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Sonntagsblatt 47/ vom

Gefäße für die letzte Reise

Jede Urne soll ein einzigartiges Werk sein


Die Heilpädagogin Anne Diekmann erlebte das Sterben oft - als Mitarbeiterin einer Wohngemeinschaft für HIV-Positive, vor 20, 25 Jahren, als es noch keine guten Medikamente gegen diese Krankheit gab.

Anne Diekmanns Keramikurnen helfen, würdevoll von einem geliebten Menschen Abschied zu nehmen.
Foto: Christ
   Anne Diekmanns Keramikurnen helfen, würdevoll von einem geliebten Menschen Abschied zu nehmen.

        

Die Urnen für die Asche der Verstorbenen fand Diekmann damals ziemlich lieblos. Aus diesem Grund begann die Heilpädagogin und Keramikerin im Jahr 2000, während ihrer Meisterausbildung in der Landshuter Keramikschule, selbst Urnen herzustellen. Die Reaktionen auf ihr erstes Exemplar wird sie nie vergessen. »Man war entsetzt, dass ich mich mit so etwas beschäftige«, lacht Anne Diekmann heute. Weder die Mitschüler noch die Lehrer wollten es begreifen. So viel Schönes könne man doch mit Keramik gestalten - Vasen, Schalen und verspielte Objekte. Warum befasst sich da jemand mit dem Tod?

Anne Diekmann ließ sich nicht beirren. Mit Keramikurnen hatte sie ihr ureigenes Thema entdeckt. Gerade weil sie das Leben liebt, befasse sie sich mit dem Tod, sagt die 51-Jährige gebürtige Sauerländerin. Durch ihre Kunst möchte sie das Sterben enttabuisieren und einen Beitrag zur würdevollen Bestattung leisten. Vor allem aber möchte sie Hinterbliebenen bei der Verarbeitung ihrer Trauer helfen.

Befreiender Engel

Immer wieder findet sie neue Bilder und Symbole, die Trauer ausdrücken, Trost spenden und Hoffnung über den Tod hinaus geben. Bei ihrer ersten Urne symbolisierte sie das Gefühl von Trauer durch die rissige Oberfläche des roten Tons. »Diese Oberfläche erinnerte an ein ausgetrocknetes Flussbett«, erklärt sie. Nach dem Tod eines geliebten Menschen gefühlsmäßig wie ausgetrocknet zu sein, mit diesem Bild, hat sie erfahren, können sich viele Trauernde identifizieren.

Ein weiblicher Engel blickt, den Kopf im Nacken, gen Himmel. Engel drücken für Diekmann Leichtigkeit aus. Gerade nach einer schweren Krankheit wie Krebs wird der Tod von den Angehörigen bei aller Traurigkeit auch als Erlösung empfunden. Der gebeutelte, viele Monate, wenn nicht Jahre von Schmerzen gepeinigte Körper, muss sich nicht länger quälen. Der Tod befreit die Seele des Menschen von der Last des Körpers.

Nicht immer ist die Symbolik bei Diekmann auf den ersten Blick zu erkennen. Weißer Ton von der Töpferscheibe, an vielen Stellen abgeschnitten? »Tod bedeutet zunächst immer die physische Trennung«, sagt die Künstlerin: Etwa fällt weg, ist nicht mehr da und wird in dieser Gestalt nie mehr wiederkommen.

Grasabdrücke in rotem Ton. Gras verbrannte mit im Keramikofen und schlug sich als Russ auf der Urnenoberfläche nieder. Für Diekmann gleicht der Mensch dem Gras: Ist es windstill, kann er die Sonne in vollen Zügen genießen. Peitscht der Sturm, wird das Gras in alle Richtungen gezerrt. Und wie schnell ist ein Grasbüschel zertrampelt oder ausgerissen.

Nach wie vor trifft die Keramikkünstlerin auf Menschen, die es äußerst irritierend finden, wie intensiv sie sich mit dem Tod auseinandersetzt. Doch sie stellt auch fest, dass das Tabu ein wenig zu bröckeln beginnt: »Immer mehr Menschen kommen auf mich zu und sagen, dass sie, wenn sie einmal sterben, eine Urne von mir wollen«, sagt Diekmann. Dies wäre vor zehn Jahren noch unvorstellbar gewesen.

Gleich blieb: Menschen brauchen einen persönlichen Bezug zu ihr, bevor sie sich für eine Urne entscheiden. Und sei es über eine Ausstellung. Natürlich hat auch Diekmann eine Homepage: »Doch Urnenunikate bestellt man nicht im Internet.«

 

 

Pat Christ