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Dieser Artikel: Ausgabe 51/2015 vom 20.12.2015
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Luthers wahrer Kampf

Die andere Seite des Reformators sollte die Evangelische Kirche nicht vergessen

Von Helmut Frank

Es ist eine alarmierende Zahl: Etwa zehn Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Angststörungen. Manchmal sind es konkrete Ängste: die Angst, den Job zu verlieren oder die Angst, dass im Rentenalter das Geld nicht reicht. Es sind die Sorgen um die Ausbildung der Kinder oder um die Gesundheit des Ehepartners. Und dann gibt es da noch diese Lebensangst, die einen in den Griff nimmt, die alles zu bestimmen scheint.

Dass auch gläubige Menschen davon nicht verschont sind, erfahren Seelsorger jeden Tag. Vielleicht auch an sich selber. Hat der Glaube hier eine Antwort? Kann der Glaube helfen?

Wer an Martin Luther denkt, sieht den glaubensstarken Reformator vor sich, den mutigen Bekenner. Doch zu seinem Wesen gehört die zutiefst menschliche Seite der Angst. Luther hatte Angst, schwere Zweifel und wohl auch Depressionen. Das ist der andere Luther: der ängstliche, mit dem Bösen ringende Mönch, der angefochtene Reformator.

Einmal ließ Luther tief in seine Seele blicken, als er schrieb: »Mehr als eine Woche lang war ich den Toren der Hölle und des Todes nahe. Ich zitterte an allen Gliedern. Christus war mir verloren. Ich war hin- und hergeschüttelt von Verzweiflung.«

Wenn sich die Evangelische Kirche nun auf »500 Jahre Reformation 2017« vorbereitet, sollte sie diese Seite des Reformators nicht vergessen. Denn im Zentrum der Reformation stand nicht die Auseinandersetzung mit Rom, sondern eine seelsorgerliche Frage: die Tröstung des geängstigten Gewissens. Es ging um den Umgang mit Angst.

Und hier war Luther ein wahrer Kämpfer. Er stellte Denkmuster infrage, die Menschen zur Verzweiflung treiben konnten.

Er wehrte sich zunächst gegen die nutzlose Furcht, die von außen kam, gegen die kirchliche Angstmacherei vor Tod und Hölle. Die Idee einer für den Glauben nützlichen Furcht verwarf er. Davon befreit, konnte sich Luther den inneren Ängsten zuwenden - zweifellos der schwierigere Part.

Er praktizierte das, was auch die Angstforschung als Grundwahrheit erkannt hat: Die Angst kann nur überwunden werden, wenn man ihr ins Gesicht sieht, wenn man sie annimmt und aushält. Er nahm seine Ängste und seine Angefochtenheit in die Mitte des Glaubens, gab ihnen Räume und Ausdrucksformen.

Er erkannte, dass sein seelischer Zustand nicht durch menschliche Anstrengung stabilisierbar ist, weder durch moralische Taten noch durch intellektuelle Denkleistungen. Erst dann konnte er sagen »Christus ist mein Heil und Retter«.

Die Kirche ist deshalb keine Agentur für Angstbeseitigung. Der Glaube ist ein Lebensweg, auf dem Ängste der Endlichkeit, der Verlassenheit und Verlorenheit ausgedrückt, angenommen und bewältigt werden können. Weihnachten erinnert daran, dass Gott uns auf diesem Weg weit entgegenkommt.

Sonntagsblatt-Chefredakteur Helmut Frank

 

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abgerufen 27.09.2016 - 20:54 Uhr

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