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Dieser Artikel: Ausgabe 01/2016 vom 03.01.2016
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»Jeden Tag für Neues dankbar«

Die Politikerin Gesine Schwan zu Besuch im Evangelischen Presseverband


Sie hat Höhen und Tiefen erlebt: Die ehemalige Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten Gesine Schwan zieht in ihrer neuen Autobiografie eine persönliche Lebensbilanz. In einem Redaktionsgespräch im Evangelischen Presseverband stand sie Rede und Antwort.

»So bin ich neugierig, wie das jetzt mit 80 wird«: Gesine Schwan.
Foto: epd_by
   »So bin ich neugierig, wie das jetzt mit 80 wird«: Gesine Schwan.

        

  Wofür sind Sie in Ihrem Leben am meisten dankbar?

Schwan: Ich bin jeden Tag für Neues dankbar. Und ich glaube, dass ich das auch schon als Jugendliche so empfunden habe, auch weil meine Mutter sehr positiv für mich gewirkt hat. Sie war eine warmherzige, fröhliche, manchmal auch himmelhochjauchzende und zu Tode betrübte Frau. Je älter ich werde, desto dankbarer bin ich. Als ich 50 wurde, hat mich mein Neffe gefragt: Fühlst du dich jetzt richtig alt? Und ich sagte nur: Nö, eigentlich nicht. Aber wenn ich 60 sein werde, werde ich mich alt fühlen als Frau. Mit 60 fühlte ich mich dann aber überhaupt nicht alt. Da war ich frisch verliebt. Und mit 70 fühlte ich mich vor allem dankbar. Ich habe so ein schönes Leben, bin gesund, kann mit jungen Leuten zusammenarbeiten. Das ist doch ein Geschenk. Und so bin ich neugierig, wie das jetzt mit 80 wird.

  Ist Beten wichtig für Sie?

Schwan: Ja, ich bete, ich bete gern, es ist mir wichtig. Für mich ist Beten eine ganz wesentliche Glaubensbeziehung zu Gott. Dabei ist mir klar, dass die Bitten im Gebet von Gott nicht so erfüllt werden, wie man es gerne hätte. Während der Krebserkrankung meines verstorbenen Mannes habe ich zwar um etwas Konkretes gebetet, aber nie gedacht, Gott handelt falsch, wenn das nicht eingetreten ist. Grundsätzlich vergegenwärtigt Beten für mich den Aspekt der Dankbarkeit für alles, was ich erleben darf. Der zweite Aspekt ist die eher allgemeine Bitte um Kraft: »Herr, gib mir die Kraft, das zu tun, was du willst, dass ich es tue.« Denn ich glaube, dass das Ergebnis dessen, was man macht, nie das Ergebnis der eigenen Leistung ist.

  Der Untertitel Ihres Buches lautet »Mut, Grenzen zu überschreiten«. Wann waren Sie richtig mutig?

Schwan: Wenn ich an eine akute Mut-Situation denke, dann in einem ganz persönlichen Bereich. Die größte Herausforderung war, als mein erster Mann das zweite Mal Krebs hatte und ich über Telefon von dem behandelnden Arzt erfuhr, dass es keine Chance mehr gibt. Vor diesem Moment, ihm damit gegenüberzutreten, hatte ich Angst.

  Wie stellen Sie sich den eigenen Tod vor?

Schwan: Natürlich gibt es die Hoffnung, dass man nicht lange allein bleibt, Schmerzen hat oder dahinsiecht. Ich möchte auch nicht den Kindern zur Last fallen. Ich mache mir aber nicht viele Gedanken darüber, wie ich sterbe, sondern würde versuchen, so zu reagieren, wie Gott es mir eingibt. Wenn er mir gnädig ist, kann ich einfach einschlafen. Oft gehen in der Metapher Tod und Schlaf zusammen. Für mich ist Einschlafen eine Gnade, weil ich in der Nacht oft nicht so gut schlafe.

  Können Sie sich vorstellen, dem eigenen Sterben nachzuhelfen? Der frühere EKD-Ratsvorsitzende Schneider hat Ja gesagt: Er würde seine krebskranke Frau in die Schweiz begleiten.

Schwan: Die Aussage von Nikolaus Schneider fand ich sehr beeindruckend. Ich glaube nicht, dass ich aus theologischen Gründen davor zurückschrecken würde. Da hoffe ich ganz stark auf die Barmherzigkeit Gottes. Im Grund geht es doch um die Frage, ob nicht doch ein Einschlafen möglich ist - wenn gar keine Chance mehr auf Heilung oder eine sinnvolle Lebensverlängerung besteht. Mein Mann lebte zum Schluss nur noch an Apparaten. Meine Kinder waren damals 12 und 14 Jahre alt. Weil ich daran sehr schwierige Erinnerungen habe, umgehe ich das Thema Sterbehilfe für mich.

  Sie gelten als starke Frau und viele Menschen glauben, dass man bei starken Frauen viel abladen kann. Was tun Sie, wenn Sie merken, dass Sie es nicht schaffen?

Schwan: Deshalb bin ich zum Psychoanalytiker gegangen. Das Problem ist ja nicht, dass Ihnen das andere auferlegen, sondern dass Sie sich das selbst auferlegen. Das war ein zentraler Punkt meiner Psychoanalyse. Der Tod meines Mannes war ein Anlass, aber eigentlich waren die Probleme viel früher und tiefer. Der Punkt war, dass ich mich immer so begünstigt fand vom Schicksal in jeder Hinsicht - mir fiel alles zu, ich bin gut mit den Leuten ausgekommen, die waren alle immer freundlich zu mir -, dass ich meinte, dass ich mich vor allen anderen belasten müsste. Und das war zu viel.

Michael Albus, Gesine Schwan: Ich bin ein leidenschaftlicher Mensch. Vom Mut, Grenzen zu überschreiten. Claudius Verlag, München 2015, 184 Seiten, ISBN 978-3-532-62477-7, 19,90 Euro.

 

  BUCHTIPP: Michael Albus, Gesine Schwan: Ich bin ein leidenschaftlicher Mensch. Vom Mut, Grenzen zu überschreiten. Claudius Verlag, München 2015, 184 Seiten, ISBN 978-3-532-62477-7, 19,90 Euro.

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Interview: Claudia Dinges, Achim Schmid

 


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abgerufen 29.06.2016 - 05:37 Uhr

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