinfurt zu sprechen kommt. Die katholischen Würzburger Fürstbischöfe blickten geradezu verachtend auf die kleine Reichsstadt und die evangelische Kirche dort. Ende des 19. Jahrhunderts wähnte sich Würzburg als feine, saubere und elitäre Beamten- und Kulturstadt, während es in der Stadt mainaufwärts in den Kugellager- und sonstigen Fabriken schmutzig und laut zugehe. Die Schweinfurter focht und ficht dies nicht wirklich an.

Im Gegenteil. »Die Schweinfurter haben eine ganz eigene Form von Selbstbewusstsein«, findet der evangelische Dekan Oliver Bruckmann. Nicht überheblich, sondern sehr genau im Wortsinn. Sie sind sich ihrer Stärken bewusst und auch ihrer Schwächen.

Schweinfurt war nämlich nicht die erste Reichsstadt, die Martin Luthers Lehre von 1517 folgte, sie zog erst 25 Jahre später nach. »Schweinfurt war keine reiche Stadt, anders als etwa die Handelsmetropole Nürnberg«, sagt Bruckmann. Den Stadtvätern fiel es daher nicht so leicht, mit der Kirche zu brechen; denn räumlich war man von katholischen Bastionen geradezu eingekesselt.

Die evangelische Kirche St. Johannis in Schweinfurt ist die Stadtkirche der ehemaligen Reichsstadt. Sie liegt nördlich des Marktplatzes und gilt als eine der kunsthistorisch bedeutendsten evangelischen Kirchen in Unterfranken.
Foto: Tilman2007 / CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
   Die evangelische Kirche St. Johannis in Schweinfurt ist die Stadtkirche der ehemaligen Reichsstadt. Sie liegt nördlich des Marktplatzes und gilt als eine der kunsthistorisch bedeutendsten evangelischen Kirchen in Unterfranken.

        

Die beiden Bistümer Würzburg und Bamberg lagen ebenso nahe wie die Klöster Ebrach und Fulda - ein konfessioneller Bruch bedeutete damals auch einen zumindest teilweise wirtschaftlichen Bruch. Auf Schweinfurt lastete nach Einführung der neuen Lehre ein enormer politischer Druck, die kleine Reichsstadt galt als protestantische, frühdemokratische und humanistische Insel inmitten eines katholischen Umlands. Die Bewohner der Stadt und auch der Reichsdörfer ringsherum mussten für die neue Lehre von Anfang an ringen und kämpfen: »Anderswo kam der Landesherr und wurde evangelisch - dann war das eben so«, erzählt Bruckmann.

In der Folgezeit der Reformation wurden die Schweinfurter und die Reichsdörfer vom Umland phasenweise regelrecht isoliert. In den vielen Kriegen und konfessionellen Auseinandersetzungen im 16. und frühen 17. Jahrhundert stand oft zwar Schweinfurt im Fokus - aber auch das katholische Umland hatte durch Stadtbelagerungen und ähnlichem zu leiden. Dieser Ärger entlud sich 1554 im »Zweiten Stadtverderben«, als Bundestruppen die Stadt in wenigen Wochen sturmreif schossen und aushungerten. Noch bevor der Rat verhandeln konnte, wurde die Stadt Schweinfurt geplündert und in Brand gesetzt - auch von den Bauern.

Moderner Leuchtturm der Kunst: das Museum Georg Schäfer in Schweinfurt, Blick Richtung Stadtmitte.
Foto: Dr. Volkmar Rudolf/Tilman2007 / CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
   Moderner Leuchtturm der Kunst: das Museum Georg Schäfer in Schweinfurt, Blick Richtung Stadtmitte.

        

Ihren fortschrittlichen Geist ließen sich die Schweinfurter durch solche Rückschläge freilich nicht nehmen - der schwedische König Gustav II. Adolf wollte in Schweinfurt als protestantischen Gegenpol zum Hochstift Würzburg eine Universität gründen. Weil er im Dreißigjährigen Krieg zu Tode kam, wurde daraus nichts. Aber genau 20 Jahre später, im Jahre 1652, wurde in der Reichsstadt Schweinfurt die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina gegründet, in Würzburg fand knapp 100 Jahre später erst die letzte Hexenverbrennung statt. Trotz oder gerade aus der Geschichte heraus ist die Ökumene in der Stadt heute vorbildlich.

Schweinfurt ist bis zur Neuordnung Europas durch Napoleon eine freie Stadt geblieben - und in gewisser Weise bis heute, findet Bruckmann. Gerade auch aus landeskirchlicher Sicht müsse sich Schweinfurt »nicht verstecken«.

1992 tagte die Landessynode letztmals in der ehemaligen Reichsstadt, damals mit einem geschichtsträchtigen Ereignis: Vertreter der bayerischen evangelischen Landeskirche und der lutherischen Kirche Ungarns unterzeichneten während der Tagung der Landessynode einen Partnerschaftsvertrag. Damit sollte die bedeutende Rolle Ungarns beim Fall des Eisernen Vorhangs gewürdigt werden.

 

  Im Internet:  www.schweinfurt-evangelisch.de und  www.schweinfurt.de

BAYERISCHE SYNODE

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DAS STICHWORT

  Die Landessynode, die zu ihrer Herbsttagung in Schweinfurt zusammenkommt, ist das Kirchenparlament der rund 2,4 Millionen bayerischen Protestanten. Gemeinsam mit dem Landesbischof und dem Landeskirchenrat bildet die Synode die Kirchenleitung und bestimmt maßgeblich den Kurs der Kirche. Die 108 Synodalen beschließen den Haushalt, verabschieden die Kirchengesetze, entscheiden in Personalfragen und wählen den Landesbischof. Das griechische Wort »Synode« bedeutet »gemeinsamer Weg« oder »Versammlung zur Beratung«.

  In der Zusammensatzung der Synode, die von den rund 13.000 bayerischen Kirchenvorstehern gewählt wird, zeigt sich konkret der evangelische Grundsatz eines »Priestertums aller Getauften«: Die Mehrzahl der 108 Synodalen sind Laien. Neben ihnen sitzen gewählte Vertreter aus der Pfarrerschaft, den theologischen Fakultäten, Jugenddelegierte und berufene Mitglieder, wie der bayerische Finanzminister Markus Söder (CSU) oder der SPD-Landtagsfraktionschef Markus Rinderspacher.

  Die Synode tritt zwei Mal im Jahr an verschiedenen bayerischen Orten zusammen. Dabei steht bei den Herbsttagungen wie jetzt in Schweinfurt der kirchliche Haushalt im Mittelpunkt, die Frühjahrstagungen sind hingegen einem inhaltlichen Schwerpunkt gewidmet.

 

Kreative Gemeinde - die besten Projekte und Initiativen der bayerischen evangelischen Kirchengemeinden

 

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Daniel Staffen-Quandt

 


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abgerufen 31.05.2016 - 09:41 Uhr

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