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Dieser Artikel: Ausgabe 51/2015 vom 20.12.2015
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Zwischen Faltenwurf und Kettensäge

Romina Ried lernt an der Schnitzschule Oberammergau ein altes Handwerk


Durch die Fenster sieht man eine verschneite Winterlandschaft. Der Werkstattraum ist groß und hell. Auf einer Werkbank liegt ein Satz Schnitzeisen. Romina Ried greift sich einen halbfertigen Soldaten und arbeitet mit einem schlanken Messer am Gewand der Figur weiter. Die 19-Jährige lernt das traditionelle Schnitzhandwerk im zweiten Jahr an der Staatlichen Berufsfachschule für Holzbildhauer in Oberammergau.

»Ein Künstler hat einen anderen Blick auf die Dinge«: Romina Ried bei der Arbeit.
Foto: Klammt
   »Ein Künstler hat einen anderen Blick auf die Dinge«: Romina Ried bei der Arbeit.

        

»Eigentlich ist es Zufall, dass ich hier bin«, sagt die junge Frau und lächelt. Eine ehemalige Mitschülerin hatte ihr bei einem Treffen kleine geschnitzte Barockfiguren gezeigt. »Ich war fasziniert von dem, was sie hier macht«, erinnert Romina Ried sich.

Die Abiturientin aus Unterthingau nahe Marktoberdorf im Ostallgäu bewarb sich an der Oberammergauer »Schnitzschule«. Schon immer hatte sie ein Faible fürs Zeichnen und deshalb im Fach Kunst Abitur gemacht. Sie füllte die erforderliche »Mappe« mit Freihandzeichnungen und eigenen künstlerischen Arbeiten und bestand die Aufnahmeprüfung an der renommierten Einrichtung.

Die Ausbildung in Oberammergau ist vielseitig. Kerbschnitt und Ornamentschnitzerei standen zu Beginn auf dem Lehrplan - wie kriegt man einen wehenden Mantel so hin, dass der Faltenwurf stimmt? Dann ging es ans Fassmalen. »Das ist eine alte Technik, Holzfiguren zu bemalen und zu vergolden«, erklärt Romina Ried. Sie modellierte Porträtbüsten und setzte die Modelle in Holz um, sie lernte, wie man Figuren maßstabsgetreu kopiert.

Neben der fundierten handwerklichen Grundausbildung legt die Schule viel Wert darauf, die Kreativität ihrer Schüler zu fördern. »Einmal bekamen wir einen Holzblock und sollten das Thema Blumenstrauß frei interpretieren«, erzählt die Schülerin. Es gefiel ihr, einfach mal ohne Modell »draufloszuschnitzen«.

Auch zum Thema Weihnachten hat die 19-Jährige inmitten des oberbayerischen Barocks, der sie in Oberammergau umgibt, ihre eigenen Ideen. Eine schlichte Krippe mit halblebensgroßen Figuren, mit einer Kettensäge aus Fichtenstämmen herausgeschnitten, zum Beispiel. Oder schön modellierte Formen, mit Wachs ausgegossen. »Oder eine Winterlandschaft mit Kreide malen«, sagt Romina Ried und schaut verträumt aus dem Fenster der Schulbibliothek auf die verschneite Landschaft.

Wie die meisten der 40 Schüler lebt auch Romina Ried in Oberammergau. »Ich wohne in einer ehemaligen Holzschnitzer-Werkstatt«, sagt sie. Der Raum hat viele Fenster und einen Holzboden. Sie fühlt sich wohl in dem »Passionsort« und in der »Schnitzschule«. »Wir Schüler kennen uns alle untereinander und haben ein gutes Netzwerk«, sagt sie.

Neben ihrer Vollzeitausbildung singt Romina Ried im Ammergauer Motettenchor und erlebte dadurch die Aufführungen der Oper »Nabucco« im Passionstheater hautnah. »Es war fantastisch, ich habe gesehen, wie die Bühnenbilder entstehen«, schwärmt sie. Bühnenbildnerin könnte sie mit ihrer Ausbildung werden, ebenso Kunsttherapeutin oder Restauratorin. Wo genau sie ihre Kunst hinführen wird, weiß sie noch nicht: »Vielleicht bewerbe ich mich auch an einer Akademie um einen Studienplatz.«

Vielleicht wird Romina Ried aber auch eine freischaffende Künstlerin im eigenen Atelier. »Ein Künstler hat einen anderen Blick auf die Dinge«, findet sie. »Wenn ich mit meinem Freund durch Oberammergau laufe«, erzählt sie, »dann begegnet uns öfters ein alter Mann im Kittel. Mein Freund bemerkt ihn nicht. Mir fällt er auf - und ich überlege mir, wie ich ihn zeichnen könnte«, lächelt Romina Ried.

HOLZBILDHAUER

  DIE SCHNITZSCHULE OBERAMMERGAU wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts gegründet. Dort lernten die Oberammergauer Schnitzer, naturgetreu zu zeichnen und Proportionen richtig darzustellen. Um 1900 wurde ein für die damalige Zeit modernes Schulgebäude errichtet. Es bietet den Schülern noch heute mit seinen hohen, lichten Räumen die passende Atmosphäre.

  AUF DEM LEHRPLAN steht eine gründliche Ausbildung im Holzbildhauerhandwerk - dazu zählen heute aber auch die Fächer Fotografie und Bildbearbeitung, Grafik und Technisches Zeichnen. Denn das »Herrgottschnitzer-Image« hat die Schule längst abgelegt. Fantasie und Kreativität sind gefragt - zum Beispiel beim Schneeskulpturen-Wettbewerb, der im Januar 2016 in Seefeld stattfindet.

 

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Astrid Klammt

 


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abgerufen 09.12.2016 - 20:16 Uhr

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