Home Artikel-ID: 2015_50_nue_13_01
Diese Woche - die aktuelle Ausgabe
Themen
E-Paper: Sonntagsblatt digital
Jetzt im Sonntagsblatt-Shop bestellen!
Archiv
Die Redaktion
Abo-Service
Anzeigen-Service
Leserbriefe
Impressum



    
Heute: 29.09.2016
Aktuelle Ausgabe: 39 vom 25.09.2016
Dieser Artikel: Ausgabe 50/2015 vom 13.12.2015
Alle Artikel der » Ausgabe 50/2015 im Archiv aufrufen.
  Druckversion


Turmkugel und Kreuzfahrtschiff

Matthias Ehmann aus Fürth ist Kirchenmaler in vierter Generation


Künstler: Das sind die Individualisten mit den kreativen Ideen. Handwerker: Das sind die bodenständigen Arbeiter. So möchte man es einsortieren. Manchmal gehen beide Berufe aber fließend ineinander über. Wie zum Beispiel bei Matthias Ehmann aus Fürth, Kirchenmaler in vierter Generation.

Goldenes Handwerk: Matthias Ehmann mit der Turmkugel der Klaussteinkapelle.
Foto: Sauerbeck
   Goldenes Handwerk: Matthias Ehmann mit der Turmkugel der Klaussteinkapelle.

        

Rechts von der Tür steht eine barocke Kanzel aus Creußen, auf der anderen Seite eine Beethoven-Büste. Auf dem Tisch: Die goldene Turmkugel der Klaussteinkapelle (Fränkische Schweiz). Bilder von Luther und Melanchthon gehören zum Sortiment, auch Hänsel und Gretel als Brunnenfiguren, Privatbesitz. Hinten an der Wand grüßt ein gestrenger Moses, und zwar schon sehr lange: »Da weiß schon keiner mehr, wo der eigentlich herkommt«, sagt Matthias Ehmann beim Rundgang.

Was hier nach einem leidlich unsortierten Museum klingt, ist in Wahrheit eine Werkstatt, das Herzstück eines Betriebs, in dem heute rund 60 Leute beschäftigt sind, um Kunst zu sanieren, zu restaurieren, mitunter aber auch neu zu schaffen.

Gegründet wurde die Firma vor fast 100 Jahren von Ehmanns Urgroßvater Michael. Mit im Angebot waren damals neben Restaurierungen vor allem noch schlichte Maler- und Lackierarbeiten. Dessen Sohn Konrad dagegen war Akademischer Kunstmaler und Mitbegründer des Nürnberger Kunsthauses. »Er hat sich ganz als Künstler verstanden«, sagt der Enkel. Manche Aufträge legte er entsprechend weit aus, gestaltete Kirchenräume so, wie er es künstlerisch verstand, und nicht unbedingt nach dem genauen Fingerzeig des Bauherrn. »Das hat manchmal natürlich Ärger gegeben«, lächelt Ehmann jun.

Der lange künstlerische Atem von Opa Ehmann reichte bis zum Einzug in die heutigen Betriebsräume im Fürther Stadtteil Poppenreuth vor elf Jahren. Der Alte gestaltete nämlich, damals 92-jährig, ein Wandgemälde im Foyer mit einer Ortsansicht von Kraftshof, dem Herkunftsort der Firma. An einem Abend war er endlich fertig, erinnert sich Matthias Ehmann, am nächsten Morgen aber missbilligte der Meister sein Werk mit den kargen Worten: »Gefällt mir nicht.« Das Kraftshof-Porträt wurde neu gemalt, der Einzug in die neuen Räume musste warten.

Der Enkel hatte da schon das Ruder übernommen - als damals jüngster Kirchenmalermeister in ganz Deutschland, obwohl ihm der warnende Rat des Vaters bis heute in den Ohren klingt (»Mach was Vernünftiges«), und obwohl ihn zunächst keine anderen Betriebe zur Ausbildung annehmen wollten, weil sie die Ausspähung ihrer Betriebsgeheimnisse fürchteten.

