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Dieser Artikel: Ausgabe 48/2015 vom 29.11.2015
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Meterweise Akten

Das Ulmer Stadtarchiv arbeitet derzeit die Geschichte der Reformation in der Münsterstadt auf


Die Akten zeichnen ein Bild des Lebens in der damaligen Zeit. Bis zum Reformationsjubiläum im Jahr 2017 soll es vollständig sein.

Seit zwei Jahren bereits sichtet Marie-Kristin Hauke die Reformationsakten. Das Material wird geordnet und konserviert und steht dann für wissen­schaftliche Zwecke zur Verfügung.
Foto: Hub
   Seit zwei Jahren bereits sichtet Marie-Kristin Hauke die Reformationsakten. Das Material wird geordnet und konserviert und steht dann für wissen­schaftliche Zwecke zur Verfügung.

        

Pfuhl ist heute ein Stadtteil Neu-Ulms. Unter Karl dem Großen kam das Örtchen in den Besitz der Abtei Reichenau und später an die Freie Reichsstadt Ulm. Als die Ulmer sich 1531 für den evangelischen Glauben entschieden, setzte man das im kleinen Pfuhl nicht gleich um: Pfarrer der Ulrichskirche am Ort war Johann Liebmann, der den Thesen des Spiritualisten Kaspar Schwenckfeld von Ossig nahestand: Noch ein Jahrzehnt nach der Einführung der Reformation in Ulm hielt Liebmann das Abendmahl nicht. Er lehnte die Kindertaufe ab, taufte aber auf Druck von Eltern Säuglinge.

Manch einer in Pfuhl und sogar in der Freien Reichsstadt Ulm scheint sich jedoch über den widerspenstigen Pfarrer gefreut zu haben, denn bei einer Visitation Pfuhls 1543 beschwerten sich weder die Ulmer Amtsleute noch die Pfuhler selbst über den Pfarrer. Sie erzählten im Gegenteil, dass ihnen Liebmann »besser gefalle«, besonders in der Lehre zum Abendmahl. Der von Liebmann betonte und für den Empfang nötige rechte Glaube (»auch soll ainer den leib im glauben empfahen«) müsse in einer sichtbaren Veränderung des Lebens bestehen.

Unruhige Zeiten

Die Pfuhler Situation in der Mitte des 16. Jahrhunderts ist ein winziger Bestandteil der 13 Regalmeter Reformationsakten, die Marie-Kristin Hauke im Ulmer Stadtarchiv derzeit aufarbeitet. Zum 500-jährigen Reformationsjubiläum im Jahr 2017 soll die Arbeit fertig sein. Vor zwei Jahren begann sie, die historischen Dokumente der Reformation in Ulm zu sichten, zu konservieren und zu ordnen. Doktoranden und Habilitanden werden von ihrer Arbeit profieren. Für Marie-Kristin Hauke und die Stadtarchiv-Historikerin Gudrun Litz entsteht durch die Lektüre und durch Quervergleiche von kirchlichen und städtischen Akten und Privatbriefen ein detailliertes Bild der Situation der Ulmer Bevölkerung in den ersten Jahren nach der Reformation.

Reformationsgeschichte im Original: ein Brief des streitbaren Ulmer Reformators Martin Frecht.
Foto: Hub
   Reformationsgeschichte im Original: ein Brief des streitbaren Ulmer Reformators Martin Frecht.

        

Es waren unruhige Zeiten. Frieden oder Krieg? Kaiser Karl V., der 1530 durch Papst Clemens VII. gekrönte letzte römisch-deutsche Herrscher, warb Truppen an. Würde er sie gegen die Türken richten oder gegen die Protestanten? Die Ablehnung der »alten Kirche« stellte in seinen Augen seine Legitimation infrage. Einige protestantische Fürsten hatten sich 1531 zu einem Verteidigungsbündnis, dem Schmalkaldischen Bund, zusammengeschlossen.

Die Ulmer Fäden liefen beim Patrizier und Bürgermeister Bernhard Besserer zusammen, der allerdings den Ideen des spirituellen Kaspar Schwenckfelds von Ossig nahestand und so lange wie möglich einen Bruch mit dem Kaiser zu vermeiden suchte, während sein Sohn Georg Gesandter beim Bündnistag des Schmalkaldischen Bunds war.

Die theologischen Debatten, die die Reformatoren Martin Frecht und Martin Bucer führten, beschäftigten sich mit der Kontroverse um das Abendsmahlsverständnis, mit den Sakramenten und dem Umgang mit Spiritualisten wie Kaspar Schwenckfeld und dessen Anhängern. Schwenckfeld hatte sich gegen die kirchliche Christologie und gegen Luthers Rechtfertigungslehre gestellt.

Protestant werden oder nicht?

Für die Bewohner Ulms standen dagegen die Ängste vor Unruhen und die eigene Entscheidung im Vordergrund, sich der neuen Lehre anzuschließen oder katholisch zu bleiben. Diese Entscheidung hatte weitreichende Folgen: Wo konnte etwa ein Ehepaar sein Kind taufen lassen, wenn es sich der neuen Lehre verweigerte? Der Besuch des Abendmahls wurde kontrolliert. Angst vor Denunziation ging um, denn die katholischen Ulmer mussten in Enklaven des alten Glaubens ausweichen, berichtet Gudrun Litz. Nach Söflingen etwa, wo die Clarissen das älteste Kloster in Deutschland unterhielten, nach Oberelchingen, wo die Benediktiner ein Kloster hatten, oder nach Geislingen, wo der kämpferische Pfarrer Georg Osswald derart gegen die Reformation anpredigte, dass er in Ulm verhört und nicht mehr nach Geislingen zurückgelassen wurde.

Ein Dorn im Auge war den Ulmer Kirchenoberen auch das Dorf Reutti, heute ebenfalls ein Neu-Ulmer Stadtteil. Dass der spätgotische Marienaltar der St.-Margaretha-Kirche, ein Werk des berühmten Altarschnitzers Niklaus Weckmann, die Reformation überstand, dürfte unbeugsamen Dorfbewohnern und ihrem Pfarrer Wolfgang Engelschalk zu verdanken sein. Über ihn steht in Visitationsprotokollen von 1543 geschrieben, dass die »Götzen« (der Altar) noch immer in der Kirche seien.

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Dagmar Hub

 


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abgerufen 25.08.2016 - 23:53 Uhr

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