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Dieser Artikel: Ausgabe 01/2016 vom 03.01.2016
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Brücke zwischen Romantik und Moderne

Vor 100 Jahren starb der Komponist Max Reger

Von Thomas Greif

Bach-Jahr, Mozart-Jahr, Beethoven-Jahr: Die europäische Musikkultur lebt von den runden Geburts- oder Todestagen großer Meister. Der wichtigste Musikjubilar des Jahres 2016 steht im Schatten der ganz Großen, kommt aber immerhin aus Bayern und hat vor allem bei Organisten einen besonders klangvollen Namen. Vor 100 Jahren, am 11. Mai 1916, starb in einem Leipziger Hotelzimmer der Komponist und Dirigent Max Reger (1873-1916).

Ausschnitt aus dem Triptychon »Max Reger/Organo« von Agostino Raff, 1969
Foto: Carus-Verlag Stuttgart
   Ausschnitt aus dem Triptychon »Max Reger/Organo« von Agostino Raff, 1969

        

Und so überschlagen sich Regers wichtigste Wirkungsorte Leipzig, Meiningen und Weiden im Reger-Jahr 2016 geradezu vor Aktivitäten. Zum ganz großen bundesweiten Hype taugt das Jubiläum aber nicht, dazu ist das Riesenwerk des Meisters für Interpreten zu sperrig und zu wenig publikumskompatibel. Mal ganz abgesehen vom kulturellen Mainstream, wo man ihn gerne mit dem im vergangenen Jahr verstorbenen Münchner Big-Band-Chef ähnlichen Namens verwechselt.

Geboren wird Max Reger am 19. März 1873 in dem Dorf Brand bei Kemnath in der Oberpfalz. Sein Vater Joseph wirkt dort als Volksschullehrer. Ein gutes Jahr später zieht die Familie nach Weiden um. Hier erlebt Max seine musikalische Sozialisation: Die Mutter bringt ihm Klavierspielen bei, beim Vater lernt er Violine. Regulären Klavier- und Orgelunterricht gibt ihm der Weidener Lehrer Adalbert Lindner, zu dem Reger bis zu seinem frühen Tod ein enges Verhältnis pflegen wird. Mit 13 Jahren vertritt Reger jun. seinen Lehrer beim Orgelspiel in der Stadtpfarrkirche St. Michael.

Dass diese Kirche simultan, also gleichermaßen von Katholiken und Evangelischen genutzt wird, hat ungeahnte Folgen für die Geschichte der Orgelmusik. Zwischen beiden Konfessionen findet damals kaum kultureller Austausch statt - Katholiken spielen keinen Bach und Protestanten singen keinen Mozart.

Ausschnitt aus dem Triptychon »Max Reger/Organo« von Agostino Raff, 1969
Foto: Carus-Verlag Stuttgart
   Ausschnitt aus dem Triptychon »Max Reger/Organo« von Agostino Raff, 1969

        

Reger kommt nur über den Umweg des Simultaneums in Kontakt mit dem evangelischen Liedgut, das er auf der Orgel vorfindet. »Die Protestanten wissen gar nicht, was sie an ihren Chorälen haben!« wird er später diagnostizieren. Seine Choralfantasien über evangelische Choräle, die er um das Jahr 1900 in Weiden schreibt, haben genreprägend gewirkt. Wagen wir die Spekulation, dass die Fantasie über »Wachet auf, ruft uns die Stimme« neben »Maria Wiegenlied« für Solostimme und Klavier das meistgespielte Stück Regers überhaupt ist.

Dass er zeitlebens mit der evangelischen Kulturwelt Norddeutschlands in engem Austausch steht, 1902 gar die geschiedene Protestantin Elsa von Bercken heiratet, bringt ihn in dauerhafte Konflikte mit seiner tiefkatholischen Familie. Seine Schwester Emma ließ einmal fertige Notenmanuskripte von seinem Schreibtisch verschwinden, die Reger für eine evangelische Monatsschrift fertiggestellt hatte. 1901 schreibt er an seinen Freund, den späteren Leipziger Thomasorganisten Karl Straube: »Meine protestantische Bibel ist spurlos verschwunden! (Man fürchtet für meinen Glauben!)«

Nun mag die familiäre Fürsorge in derlei Dinge überzogen gewesen sein. Doch es steht fest, dass die »kleingeistigen Verhältnisse«, die Reger selbst in Briefen beklagt, im Jahr 1898 für den Komponisten der Rettungsanker in einem gesundheitlichen und wirtschaftlichen Zusammenbruch sind, den er an seinem Studienort Wiesbaden erlitten hat. Die Regers holen den hochtalentierten, aber im ersten Anlauf am Leben gescheiterten Sohn zurück nach Weiden, wo er in einen wahren Schaffensrausch verfällt. Unter anderem entstehen hier die besagten Choralfantasien für Orgel.

Ausschnitt aus dem Triptychon »Max Reger/Organo« von Agostino Raff, 1969
Foto: Carus-Verlag Stuttgart
   Ausschnitt aus dem Triptychon »Max Reger/Organo« von Agostino Raff, 1969

        

Stabilität hat Reger nie besessen

Um die Jahrhundertwende beginnt sich Max Regers Ruf als Komponist und Klavierinterpret zu verbreiten. Nach der vorzeitigen Pensionierung des Vaters übersiedelt die ganze Familie 1901 nach München. Reger ist da schon 28 Jahre alt, steht aber noch immer unter Aufsicht. Einige Jahre später hört und diskutiert ganz Deutschland seine Musik, wobei die Resonanz von tiefster Verehrung bis zu dramatischer Ablehnung reicht. Reger ist zeitweise der meistgespielte lebende Komponist in Deutschland. Doch ein prominenter Münchner Kritiker wirft ihm »ton- und klangpsychologische Perversität« vor.