Zweifel an seiner Berufswahl haben ihn dennoch nie umgetrieben, versichert Ehmann. Mit zarten 20 Jahren übernahm er den Laden in Eigenverantwortung. Wenn er im weißen Arbeitskittel unprätentiös und bescheiden die Arbeit im Atelier demonstriert, wirkt er eher wie sein eigener Lehrling und nicht wie der Chef eines mittelständischen Unternehmens.

Bis heute machen die Aufträge aus dem kirchlichen Milieu einen großen Teil seiner Arbeit aus. Ungefähr 1000 Kirchen hat die Firma seit ihrer Gründung vor 95 Jahren saniert, darunter so prominente Bauten wie die Stadtkirche in Bayreuth, das Kloster Benediktbeuern oder die Hugenottenkirche in Erlangen. Figuren des Rokoko-Bildhauers Ignaz Günther lagen ebenso in der Obhut der Ehmanns wie der Heilig-Blut-Altar von Tilman Riemenschneider in der Rothenburger Jakobskirche.

Die säkularen Aufträge reichen vom Extravaganten (Stuckarbeiten auf dem Kreuzfahrtschiff AIDA) über das Solide (Sanierung des Adlertors auf der Nürnberger Kaiserburg) bis zum Kuriosen, nämlich der Vergoldung von Privatautos. Die Krone auf der Referenzenliste ist das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth, seit 2012 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörend.

Von der Abgabe des Angebots bis zur Endabnahme ist es oft ein steiniger Weg. Objekte müssen erst aufwendig dokumentiert und gereinigt werden, bevor etwa neue Farben aufgetragen oder Fehlstellen im Holz ergänzt werden können. Die Turmkugel der Klaussteinkapelle zum Beispiel wird vergoldet, weil Gold zu den widerstandsfähigsten Oberflächen gehört. Die eigentliche Arbeit, bei der eine Goldschicht von 1/1000 Millimeter Dicke aufgetragen wird, dauert gute drei Stunden - mit allem Drum und Dran aber beschäftigt die Kugel einen Mitarbeiter ungefähr eine Woche.

Nicht unterschätzen darf man nach Ehmanns Erfahrungen auch emotionale Rahmenbedingungen, die nicht immer ausdrücklich vorher festgeschrieben sind. Die Innensanierung einer Dorfkirche dauert erfahrungsgemäß ein gutes Jahr. Und egal wie, aber zu Weihnachten muss alles fertig sein. »Nach dem Sommerurlaub werden alle Architekten nervös, da können Sie die Uhr danach stellen«, weiß der Kirchenmaler.

Und tatsächlich: Die Turmkugel auf der Klaussteinkapelle ist wieder an ihrem Platz. Weihnachten kann kommen.

Was haben Weihnachten und Christophorus miteinander zu tun? Das große Sonntagsblatt-Weihnachts-Preisrätsel 2015: Jetzt lösen und gewinnen!
 

 

Kreative Gemeinde - die besten Projekte und Initiativen der bayerischen evangelischen Kirchengemeinden

 

»Musica Sacra« - herausragende Werke der Kirchenmusik

MUSICA SACRA

 

Der Sonntagsblatt-Shop und das Sonntagsblatt-Blog.
 

 

 

 

Thomas Greif

 


Valid HTML 4.01 Transitional

/news/aktuell/2015_50_nue_13_01.htm
abgerufen 29.09.2016 - 15:30 Uhr

© Sonntagsblatt 1998-2016, ImpressumWebmaster
Angebote für Webmaster / AGB

»Evangelische Augenblicke« - der neue Glaubenskurs im Sonntagsblatt. Jetzt bestellen!

»Das Paradies«: Jetzt das neue THEMA-Magazin bestellen!

»Die Personen der Bibel«: der beliebte Glaubenskurs aus dem Sonntagsblatt jetzt als Buch für nur 19,90 Euro. Gleich bestellen!

Werden Sie Hoffnungsträger - und spenden Sie ein Patenschafts-Abo für Menschen in Pflegeheimen, Krankenhäusern und Gefängnissen. Jetzt mitmachen!