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Sonntagsblatt 51/ vom

Aus der Idylle in den Ofen

Erika Knorr aus Unterfranken züchtet jedes Jahr ein Dutzend Weihnachtsgänse


Schon seit Jahrhunderten kommt in vielen Familien an Weihnachten eine Gans auf den Tisch. Doch viele Tiere, die man mitunter im Laden erhält, kommen aus Mastbetrieben. Nicht so die Gänse von Erika Knorr. Die kommen quasi direkt aus der Idylle in den Ofen.

Auch wenn alle vom Geschmack ihrer Gänse schwärmen - Erika Knorr hat Probleme damit, ihre eigenen Tiere als Weihnachtsbraten zu verspeisen.
Foto: epd-by
   Auch wenn alle vom Geschmack ihrer Gänse schwärmen - Erika Knorr hat Probleme damit, ihre eigenen Tiere als Weihnachtsbraten zu verspeisen.

        

Als Erika Knorr mit ihrem orangefarbenen Wäschekorb auf einer dünnen Planke den Dorfbach überquert, fängt das Geschnatter an. Erst vereinzelt und leise, dann etwas hektischer, ehe eine regelrechte Schnatterlawine über sie hinwegrollt. So ist das immer, wenn sich die 43-Jährige auf den Weg zu ihren 20 Gänsen macht, um ihnen Futter zu bringen.

Vor drei Jahren erst ist Knorr auf die Gans gekommen, und das auch noch per Zufall. Seither zieht sie jedes Jahr etwa ein Dutzend Gänse auf, ehe diese im Dezember jäh der Tod ereilt. Fast Bio, auf jeden Fall richtig Freiland und geschmacklich eine andere Liga als das, was in vielen Läden als »Mastgans« verkauft wird.

Knapp drei Jahre ist es mittlerweile her, dass ein Bekannter von Erika Knorr zwei Gänse geschenkt bekommen hatte. Kurze Zeit später legte das Weibchen Eier - doch es brütete nicht. Also nahm sie sich der Eier an, lieh sich im Gymnasium ihres jüngsten Kindes einen Brutkasten und stand jede Nacht auf, um die Eier zu besprühen und feucht zu halten. »Und ein paar Wochen später kamen wirklich Geräusche aus den Eiern«, erinnert sie sich. Nur, der Bekannte, besser gesagt seine Mutter, wollte das zusätzliche Federvieh auf keinen Fall haben. »Gänse machen Arbeit«, sagte man ihr. Ein Satz, den Erika Knorr heute so unterschreiben würde. Aber behalten wollte sie die niedlichen Tiere trotzdem.

Herr und Frau Ganter bleiben verschont

Knorr wohnt im unterfränkischen Schnepfenbach, einem kleinen Ortsteil des Weindorfs Dettelbach in der Nähe der Volkacher Mainschleife. Dort kann man ohne Probleme Gänse halten - und auch züchten. Obwohl das auch wieder nicht so richtig geplant war. Aber irgendwann fing ihr süßes Federvieh an, sich untereinander ziemlich gern zu haben, legte Eier und begann zu brüten. Und so wurden aus einer Handvoll Gänsen plötzlich mehr als ein Dutzend: »Da musste ich mir dann überlegen, was ich mit den ganzen Gänsen mache.« Kurzerhand machte sie sich auf die Suche nach einem Schlachter und nach potenziellen Abnehmern für ordentliche Weihnachtsbraten. »Das ging besser als gedacht«, sagt sie.

Die Altgänse hatten bereits Namen. Mutti, Dolfi, Daisy sowie Herr und Frau Ganter durften bleiben - die Junggänse jedoch wurden einzeln in Umzugskisten gesetzt und gemeinsam im Auto weggefahren. »Das war so ein blödes Gefühl«, erinnert sich Erika Knorr an den Dezember vergangenen Jahres. Stundenlang saß sie im Auto, ehe ihr der Schlachter eine Wanne voll geschlachteter und gerupfter Gänse in den Kofferraum stellte. »Wir konnten keine essen damals. Nur eine habe ich mir eingefroren«, erinnert sich die dreifache Mutter. Auch als alle davon schwärmten, wie wunderbar fettarm ihre Gänse gewesen seien, wie fest und doch zart und dunkel ihr Fleisch, konnte Knorr den Ofen nicht anwerfen.

Stattdessen zog sie dieses Jahr gleich wieder 15 Junggänse auf. Mit ihren Gummistiefeln steht sie an diesem regnerisch-kalten Dezembertag auf dem Acker jenseits des Dorfbachs, auf der anderen Uferseite steht ihr Haus. »Die haben es gut hier«, sagt sie. Zugefüttert wird kaum, und wenn, dann fast nur Obst und Gemüse, kaum Getreide. Die Tiere sind agil, so einfach lassen sie sich jedenfalls nicht fangen. »Füchse haben wir nicht - und für Habichte sind Gänse zu groß«, sagt Erika Knorr. Und außerdem schaut sie täglich zwei bis drei Mal nach ihren Tieren: »Würde ich das nicht machen, gingen sie auf die Suche nach mir.« Letztes Jahr seien ihr die Gänse mal auf der Hauptstraße entgegengekommen.

Doch bevor es in diesem Jahr wieder in Umzugskartons zum Schlachter geht, hat sich Erika Knorr überwunden. Am ersten Adventswochenende hat ihr ein Bekannter ihre Gans zubereitet. »Der Geschmack war wirklich der Wahnsinn«, sagt sie. Auch nach über einem Jahr nagt ihr Gewissen an ihr, das hört man.

Ob sie sich auch heuer wieder eine Gans für sich und ihre Familie abzweigt, das weiß sie noch nicht. »Auf jeden Fall sind meine Gänse ganz tolle Weihnachtsbraten«, sagt sie. Nur so richtig darüber nachdenken, das will sie nicht. Zumindest nicht vor dem 21. oder 22. Dezember, ehe die Umzugskartons wieder auseinandergefaltet werden.

 

 

 

Daniel Staffen-Quandt