1905 wird aus dem freischaffenden Künstler ein Dozent an der Münchner Akademie für Tonkunst, zwei Jahre später steigt er auf zum Professor am Konservatorium in Leipzig. Im Jahr 1911 wird Reger Hofkapellmeister bei der Meininger Hofkapelle, die damals zu den renommiertesten Orchestern Deutschlands zählt.

Die Titel suggerieren eine biografische Stabilität, die Reger aber tatsächlich nie besessen hat. Sein Leben ist geprägt von rastloser, manischer Arbeitswut und von zahlreichen Konzertverpflichtungen, die mit ständigem Umherreisen verbunden sind. Vor allem gelingt es dem Meister nie, seinen latenten Alkoholismus zu bändigen. Dass der berühmte Generalmusikdirektor, Hofrat, Professor, Dr. phil. et Dr. med. h. c. nach einem durchzechten Besuch in Weimar nachts um drei Uhr sturzbetrunken in einen Springbrunnen pinkelt, wie der Musiker Arno Landmann berichtet hat, liest sich nur rückblickend heiter und kurios.

Max Regers Leben ist geprägt von rastloser, manischer Arbeitswut und von zahlreichen Konzertverpflichtungen, die mit ständigem Umherreisen verbunden sind.
Foto: culture-images/Lebrecht Music & Arts
   Max Regers Leben ist geprägt von rastloser, manischer Arbeitswut und von zahlreichen Konzertverpflichtungen, die mit ständigem Umherreisen verbunden sind.

        

In seinen letzten Lebensjahren ist die Ehe zerrüttet. Der Geiger Henri Marteau schreibt von einer Nacht in einem Dortmunder Hotel, in der Reger sich heimlich 22 Glas Bier besorgt hat: »Frau R. hat ihren Mann in aller Form verprügelt und mit Stühlen nach ihm geworfen.«

Reger ist in allem maßlos: In seiner Titelsucht, in seinem Fleiß, in seinem Appetit (Reger zu Kellner: »Jetzt bringen Sie bitte mal die nächsten zwei Stunden Schweinebraten!«), in der dynamischen und formalen Anlage seiner Werke und in seiner Eigenart, sich jede Gesprächsrunde in brutaler Dominanz zu unterwerfen. Er kann stundenlang zotige Witze erzählen, um dann plötzlich heiße Tränen zu schluchzen.

»Unerschöpflich entsteigen fröhliche Geschichten seinem lauten Mund, er lässt niemand anderen an die Reihe kommen. Sogar Zustimmung ist ihm unerträglich«, schreibt Max Brod. Regers Biograf Rainer Cadenbach liefert einen Erklärungsversuch: »Reger war während seines ganzen Lebens ein äußerst empfindlicher, psychisch labiler und von inneren und äußeren Nöten getriebener Mensch«.

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Foto: akg images
   »Der letzte Riese in der Musik«: Max Reger am Klavier.

        

In seiner Musik ist Reger formal an Bach orientiert, schätzt besonders barocke Formen wie Fuge oder gar die längst in der Versenkung verschwundene Passacaglia, steht aber harmonisch in der Tradition von Brahms und Liszt. Seine Werke, die wie bei keinem anderen Komponisten dem Prinzip der chromatischen Polyphonie folgen, reizen mehr und mehr die Grenzen der Tonalität aus. Reger besitzt damit ein Art Scharnierfunktion zwischen den letzten Ausläufern der Romantik und der Moderne mit ihren Protagonisten Schönberg und Hindemith. Er sei »ohne Reger gar nicht zu denken«, gestand etwa Paul Hindemith in einem Interview. Für ihn war Reger »der letzte Riese in der Musik«.

Stabilen Ruhm bis heute hat sich Reger vor allem für seine Orgelmusik erworben. Schwerpunkte seines Schaffens sind außerdem das Kunstlied und Kammermusik in allerlei Besetzungen. Auf dem Weg zur Orchestersinfonie, die als Gipfelpunkt in der Entwicklung eines Komponisten gilt, bleibt er freilich bei Sonaten, Suiten, Orchestervariationen über Themen von Telemann (op. 134) und Mozart (op. 132) oder der Sinfonietta op. 90 stehen.

Ein überragendes »opus magnum« gibt es nicht. Die Arbeit an einem lateinischen Requiem bricht er etwa 18 Monate vor seinem Tod ab. Da hat er seinen dritten psychischen und körperlichen Zusammenbruch vom Februar 1914, der zur Aufgabe der Meininger Stellung führt, gerade hinter sich. Nach einer Kur und einem Erholungsurlaub in den Alpen zieht Reger mit seiner Frau und den zwei Adoptivkindern nach Jena und erfüllt nur noch eine regelmäßige Terminverpflichtung pro Woche, um in Leipzig Komposition zu lehren.

Im Mai 1916 stirbt er in dort im Alter von 43 Jahren an Herzversagen. Das noch von seiner Witwe gegründete Max-Reger-Archiv auf Schloss Elisabethenburg in Meiningen und das Max-Reger-Institut in Karlsruhe bewahren seinen Nachlass und sind wichtige Stätten der Erinnerungspflege. Und in jedenfalls einer Hinsicht hat der Komponist überirdischen Ruhm erlangt: Seit 1990 ist ein Asteroid nach ihm benannt.

MAX REGER

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abgerufen 26.05.2016 - 00:36 Uhr

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