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Dieser Artikel: Ausgabe 51/2015 vom 20.12.2015
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Unter dem Theologenschutt

Lässt sich das Glaubenssymbol von der Jungfrauengeburt freilegen? Ein Plädoyer

Von Rolf Wischnath

Unser Autor, Dogmatik-Professor an der Universität Bielefeld, plädiert für die kirchliche Rede und Lehre von Jungfrauengeburt - als Symbol der Menschwerdung Gottes.

Maria Verkündigung, Lorenzo Costa der Ältere, erstes Drittel des 16. Jahrhunderts, Gemäldegalerie Dresden.
Foto: PD
   Maria Verkündigung, Lorenzo Costa der Ältere, erstes Drittel des 16. Jahrhunderts, Gemäldegalerie Dresden.

        

Wie stellen Sie sich Maria vor? Wie kommt sie Ihnen ins Bild? Vor dem inneren Auge? Auf den allermeisten Bildern wird sie dargestellt als junge, gleichwohl gereifte Frau, die um ihre Verantwortung weiß. Mein Vater sagte immer, wenn er mit Respekt von einer Frauenpersönlichkeit sprach: »Frau N. N. kann für Mutter Maria Bild stehen!« Das hat meine Vorstellung von Maria geprägt. Aber genau darin haben Vater und Sohn geirrt. Und wie:

Denn wenn man der Weihnachtsgeschichte folgt, dann ist durch die Bezeichnung, die Maria bekommt und die Luther mit der Wendung »mit Maria seinem vertrauten Weibe« ( Lukas 2, 5b) übersetzt, eins klar: »vertraut« heißt: »rechtsverbindlich verlobt«. Aber noch nicht »heimgeholt« ins Haus des Bräutigams. Maria war »verlobt« mit Josef. Das bedeutet: Er lebte mit ihr noch nicht in ehelicher Gemeinschaft von Tisch und Bett. Aber seine Verehelichung stand verbindlich an.

Nun war in der damaligen Zeit das Verlobungsalter, in dem Eltern die jeweilige Verlobung anzettelten und justiziabel machten, zehn bis dreizehn Jahre. Maria also war keine »reife Frau«. Sondern blutjung. In der Pubertät. Jedenfalls noch am Anfang eines geschlechtsbewussten Lebens. »… und sie war schwanger!« Eine Katastrophe! Das war - so ein syrisches Sprichwort - »wie barfuß über Feuer, Dornen und Steine gehen«.

Und die Weihnachtsgeschichten bei Lukas und Matthäus sind darin geradezu überschwänglich, dass sie Maria als Jungfrau darstellen. Sie war also eine sehr junge Frau, die noch nie mit einem Mann Geschlechtsverkehr hatte. Auch nicht mit Josef. Aber: »… sie war schwanger«. Also: Jungfrauengeburt. Und das ist nun ein Glaubenssatz, zu dem in der Theologiegeschichte Reichliches gesagt, gezetert und dogmatisiert worden ist. Darüber liegt ein ganzer Theologenschutt.

Symbol der Menschwerdung Gottes

Lässt sich das »Glaubenssymbol« von der »Jungfrauengeburt« freilegen? Es bringt etwas Elementares zum Ausdruck: Gott selber ist in das Leben Marias eingezogen. Gott hat sie einbezogen in die Geschichte seiner Zuwendung zur Welt und seiner Liebe zu den Menschen. Der ewige Gott selbst wird im Leib der Maria Mensch. Der Ewige zieht ein in Marias Körper, um geboren zu werden als Mensch in der Zeit. Als jemand von uns. Und wie am Anfang aller Zeit, wie in der Schöpfung, geschieht hier die Erschaffung des Menschensohns ganz von Gott aus: »… geboren von der Jungfrau Maria«.

Und nun gibt es brisante Schlussfolgerungen aus der Lehre, dass in der Weihnacht, bei dieser Geburt am Anfang eines menschlichen Lebens, nicht der Mensch steht, sondern der ewige Gott. Hier, bei Maria der Jungfrau, stehen nicht Klugheit, Frömmigkeit, Tüchtigkeit oder unwiderstehliches Begehren eines Mannes als auslösende Faktoren. Nicht der Mann ist die »Krone der Schöpfung«. Der verführerische Mann - hier spielt er nicht wie sonst bei so vielen gewollten und ungewollten Zeugungen die erste Geige. Er ist ausgeschaltet.

