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Sonntagsblatt 47/ vom

Krieg und Pogrom auf der Anklagebank

Vor 70 Jahren begann der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess


Der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess gilt als Geburtsstunde des Völkerstrafrechts. In der einstigen Stadt der Reichsparteitage urteilten vier Nationen gemeinsam über die Verbrechen der Nationalsozialisten. Der Prozess begann am 20. November 1945 im Schwurgerichtssaal 600.

21 ranghohe Repräsentanten des NS-Regimes saßen in Nürnberg auf der Anklagebank.
Foto: pa
   21 ranghohe Repräsentanten des NS-Regimes saßen in Nürnberg auf der Anklagebank.

        

Die Auschwitz-Überlebende Marie-Claude Vaillant Couturier hat sich die Namen vieler Opfer gemerkt. Präzise schildert die französische Widerstandskämpferin die Verbrechen: Sie berichtet von medizinischen Experimenten, von Folter, von Selektion und der Ermordung in der Gaskammer. Vaillant Couturier, später mehrere Jahre lang stellvertretende Vorsitzende der französischen Nationalversammlung, war eine wichtige Zeugin im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess.

Zwei Tage zuvor hatte der Internationale Militärgerichtshof in Berlin das Strafverfahren gegen die nationalsozialistische Führungselite und sechs NS-Organisationen eröffnet. In Nürnberg saßen 21 NS-Politiker, Militärs und NSDAP-Funktionäre auf der Anklagebank - darunter Reichsmarschall Hermann Göring, der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Wilhelm Keitel, NS-Außenminister Joachim von Ribbentrop und Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß. Adolf Hitler, Joseph Goebbels und Heinrich Himmler hatten im Frühjahr Suizid begangen. Die Anklage lautete: Verschwörung gegen den Weltfrieden, Führung eines Angriffskrieges, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Der Prozess war aufwendig: 218 Tage lang wurde verhandelt, rund 140 Zeugen waren geladen. Als Beweismaterial dienten den Richtern Fotografien, Protokolle, Briefe, NS-Propagandamaterial und Filme, die die Alliierten bei der Befreiung der Konzentrationslager gedreht hatten.

»Die Ankläger wollten den kriminellen Charakter des nationalsozialistischen Regimes an sich und nicht lauter Einzelverbrechen ahnden«, sagt die Kuratorin der Gedenkstätte »Memorium Nürnberger Prozesse«, Henrike Claussen. »Ziel war es, die Angeklagten zu überführen anhand von ihnen selbst unterschriebenen Dokumenten.« Am Ende des Prozesses standen zwölf Todesurteile, sieben Haftstrafen - davon drei lebenslänglich - und drei Freisprüche.

Das internationale Interesse an dem Prozess war groß. Journalisten und Schriftsteller aus aller Welt waren nach Nürnberg gereist. »Jetzt sitzen also der Krieg, der Pogrom, der Menschenraub, der Mord en gros und die Folter auf der Anklagebank«, notierte Erich Kästner in einem Artikel für die »Neue Zeitung«, die in der amerikanischen Besatzungszone erschien. »Riesengroß und unsichtbar sitzen sie neben den angeklagten Menschen.«

Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess war der erste Prozess, in dem die Verbrechen des Nationalsozialismus verhandelt wurden. Anders als bei späteren bundesdeutschen Gerichtsverfahren urteilten in Nürnberg sowjetische, britische, US-amerikanische und französische Richter gemeinsam über die NS-Verbrechen. Bis 1949 folgten vor einem US-amerikanischen Militärgerichtshof in Nürnberg noch weitere zwölf Prozesse, in denen unter anderen Ärzte, Industrielle und Juristen auf der Anklagebank saßen.

»Im Großen und Ganzen ist dieser Prozess ein Novum in der Geschichte des modernen Völkerrechts«, sagt die Jenaer Historikerin Annette Weinke.

Erstmals hatten vier Staaten mit unterschiedlichen Verfassungen einen internationalen Gerichtshof einberufen, um über Verbrechen gegen den Frieden und die Menschlichkeit zu verhandeln. So gesehen sei Nürnberg »die Wiege dessen, wie wir heute versuchen, mit systematischen Menschenrechtsverletzungen umzugehen«, sagt Henrike Claussen. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag, aber auch Ad-hoc-Strafgerichtshöfe wie der Internationale Strafgerichtshof für Ruanda seien ohne die Prinzipien von Nürnberg nicht denkbar.

 

 

Barbara Schneider