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Dieser Artikel: Ausgabe 47/2015 vom 22.11.2015
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Der Mutmacher

Personen der Bibel (47): Johannes der Apokalyptiker - Erbauung in ausweglosen Zeiten


Die Offenbarung des Johannes fasziniert und befremdet Bibelleser bis heute. Johannes führte den Menschen in eindrucksvoller, bisweilen verstörender Bild- und Symbolsprache die Schrecken der Endzeit vor Augen. Den Gläubigen machte er Hoffnung auf eine Zeit, in der Gott ihnen »alle Tränen abwischen« (Offenbarung 21, 4) wird.

Apokalypse - Glasfenster von Jan Lebenstein, Pallottinerkapelle, Paris.
Foto: Paterm/cc by-sa-3.0, via wikimedia commons
   Apokalypse - Glasfenster von Jan Lebenstein, Pallottinerkapelle, Paris.

        

Der Autor der Offenbarung stellt sich den Lesern gleich zu Beginn als Johannes vor. Schon in frühchristlicher Tradition führte sein Name zu Verwechslungen mit dem Jünger Johannes und mit dem Verfasser des Johannesevangeliums. Der Johannes der Offenbarung lebte aber ganz offensichtlich später als der gleichnamige Jünger Jesu. Außerdem unterscheiden sich Stil und Sprache seiner Schrift deutlich vom Johannesevangelium. Deshalb geht man heute davon aus, dass es sich beim Verfasser der Offenbarung um einen anderen Johannes handelt.

Seiner Sprache und Symbolwelt nach könnte er aus einem judenchristlichen Umfeld in Palästina stammen. Er versteht sich selbst als christlicher Prophet, der »um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus« ( Offenbarung 1, 9) in Bedrängnis geraten war. Als er seine Visionen und Auditionen empfing und schriftlich festhielt, lebte er eigenen Angaben nach in der Verbannung auf der Insel Patmos. Hier, so erzählt er, sei er eines Tages »vom Geist ergriffen« worden und habe »eine große Stimme wie von einer Posaune« gehört »die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch« ( Offenbarung 1, 10f).

Zu seiner Zeit gab es durchaus mehrere Propheten, die teilweise als Wanderprediger umherzogen und den Menschen Botschaften von Gott oder Jesus verkündeten. Seine Schrift richtet Johannes ausdrücklich an sieben Gemeinden in der Provinz Asien, einer Gegend, in der auch Paulus missioniert hatte. Die Menschen dort scheint Johannes persönlich gekannt zu haben, allerdings ist nicht überliefert, dass er an einem der Orte länger gewohnt hat.

Wann Johannes genau gelebt und gewirkt hat, ist umstritten. Er spricht jedoch davon, um seines Glaubens willen in Bedrängnis geraten zu sein, wie viele andere Christen auch. Deshalb kann man vermuten, dass er Ende des ersten Jahrhunderts unter Kaiser Domitian wirkte.

Die römischen Machthaber gestatteten den Menschen private Religionen, sofern sie an Staatskult und Kaiserverehrung teilnahmen. Domitian legte großen Wert darauf, dass die Menschen ihn zum Zeichen ihrer Loyalität durch Opfer und Anbetung öffentlich ehrten. Juden wie Christen lehnten dies aber als Götzendienst ab.

Johannes schaut auf Patmos die Visionen der Offenbarung, Altarbild von Hans Memling, 1479.
Foto: PD
   Johannes schaut auf Patmos die Visionen der Offenbarung, Altarbild von Hans Memling, 1479.

        

Einige Christen machten ihre Weigerung auch öffentlich. Zudem ließen das Wachstum der Gemeinden und ihre Abspaltung vom Judentum die Römer aufmerken. Mit der Verweigerung des Kaiserkults und der Verehrung eines vom römischen Staat Verurteilten machten sich Christen staatszersetzender Umtriebe verdächtig und gerieten zunehmend in Bedrängnis. Johannes selbst erwähnt Verhaftungen, die Tötung eines Christen namens Antipas in Pergamon ( Offenbarung 2, 13) und seine eigene Verbannung. Außerdem beschreibt er Zeiten, in denen die Mächtigen »betrunken [waren] von dem Blut der Heiligen und von dem Blut der Zeugen Jesu« ( Offenbarung 17, 6).

