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Dieser Artikel: Ausgabe 48/2015 vom 29.11.2015
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Lebenspraxis statt Abitur

Günther Bauer, Chef der Inneren Mission München, über Flüchtlinge, Integration und Zukunftsperspektiven


Die Innere Mission ist in München einer der Hauptakteure bei der Aufnahme und Begleitung der ankommenden Flüchtlinge. Am ersten Adventswochenende veranstaltet sie in der Akademie Tutzing die Tagung »Auf der Flucht«. IM-Vorstand Günther Bauer erklärt im Interview, worum es geht.

»Die Integrationskraft der Gesellschaft ist größer als gemeinhin angenommen«: Günther Bauer hält Migration für ein Phänomen, das in einer offenen Weltgemeinschaft ein Dauerthema bleibt.
Foto: Schröder
   »Die Integrationskraft der Gesellschaft ist größer als gemeinhin angenommen«: Günther Bauer hält Migration für ein Phänomen, das in einer offenen Weltgemeinschaft ein Dauerthema bleibt.

        

  Der Landesbischof bekommt für sein beständiges Plädoyer pro Flüchtlinge Lob, aber auch viel Kritik. Was ist die richtige Haltung für Kirche und Diakonie?

Bauer: Der biblische Blick ist sehr realistisch: Er beschönigt Flüchtlingssituationen nicht. Die Haltung zur Flüchtlingssituation heute hat etwas damit zu tun, ob man genau hinschauen will, ob man das Leid der Menschen sehen will oder nicht. Ich würde Kritikern immer die Gegenfrage stellen: Was würden Sie tun, wenn Sie in einer ähnlichen Bedrohungssituation wären durch Terror, durch Bürgerkrieg, durch absolute Perspektivlosigkeit? Auch Deutschland war jahrhundertelang ein Auswanderungsland, aus dem Menschen weggegangen sind, weil sie gesagt haben: Was Besseres als den Tod finde ich überall.

  Welche Perspektiven haben die Flüchtlinge hier?

Bauer: Wir wissen, dass Handwerkskammern und Industriebetriebe händeringend um Fachkräfte werben. Die Flüchtlinge sind überwiegend junge Menschen. Deswegen gilt es auch hier, genau hinzuschauen: Wer kommt zu uns? Wie können wir sie qualifizieren? Nur 2 Prozent der Flüchtlinge bekommen Asyl als politisch Verfolgte nach Artikel 16a des Grundgesetzes. Wie können wir die anderen 98 Prozent über ein Einwanderungsgesetz so steuern, dass Menschen kommen, die dann auch eine rasche Integrationsperspektive haben?

  Ein somalisches Straßenkind tut sich mit dem Lernen schwerer als ein syrischer Arzt …

Bauer: Auch manche deutsche Jugendliche haben trotz aller Schulbildung nicht nur eine Lese-Rechtschreibschwäche, sondern gehen in Richtung funktionale Analphabeten - auch für sie brauchen wir bei uns eine gesellschaftliche Integrationsperspektive. Jugendämter, Arbeitsämter und andere Institutionen versuchen, für sie Lösungen zu finden. Warum soll das für junge Menschen aus Somalia weniger gelten? Zumal diese jungen Leute ja mit erheblichen Ressourcen kommen. Sie haben oft eine lebenspraktische Erfahrung wie wenige Jugendliche bei uns, eine Fähigkeit, sich im Leben Möglichkeiten zu schaffen, wo es eigentlich objektiv gar keine gibt. Da gilt es anzusetzen. Wenn wir nur von unserem Bildungsbegriff ausgehen, hat das auch etwas Herablassendes. Für junge Menschen, ganz gleich wo sie herkommen, gilt das, was in der Jugendhilfe immer gilt: Man muss bei ihren Ressourcen ansetzen und sie entwickeln.

  Ein Untertitel der Tagung ist die Frage: Was verkraftet die Gesellschaft?

Bauer: Wenn Ängste geschürt werden, dann verkraftet die Gesellschaft natürlich weniger, als wenn alle an einem Strang ziehen, um genau diese Ängste abzubauen. Fakt ist, dass aufgrund der demografischen Entwicklung in den nächsten Jahren die Bevölkerung in Deutschland abnehmen wird. Ein Zuwachs von drei bis fünf Millionen Menschen kann das gerade so ausgleichen. Nach dem Krieg hat ein wesentlich kleineres Land zwölf Millionen Vertrieben integriert. Fragen nach kultureller Anpassungs gab es auch in der Wendezeit - da sind mehr als 20 Millionen in unser gesellschaftliches System integriert worden. Ich glaube, dass die Integrationskraft in unserer Gesellschaft sehr viel größer ist, als gemeinhin angenommen wird. Wir stehen am Anfang einer Entwicklung, nicht am Ende.

  Was können Kirche, Diakonie, Gemeinden tun, damit aus Flüchtlingen Mitbürger werden?

Bauer: Die Gemeinden und unsere Kirche können vor allem als Brückenbauer eine ganze Menge tun. Das fängt an beim Willkommen in den Unterkünften. Wenn dort Beziehungen zwischen Menschen entstehen, ist das für beide Seiten bereichernd. Die Aufgabe der Diakonie ist noch etwas spezieller, weil sie die Infrastruktur für die Sozialarbeit aufbauen muss. Zu diesem Zweck stellen wir immer mehr ehemalige Flüchtlinge ein, die schon lange hier leben. Sie haben nicht nur die Fluchterfahrung, sondern auch Sprachkompetenz, sie kennen unser soziales System und können in guter Weise die neu Ankommenden beraten. Sofern neue Flüchtlinge über eine Arbeitserlaubnis verfügen, können wir sie ebenfalls einstellen. Damit werden sie aus dem Nichtstun herausgeholt und können sich selbst eine Lebensperspektive aufbauen.

  Was ist das Ziel der Tagung?

Bauer: Der Umgang mit Migration und Flüchtlingen ist ein Dauerthema, das nicht nur momentan Konjunktur hat. Es ist ein Phänomen, das zur Globalisierung gehört, zu einer offenen Gesellschaft, zu einer offenen Weltgemeinschaft. Wir werden uns damit dauerhaft beschäftigen müssen.

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Interview: Susanne Schröder

 


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abgerufen 26.08.2016 - 05:10 Uhr

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