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Sonntagsblatt 49/ vom

Wir Neinsager

Eine verunsicherte Gesellschaft braucht neue Antworten

Kommentar von Wolfgang Lammel

Der deutsche Bürger kultiviert den Widerstand. »Nein« ist die Überschrift, unter der sich das Volk in vielen kleinen oder großen Gruppen versammelt.

»Nein« zu Stromtrassen, »Nein« zu Windrädern. »Nein« zur dritten Startbahn auf dem Münchner Flughafen, »Nein« zu Xavier Naidoo beim Eurovision Song Contest.

»Nein« zu TTIP, »Nein« zu Stuttgart 21. »Nein« zu Flüchtlingsheimen, »Nein« zur Burka. »Nein« zu den Olympischen Spielen in Hamburg.

Das sind, ganz willkürlich und ohne Wertung herausgegriffen, nur ein paar Beispiele aus dem, was in den letzten Monaten Schlagzeilen machte. Das Land, in dem einst Ordnung als erste Bürgerpflicht galt, scheint zu einer Nation von Neinsagern geworden zu sein, mit dem »Dagegen sein« als Leitmotiv.

Dieser Eindruck ist ebenso richtig wie falsch. Denn es gibt, vereinfacht gesagt, zwei Gruppen von Neinsagern.

Auf der einen Seite sind jene Bürger, die ihren Widerstand auf tragfähigen und nachprüfbaren Argumenten gründen und damit auch gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Beispiel: Die Abfuhr für die Hamburger Olympia-Bewerbung zum Beispiel war in erster Linie eine Reaktion auf eine immer monströsere Kommerzialisierung des Sports, der sich spätestens seit den Skandalen um die internationalen Dachorganisationen längst von der noblen olympischen Idee verabschiedet hat.

Auf der anderen Seite: die sogenannten Wutbürger, die sich mit ihren Problemen von der Politik alleingelassen fühlen. Die allzu oft formelhafte Beschwichtigungssprache der Entscheidungsträger beantworten sie damit, dass sie populistischen Parolen folgen, die einen angeblichen »Volkswillen« vortäuschen: Dass in einer globalisierten Welt kein Problem mehr gelöst wird, indem man es über die Landesgrenze abschiebt, wird geflissentlich ignoriert.

Die Neinsager sind ein Symptom für eine zunehmend verunsicherte Gesellschaft, die sich einer unendlichen Reihe von Krisen ausgesetzt fühlt. Ukrainekrise, Eurokrise, Flüchtlingskrise, Terrorismusängste - solche Begriffe, auch von Medien befeuert, sind alles andere als eine Ermutigung für die Menschen.

Die Politik hat es nicht geschafft, viele Zusammenhänge und Entscheidungen verständlich und nachvollziehbar zu erklären. Damit hat sie ihre Bürger unterschätzt. Ehrliche, auch unbequeme, vielleicht sogar schmerzhafte Wahrheiten sind zumutbar, wenn ein klares Ziel abgesteckt wird - auch auf das Risiko, Wählerstimmen zu verlieren.

Eine aufgeklärte, selbstbewusste Gesellschaft kann das bewältigen. Vielleicht geben die Neinsager dazu sogar einen Ansporn.

 

Sonntagsblatt-Redakteur Wolfgang Lammel

 

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