Sonntagsblatt Archiv

Sonntagsblatt 51/ vom

Konspiratives Exil

Vor 75 Jahren feierte Dietrich Bonhoeffer Weihnachten im Kloster Ettal


Der Theologe und NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer feierte im Winter 1940 Weihnachten im Benediktinerkloster Ettal. Eine Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing erinnerte aus Anlass des Bonhoeffer-Jubiläums 2015 an die Zeit in Bayern.

Dietrich Bonhoeffer verbrachte Weihnachten 1940 in Kloster Ettal.
Foto: epd-f
   Dietrich Bonhoeffer verbrachte Weihnachten 1940 in Kloster Ettal.

        

Im Winter 1940 fegte ein Schneesturm über das oberbayerische Ettal. Bis Januar fielen die Schneeflocken »ohne Unterbrechung«, notierte Dietrich Bonhoeffer (1906-1945). Im November war der evangelische Theologe und NS-Widerstandskämpfer in das Hotel »Ludwig der Bayer« gegenüber dem Benediktinerkloster gezogen.

Der Umzug nach Bayern sollte Bonhoeffer aus dem Blickfeld der misstrauischen staatlichen Stellen in Berlin bringen. Seine berufliche Laufbahn war aufgrund der Konflikte mit der Gestapo quasi beendet: Seit 1938 bestand ein Aufenthaltsverbot für Berlin, im März 1940 wurde die Ausbildung für junge Theologen, das Sammelvikariat, in Pommern aufgelöst, und am 9. September 1940 wurde dem Pfarrer ein Redeverbot wegen volksverhetzender Tätigkeiten erteilt.

Polizeilich gemeldet war Bonhoeffer offiziell in München bei seiner Tante Christine Gräfin von Kalckreuth. Doch lebte er nur tageweise in deren Etagenwohnung in Schwabing. Die Wohnung diente vielmehr als Ausgangspunkt für die konspirative Tätigkeit. In seiner späteren Vernehmung behauptete Bonhoeffer, als V-Mann für das Amt Ausland/Abwehr für den kirchenpolitischen Nachrichtendienst gearbeitet zu haben. Faktisch arbeitete er für die Verschwörer, deren Netzwerk er unter anderem über seinen Schwager Hans von Dohnanyi kannte.

In München traf Bonhoeffer den katholischen Rechtsanwalt Joseph Müller, der als Kontaktmann der Verschwörer zum Vatikan diente und enge Kontakte zum Umfeld von Papst Pius XII. hatte. Gemeinsam reisten sie nach Rom. Ab November 1940 lebte Bonhoeffer in Ettal im Rhythmus der Benediktinermöche: »Ich empfinde die Gleichmäßigkeit und Stille als sehr wohltuend für die Arbeit.« Tagsüber schrieb er in der Klosterbibliothek an seiner »Ethik«, die Mahlzeiten nahm er mit der Klostergemeinschaft im Refektorium ein, am Wochenende besuchte er die Messe in der Marmorkapelle, auch wenn er nicht die Kommunion empfangen konnte: »Ich bin hier schließlich nur zu Gast.«

An Weihnachten 1940 kam Eberhard Bethge zu Besuch nach Ettal. Der Pastor hatte als Studieninspektor die Ausbildung der Theologen begleitet und war in dieser Zeit zu einem engen Freund Bonhoeffers geworden. Ein Foto zeigt die beiden musizierend, Bonhoeffer am Klavier, Bethge mit Querflöte, Kinder mit Notenblätter stehen im Hintergrund und singen - es sind die Neffen Christoph und Klaus von Dohnanyi, die wegen der Kriegswirren in das Ettaler Gymnasium geschickt wurden.

Die fröhliche Stimmung auf dem Foto trügt: Das Weihnachtsfest wurde genutzt für ein konspiratives Treffen, denn neben Bethge kamen auch der Abt von Metten und drei Patres aus Rom, drei Mitarbeiter von der Münchner Abwehr sowie der Berliner Anwalt Hans Koch und der Schwager Hans von Dohnanyi. Bonhoeffer sprach auch mit Pater Rupert Mayer, der wegen regimefeindlicher Predigten in das KZ Sachsenhausen eingeliefert worden war - und nun unter Auflagen in Ettal leben durfte.

Im Februar 1941 verließ Bonhoeffer Ettal und reiste in die Schweiz. In Zürich und Genf suchte er Kontaktmänner auf und berichtete ihnen von der politisch-militärischen Opposition in Deutschland. Auf der Rückreise kam er nochmals nach München. Zwei weitere Reisen in die Schweiz folgten. Nach Ettal kehrte er nie wieder zurück. Kurz nach dem missglückten Putschversuch im März 1943 wurde Bonhoeffer verhaftet und schließlich am 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet.

Seit 1996 erinnert eine Tafel in der Kirche an die Geistlichen Mayer und Bonhoeffer. Pfarrer Björn Mensing, landeskirchlicher Beauftragter für Gedenkstättenarbeit, regte an, die Bemühungen, auch am Wohnhaus in Schwabing (Unertlstraße 1) eine Tafel anzubringen, wieder aufzunehmen.

 

 

 

Rieke C. Harmsen