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Aktuelle Ausgabe: 29 vom 17.07.2016
Dieser Artikel: Ausgabe 49/2015 vom 06.12.2015
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Überleben ist nicht illegal

Die Tagung »Auf der Flucht« in Tutzing beleuchtet aktuelle und künftige Fragen rund ums Thema Asyl


Monster, immer wieder Monster: Als Khalil mit seinen Eltern in einer Münchner Flüchtlingsunterkunft strandet, sind Monster in der Malwerkstatt sein einziges Motiv. Die Bilder des sechsjährigen Syrers illustrierten am Wochenende in Tutzing eine Tagung zum Thema »Auf der Flucht«.

Vom Monsterbild zu den erlösenden Schneeflocken - der syrische Flüchtlingsjunge Khalil machte beim Malen Frieden mit seiner Erinnerung.
Foto: Oryk Haist
   Vom Monsterbild zu den erlösenden Schneeflocken - der syrische Flüchtlingsjunge Khalil machte beim Malen Frieden mit seiner Erinnerung.

        

Der Flüchtlingsjunge strandet 2013 in der oberbayerischen Gemeinschaftsunterkunft, wo er einmal pro Woche die Malwerkstatt von Irmela Strohhacker besucht. »Khalil hat einen Bombeneinschlag in der Schule überlebt«, erzählt die pensionierte Kinderärztin. Der syrische Junge sah, wie seine Klassenkameraden von der Bombe zerfetzt wurden - brennende Häuser und sterbende Kinder füllten fortan seine Gedanken bei Tag und die Träume bei Nacht. Die Evangelische Akademie Tutzing zeigte anhand von Khalils Bildern, worum es geht, wenn Deutschland, wenn die EU über Kontingente und Obergrenzen für Flüchtlinge spricht.

»Egoistenkonglomerat EU«

SZ-Journalist Heribert Prantl bezeichnete die EU in seinem Vortrag, der mehr einer wortgewaltigen Predigt glich, als »Egoistenkonglomerat verschiedener Nationen«, das Zufluchtsuchende illegalisiere. »Es ist aber nicht illegal, sein Leben retten zu wollen«, so Prantl. Europa müsse legale Zuwanderung ermöglichen und Fluchtursachen bekämpfen. Er warf Ländern wie Polen, das nur christliche Flüchtlinge aufnehmen will, »Hochverrat an den europäischen Werten« vor und forderte die gleichen Anstrengungen wie in der Eurokrise.

»Europa lebt nicht vom Euro, sondern davon, dass es die Menschenwürde schützt«, so der Journalist. Die Herzlichkeit, mit der viele Deutsche die Flüchtlinge an den Hauptbahnhöfen empfangen hätten, löse zwar das Integrationsproblem nicht. »Sie hilft aber, die Globalisierung der Gleichgültigkeit zu beenden«, sagte Prantl.

Die Flüchtlingsfrage bewältigen ist das Tagesgeschäft von Maria Els, Vizepräsidentin der Regierung von Oberbayern. Bis Ende November seien bundesweit 930.000 Flüchtlinge offiziell registriert worden. Sie erwarte für 2015 eine Zahl »von einer Million plus x«. Wenigstens 50 Prozent bekommen laut Els zumindest ein befristetes Bleiberecht. »Wir brauchen deshalb eine Integrationsoffensive in den Bereichen Sprache, Wohnraum, Arbeits- und Ausbildungsplätze, Kindergärten und Schulen«, so die Behördenleiterin. Derzeit gibt Oberbayern täglich 1,5 bis 2 Millionen Euro für die Aufnahme der Flüchtlinge aus - »das muss auch verwaltet werden«, sagte die sympathische Beamtin mit Blick auf die immer noch zu dünne Personaldecke in ihrer Behörde. Trotz aller Sachlichkeit musste sie am Ende ihres Vortrags einmal schlucken: »Bislang«, sagte Els, »haben wir alles geschafft - aber manchmal lagen die Nerven blank.«

Dass sie das Schicksal der Flüchtlinge persönlich betroffen macht, merkte man auch Ursula Gräfin Praschma an, Abteilungspräsidentin des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Nürnberg. »Unser Amt steht im Dienst der Menschen, die zu uns kommen und uns vertrauen, und im Dienste der Gesellschaft«, sagte sie. Die Verantwortung, es gut und richtig zu machen, trage sich nicht leicht. Die Abteilungsleiterin für Asyl wies deshalb Kritik an der Bearbeitungsgeschwindigkeit von Asylanträgen zurück. In Deutschland würden nur 6,6 Prozent aller Asylentscheidungen des BAMF von Verwaltungsgerichten korrigiert - »in anderen europäischen Ländern liegt die Quote bei 25 Prozent«, sagte Praschma und verwies darauf, dass derzeit massiv Personal eingestellt werde, um mehr Anträge bearbeiten zu können.

Praschma bezeichnete den Königsteiner Schlüssel, der die Ankommenden proportional zu Bevölkerungszahl und Steueraufkommen auf die Bundesländer verteilt, als »wertvolles System«. Er sorge dafür, dass Flüchtlinge nicht - wie in Frankreich oder England - nur an den Rändern der Großstädte hängenblieben, sondern kleinteilig über Deutschland verteilt würden. Dadurch werde Integration erst möglich.

Dschihadistische Opposition

Der Konfliktforscher Mitra Moussa Nabo von der Bundeswehruni München versuchte, die chaotische Gemengelage im Nahen Osten zu erhellen. Bei all dem Gewirr von Interessen blieben zwei Erkenntnisse: Liberale Kräfte im Sinne einer westlichen Definition haben in den meisten arabischen Staaten keinerlei Basis in der Bevölkerung; dort ist die Opposition zu den herrschenden Regimen vorwiegend sunnitisch-dschihadistisch geprägt. Das bedeutet zugleich, dass die Diskussion in Europa über eine friedliche und gewaltfreie islamische Religion an der Wirklichkeit im Nahen Osten vorbeigeht.

Die, die dieser Wirklichkeit entkommen sind, brauchen oft Jahre, bis sie mit den Erinnerungen umzugehen lernen. Wochenlang malte der sechsjährige Khalil brennende Häuser - bis er einmal ein Bild eines ausgebrannten Hauses mit dicken Schneeflocken garnierte. Auf Strohhackers erfreute Äußerung, dass die Schneeflocken wohl das restliche Feuer löschen könnten, reagierte der Junge glücklich. »Seit diesem Bild hatte Khalil über Wochen kein Bedürfnis mehr, Bilder über die belastete Vergangenheit zu malen«, erinnert sich die Ehrenamtliche. Der kleine Junge hat vielleicht endlich inneren Frieden gefunden.

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Susanne Schröder

 


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abgerufen 26.07.2016 - 17:58 Uhr

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