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Dieser Artikel: Ausgabe 50/2015 vom 13.12.2015
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Ein Leben in Triumph und Verzweiflung

Vor 100 Jahren, am 19. Dezember 1915, wurde in Paris Édith Piaf geboren


Édith Piaf wurde zur Legende ihrer selbst: Kein Drehbuchautor hätte ein solches Schicksal ersinnen können, eine derart zwischen Glamour und Elend, Triumph und Verzweiflung schwankende Existenz. Vor 100 Jahren wurde sie in der Arrestzelle einer Pariser Polizeistation geboren.

Édith Piaf (1915-1963), der »Spatz von Paris«.
Foto: pa
   Édith Piaf (1915-1963), der »Spatz von Paris«.

        

Édith Giovanna Gassion war die Tochter eines Zirkusakrobaten und einer Siebzehnjährigen, die auf dem Pariser Jahrmarkt ein Hippodrom betrieb. Als der Vater an die Front musste, verdiente sich die Mutter Anita ihr Geld Chansons singend in Kneipen und auf der Straße. Das Baby gab sie ihrer Mutter Aischa, die in einem Wanderzirkus arbeitete.

Dass die Oma dem schreienden Kind Rotwein in den Schnuller füllte, um es ruhigzustellen, ist nur eine der Legenden, die diese verrückte Existenz umschwirren. Als der Vater vom Fronturlaub nach Hause kam, schleppte er die verwahrloste kleine Édith jedenfalls entsetzt zu seiner eigenen Mutter, die ein Bordell in der Normandie führte.

Die Damen des Hauses umsorgten Édith, brachten ihr Manieren und den Hofknicks bei. Als sie nach einer Hornhautentzündung erblindete, bestürmten die nicht sehr anständigen, aber frommen Mädchen die gerade heiliggesprochene Nonne Thérèse von Lisieux erfolgreich mit ihren Gebeten.

Der Vater holte sie wieder zu sich, und mit ihm wanderte sie nun von Stadt zu Stadt, sammelte mit einem Teller Geld ein, während Papa (der sich auf Plakaten als »Schlangenmensch« anpries) Zaubertricks vorführte oder einen Affen tanzen ließ. Sie schliefen in Freien oder in Kellern und wärmten sich am Cognac.

Mit kaum zehn Jahren entdeckte Édith die Kraft und Schönheit ihrer Stimme. Sie sang an den Pariser Straßenecken die »Marseillaise« und verdiente bald mehr als Papa. Mit fünfzehn machte sie sich selbstständig und zog mit einer Freundin durch die Straßen und Hinterhöfe. Sie lebte mit einem Arbeiter namens Louis Dupont in einem schäbigen Hotel zusammen und bekam mit siebzehn ein Kind von ihm, Cécelle bzw. Marcelle, die aber mit nur zwei Jahren starb.

Ihre Männerkontakte beschränkten sich damals meist auf Gespräche mit reichen Verehrern, die sie dann an Zuhälter und Juwelenräuber verriet. Edith fand dieses Leben selbst zum Kotzen. 1935 ließ sie der Revuekönig Louis Leplée probeweise in seinem Lokal auftreten. Das dünne, ausgehungerte Persönchen war ungeschminkt und hatte kein Geld für Strümpfe gehabt, aber das Publikum im »Le Gerny's« war genauso begeistert wie zuvor die Soldaten an den Straßenecken.

Louis gab ihr einen neuen Namen »La Môme Piaf«, Spätzchen. Ihren Ruhm verdankte die Piaf nicht nur ihrer fantastischen Stimme und einer unglaublichen Bühnenpräsenz: »Jedes Mal, wenn die Piaf singt«, staunte der Dichter Jean Cocteau, »dann meint man, sie risse sich endgültig die Seele aus dem Leib.«

Niemand konnte so atemberaubend echt wie die Piaf vom Leben und seiner Vergänglichkeit erzählen, von Glück und Abschied, von der Liebe und ihrer Brüchigkeit, einfach, dramatisch und voller Poesie. Auf der Bühne trug sie nie etwas anderes als ein schlichtes schwarzes Kleid und als einzigen Schmuck ein goldenes Kreuz.

»Tu es partout« (Du bist überall), »Milord« und »Mon légionnaire« hießen ihre bekanntesten Lieder, »Non, je ne regrette rien« (Ich bereue nichts) und »Sous le Ciel de Paris« (Unter dem Himmel von Paris). Sie lebte exzessiv, immer im Rausch, oft betrunken, sie zog Männer an wie die Motten das Licht und warf sie wieder weg, sie verliebte sich in jeden, mit dem sie sang und arbeitete, und wurde mit keinem glücklich; sie war raffiniert, naiv und sentimental.

Als ihr Impressario Leplée einem Raubmord zum Opfer fiel, verdächtigte man auch Édith Piaf. Sie wurde verhaftet und verhört; etwas von dem Verdacht blieb ein Leben lang an ihr hängen. Zum Glück begegnete sie einem neuen Mäzen, dem Chansontexter Raymond Asso, der ihr nicht nur neue Lieder schrieb, sondern auch Bildung, Körperpflege und eine weniger ordinäre Aussprache beibrachte: »Ich habe so viel Böses in mir«, gestand sie ihm, »aber in deiner Gegenwart regt sich der Teufel in mir nicht.«

Jetzt war sie ein ganz großer Star. Charles Aznavour und Eddie Constantine begleiteten sie auf ihre USA-Tourneen. Mit ihren Bühnenpartnern ging die Piaf ziemlich tyrannisch um, manchen trieb sie mit ihren Launen zum Wahnsinn - aber sie war auch fähig, schlummernde Talente selbstlos zu fördern: Edith Piaf war es, die Gilbert Bécaud und Yves Montand entdeckte.

Der Unfalltod ihrer wohl größten Liebe, des erstaunlich sanften Boxers Marcel Cerdan, stürzte sie in ihre schlimmste Krise. Abend für Abend betrank sie sich bis zur Besinnungslosigkeit. Eine chronische Arthritis bekämpfte sie mit überdosierten Schmerzmitteln. Sie brach auf offener Bühne zusammen, absolvierte ohne großen Erfolg mehrere Entziehungskuren. Ihr letzter Halt war eine unbefangene Religiosität: Sie betrat keine Bühne ohne Kreuzzeichen, betete jeden Tag mindestens eine halbe Stunde und unterstützte von ihren Gagen eine Menge Kollegen, die Pech gehabt hatten.

Noch zweimal heiratete sie, zuletzt den 20 Jahre jüngeren Friseur Théophanis Lamboukas. Nach ihrem Tod am 11. Oktober 1963 zogen zwei Millionen Menschen an ihrem Sarg vorbei. Ihr Dichterfreund Cocteau schrieb einen erschütterten Nachruf - und starb einen Tag später.

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Christian Feldmann

 


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abgerufen 09.12.2016 - 20:15 Uhr

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