Die Christen setzten damals große Hoffnungen in die baldige Wiederkunft Christi, der die Feinde besiegen, Gerechtigkeit schaffen und die Gläubigen von allen Leiden erlösen würde. Schriften, in denen Propheten ihre Visionen und Weissagungen über das bevorstehende Weltende verkündeten, waren sehr beliebt und verbreitet.

Das teuflische Tier und sein Prophet werden vernichtet

Auf diese Tradition und deren Gedanken und Bildwelt konnte Johannes also zurückgreifen, als er seine Offenbarung niederschrieb. Sein Anliegen: Er wollte die verunsicherten Menschen in den ihm bekannten Gemeinden trösten. Die überbordende Symbolsprache des Johannes, die heutige Leser oft befremdet und ratlos zurücklässt, war für damalige Leser leicht zu entschlüsseln.

Aufgebaut ist die Offenbarung wie eine Art Rundschreiben mit briefartigem Anfang und Ende. Zunächst beschreibt Johannes die Schrecken der Endzeit, die er in mehreren Etappen hereinbrechen sieht.

Er spricht von einem »Buch mit sieben Siegeln«, die ein Lamm - ein Symbol für Christus - nacheinander öffnet. Daraufhin breiten sich unter anderem Krieg, Unruhen, Teuerung und Tod auf Erden aus. Dann erklingen sieben Posaunen, die weitere Plagen über die Erde bringen, um die Menschen zur Umkehr zu bewegen. Diese aber halten an ihrem Unglauben fest.

Ein Drache verfolgt eine Frau, die wohl für die Kirche steht. Dann treten ein vom Drachen beeinflusstes teuflisches Tier und sein Prophet auf, die sich von den Menschen verehren lassen, falsche Lehren verbreiten und alle, die sich diesem Kult verweigern, verfolgen und töten. Die Leser damals werden dabei sofort an den Kaiserkult und an Irrlehrer in den eigenen Reihen gedacht haben. Eine Stimme ruft die Gläubigen auf, trotz Lebensgefahr am Glauben festzuhalten und verspricht: »Selig sind die […], die in dem Herrn sterben von nun an« ( Offenbarung 14, 13).

Schließlich gießen Engel mit sieben Schalen die letzten Plagen über die Erde aus. Die »große Hure« ( Offenbarung 17, 1) Babylon als Symbol für Rom und das römische Reich geht unter. Das teuflische Tier und sein Prophet werden vernichtet. Der Drache wird für tausend Jahre gefesselt und in einen Abgrund geworfen. In diesen Jahren herrscht Christus über die Gläubigen. Erst nach der erneuten Freilassung des satanischen Drachen kommt es zur letzten Schlacht, die Christus gewinnt. Es folgt das letzte Gericht, in dem auch die Toten sich für ihr einstiges Handeln verantworten müssen.

Anschließend sieht Johannes »einen neuen Himmel und eine neue Erde« ( Offenbarung 21, 1). Das »neue Jerusalem« ( Offenbarung 21, 2) als Gegenbild zu den einst so bedrückenden Verhältnissen auf der Erde kommt vom Himmel herab. Dort wohnen die, die treu an Christus festhielten. Nun müssen sie keine Verfolgungen mehr fürchten, heißt es weiter, denn Gott »wird bei ihnen wohnen« und »abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz« ( Offenbarung 21, 3 f.).

Darüber, was aus Johannes wurde, nachdem er seine Offenbarung niedergeschrieben hat, ist nichts Sicheres überliefert. Vereinzelt vermutete man, er habe noch einige Zeit in leitender Stellung in der Gemeinde in Ephesus gelebt, nachdem der Bann über ihn aufgehoben worden war.