Das Wochenmagazin Focus bringt es auf den Punkt, wenn es vor einiger Zeit eine Titelgeschichte über Maria so beschließt: »Maria mit dem Ei des Erlösers, das nach christlichem Glauben vom Heiligen Geist befruchtet wurde, birgt eine geradezu männermordende Botschaft: Man braucht die Kerle gar nicht. Das ganze Machogehabe ist aufgeplusterte Wichtigtuerei. Die Menschheit braucht die Männer nicht, um erlöst zu werden. Theologisch gesprochen: Die Kirche braucht nur Gott - und nichts dazwischen. Eine gefährliche These für den Bestand der Machos und ihres Klerus.«

Im Ernst: Das Dogma von der Jungfrauengeburt ist wohl nicht gerade »männermordend«. Es ist aber Demütigung: die Demütigung des Mannes und all seiner Mächtigkeiten. Und es ist Antwort auf die Frage nach der Gleichberechtigung der Geschlechter: Am Anfang war der Mann das erste Werk des Schöpfers, vor der Frau. Nun hat hier in der Zeitenwende, bei der Erschaffung des einen neuen Adam zur Erlösung der Welt, die Frau das Primat: Vorrang und Vorrecht vor dem Mann. Hier steht sie im Vordergrund. In der Gestalt einer blutjungen Frau, in Maria, der Jungfrau.

Maria steht als Zeichen, dass es in der Schöpfung Gottes keine unterjochenden, demütigenden und verletzenden Begehrlichkeiten des Mannes geben darf. In diesem jungen Mädchen würde sich der Mann ja an Gott selber vergreifen. Sie steht aber auch dafür, dass es keine Unterwerfung und Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann geben darf, sondern nur Partnerschaft!

Das Dogma von der jungfräulichen Zeugung ist ein wirkmächtiges Glaubenssymbol. Es bezeugt den souveränen Entschluss Gottes und das Einverständnis der einen Jungfrau. Gott kommt nicht ohne uns zum Heil. In der Menschwerdung seines Sohnes rettet er die Welt aus ihrem Sumpf. Aber er sucht auch die Antwort, das verantwortliche Ja des Menschen, das Einverständnis, für das Maria als Vorbild gelten darf.

Wer sich nunmehr in dieser Sache in biologische Spekulationen über die Beschaffenheit des Unterleibs der Maria verliert, wer eine mögliche Vergewaltigung der Maria konstruiert oder sich in Annahmen hinsichtlich der Zeugungsfähigkeit des heiligen Josef ergeht, ist ein theologischer Einfaltspinsel. Was musste sich der arme Josef in der christlichen Bildergeschichte gefallen lassen! Wurde er doch oft als Greis gepinselt, damit auch niemand auf falsche Gedanken kommt.

Ich plädiere für die Beibehaltung und Ehre des Dogmas von der Jungfrauengeburt. Im Nizänischen Glaubensbekenntnis aus dem Jahr 325 heißt es feierlich: »Für uns Menschen und zu unserem Heil ist Er - nämlich der wahre Gott in seinem Sohn Jesus Christus - vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.«

Es ist dies die Substanz des hohen Symbols von der Menschwerdung Gottes durch die Kraft des Geistes im Kind von Bethlehem. Weihnachten ist auch die Feier des Dogmas von der Jungfrauengeburt. Es ruft uns feierlich zu: Wegen dieses einen Menschen bist du Gottes geliebtes Kind; eben um des Kindes willen, das die Jungfrau Maria zu Bethlehem in der Kraft des Geistes geboren hat - »wohl zu der halben Nacht«.

 

Rolf Wischnath, Dogmatik-Professor an der Universität Bielefeld.

 

  ROLF WISCHNATH (67) war Generalsuperintendent der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg. Er lehrt als Professor an der Universität Bielefeld Dogmatik.

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abgerufen 30.09.2016 - 18:50 Uhr

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