Sonntagsblatt Archiv

Sonntagsblatt 51/ vom

ZEITZEICHEN


Im Oktober kursierte in den sozialen Medien die Vorhersage, dass dieser Winter bitterkalt werden würde - so kalt wie seit 50 Jahren nicht mehr.

Logisch: Auf einen Jahrhundertsommer muss ein Rekordwinter folgen. Die Freude war groß: Endlich sollte auf die Schneeflöckchen in ihren Weißröckchen Verlass sein. Vor beschlagenen Fensterscheiben würden sie die Adventszeit hindurch tanzen, um uns eine weiße, frostige Weihnacht zu schenken.

Leider haben die vergangenen Wochen eindrucksvoll bewiesen, dass die herbstliche Kälte-Prognose nur ein weiteres hysterischen Aufflackern der Erregungsmaschine Social-Media war.

Die weiße Weihnacht scheint so unwahrscheinlich wie ein Badeurlaub auf dem Mond oder eine Christnacht am Äquator mit mehr als 12 Stunden Dunkelheit.

Und deshalb sollten wir endlich damit beginnen, den alten Liedern ein neues Textgewand zu schneidern. Den leise rieselnden Schnee könnten wir verwandeln in »Regentropfen, die an dein Fenster klopfen«. Die Glöckchen würden nicht mehr am offenen Pferdeschlitten klingen, sondern im Cabrio auf dem Weg zum Strand.

Zugegeben, den Traditionalisten in uns erschüttert solche Vorstellung. Adventszeit und Weihnachtsfeiertage gehören zum Sentimentalsten, was das Jahr zu bieten hat - eine Brücke in die Kindheit.

Wir wissen noch, dass damals der Schnee dazugehörte wie das Christkind und ein Pfefferkuchenhaus.

Aber zum Glück gibt es die frohe Botschaft des Christentums, die uns lehrt, dass dort, wo Verzweiflung herrscht, die Hoffnung nicht fern ist. Sie kommt in diesen Tagen aus Paris, der gebeutelten Stadt, in der sich die Völker der Erde endlich einmal ernsthaft vorgenommen haben, dabei zu helfen, dass man auch in 50 Jahren noch von einer weißen Weihnacht träumen kann.

 

top