So beliebt solche Offenbarungsschriften zu Lebzeiten des Johannes auch waren - schon früh kamen Zweifel auf, ob ein solcher Text in den Kanon der Bibel gehöre. In einigen orthodoxen Kirchen wird die Offenbarung des Johannes bis heute nicht dazugezählt. Auch Martin Luther wusste nicht so recht, wie er diesen Text einordnen sollte, und meinte: »Mein Geist will sich in dies Buch nicht schicken.«

Und dennoch: Wer sich von den grausamen Schilderungen nicht schrecken lässt und sich ein wenig in die Bildwelt dieses Textes einfindet, dem kann die Botschaft der Offenbarung auch heute noch Mut machen in schwierigen und ausweglos erscheinenden Zeiten. Hält sie doch Gottes Versprechen vor Augen: »Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende« ( Offenbarung 22, 13) und: »Siehe, ich mache alles neu!« ( Offenbarung 21, 5).

JOHANNES

  NAME: leitet sich vom hebräischen Johanan ab und bedeutet »Gott ist gnädig«.

  BERUF: Prophet

  HERKUNFT: unbekannt

  ZEIT: Ende des ersten Jahrhunderts

  WIRKUNGSGESCHICHTE: Die Schrift des Johannes wurde nach dem Wort benannt, mit dem sie beginnt: Offenbarung oder griechisch apokalypsis. Damit wurde sie namengebend für eine literarische Gattung, die in prophetischer Sprache von Endzeitereignissen und dem kommenden Reich Gottes erzählt. Redensarten wie »das A und O« oder das »Buch mit den sieben Siegeln« gehen auf diese Schrift zurück. In verschiedenen Sekten wurde versucht, anhand der Angaben des Johannes den Zeitpunkt des Weltendes zu berechnen. Selbst die Nationalsozialisten entlehnten ihre Vorstellung von einem tausendjährigen Reich der Offenbarung des Johannes. Bis heute kommen Horrorfilme und -literatur kaum ohne Anspielungen auf das letzte Buch der Bibel aus. Friedrich Engels sah in der Offenbarung mit ihren plakativen Schilderungen eines endzeitlichen Kampfs zwischen Gut und Böse ein »authentisches Bild eines beinah primitiven Christentums«.

  WICHTIGE BIBELSTELLEN:  Offenbarung 8, 9-20;  4-6;  15, 5-21;  20-22

  ZITAT: »Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wir nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz.« ( Offenbarung 21, 4)

  BUCHTIPP: Peter Hirschberg: Sehend werden - Wie die Johannesoffenbarung die Wirklichkeit erschließt. Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 2013, 200 Seiten, 16,80 Euro. Hirschbergs Buch eröffnet nicht nur einen gut verständlichen Zugang zu dem »Buch mit den sieben Siegeln«, es zeigt auch überzeugend auf, dass die Offenbarung kein Buch für abgedrehte Endzeitfanatiker ist. Nicht Weltflucht ist ihr Thema, sondern Weltbewältigung.

THEOLOGISCHES STICHWORT

ENDZEITERWARTUNG: Am Ende der Offenbarung betont Johannes noch einmal, wie nahe die geschilderten Ereignisse bevorstünden. Jesus hatte immer wieder von der nahen, ja im Grunde schon angebrochenen Gottesherrschaft gesprochen. Das deuteten die ersten Christen nach Jesu Tod als Hinweis darauf, dass er schon sehr bald wiederkehren, sein Reich aufrichten, Gericht über Gläubige und Ungläubige halten und die Ungerechtigkeiten und Bedrängnisse der jetzigen Welt ein für alle Mal beenden werde. Diese Hoffnung ist es, die auch Johannes durch seine Schrift zu bestärken versucht.

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Sonja Poppe

 


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abgerufen 31.05.2016 - 05:55 Uhr

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