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Sonntagsblatt 50/ vom

Ein Kind kommt in die Welt

Warum es sich die deutschen Zuckerberg-Kritiker zu leicht machen

Kommentar von Markus Springer

Ein Kind kommt in die Welt - und es ändert sich alles.

Was in diesen Tagen nach Weihnachten klingt, ist eine Erfahrung, die so ziemlich alle machen, wenn sie zum ersten Mal Eltern werden. Da sind nicht nur die schlaflosen Nächte; auch der Blick auf die Welt verändert sich: Was hält die Zukunft für uns und unser Kind bereit? Welche Chancen? Aber auch: welche Gefahren?

Nicht auszuschließen, dass Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und seiner Frau Priscilla Chan die Verletzlichkeit des Lebens auf diese Weise neu begegnet ist. Zur Geburt ihres ersten Kinds schrieb der stolze Vater einen Brief an Tochter Max, der freilich mehr ein offener Brief an die Weltöffentlichkeit war. 99 Prozent seines derzeit auf 45 Milliarden Dollar taxierten Vermögens will Zuckerberg im Laufe der nächsten Jahre weltweit wohltätigen Zwecken zuführen. Gesundheit, Bildung und Internetzugang sollen dabei im Mittelpunkt stehen.

In Deutschland erntete Zuckerberg dafür alles andere als positive Reaktionen. Und es stimmt: Philanthropie kann keine Alternative zum Sozialstaat sein. Spenden können gerechte Steuern nicht ersetzen. Großspender sichern sich Einfluss für ihre Agenda. Auch dass in der Aktion eine Menge Eigenmarketing steckt, liegt auf der Hand. Und wenn sich das Vermögen ihrer Eltern irgendwann nur noch auf 400 Millionen Dollar beläuft, wird die kleine Max trotzdem materiell sorgenfrei aufwachsen.

Deutschland tut sich schwer mit der philanthropischen Tradition der USA - könnte hier aber durchaus etwas lernen. Der Investor Warren Buffett hat mit Melinda und Bill Gates (Microsoft) 2010 die Initiative »The Giving Pledge« ins Leben gerufen, bei der sich Superreiche verpflichten, den Großteil ihres Vermögens fürs Gemeinwohl zu spenden.

Inspiriert ist die Initiative vom britisch-amerikanischen Stahl-Tycoon Andrew Carnegie (1835-1919), der in seinem Essay »Das Wohlstands-Evangelium« (The Gospel of Wealth) 1889 schrieb, wer superreich sterbe, sterbe in Schande.

Hilton, Rockefeller, Zuckerberg - viele der über 100 Unterzeichner aus der angelsächsischen Welt sind prominent. SAP-Mitgründer Hasso Plattner machte 2013 als erster deutscher Milliardär mit bei »The Giving Pledge«. Er blieb bisher allein.

Zu den Top Ten der reichsten Deutschen gehört Plattner nicht. Auf dieser Liste stehen Namen, die nur Eingeweihte kennen: eine Beate Heister (Aldi) oder ein Dieter Schwarz (Lidl), eine Familie Reimann (Coty) oder die Geschwister Herz (Tchibo).

»Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.« Das ist nicht das Kommunistische Manifest. Das ist Grundgesetz (Artikel 14, Absatz 2). Und das ist mehr, als »ein bisschen soziale Verantwortung von Unternehmen, die nebenher läuft«, wie Milliardärin Susanne Klatten 2013 in der Evangelischen Akademie Tutzing sagte.

Wenn gesellschaftliche Verantwortung zunehmend »Kern des unternehmerischen Handelns« wird, etwa die »Ökologie zur Ökonomie des 21. Jahrhunderts« (Klatten), können sich die Vermögenden nirgendwo auf Dauer wegducken.

In Vermögen steckt das Vermögen, etwas zu verändern. Und das bedeutet Verantwortung. Sie betrifft uns alle. Aber Vermögende besonders. Darüber sollten wir auch in Deutschland sprechen.

 

Sonntagsblatt-Redakteur Markus Springer

 

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