Sonntagsblatt Archiv

Sonntagsblatt 01/ vom

Prediger mit flinken Fingern

Warum ein Konzertpianist eine evangelische Gemeinde in Stuttgart leitet


Er spielt auf den Konzertflügeln der Metropolen und predigt sonntags in Stuttgart: Der Profimusiker Pavlos Hatzopoulos leitet seit über 20 Jahren eine griechisch-evangelische Gemeinde. Die Besucher können mitten im Gottesdienst Fragen stellen.

Der Profimusiker Pavlos Hatzopoulos leitet seit über 20 Jahren eine griechisch-evangelische Gemeinde in Stuttgart.
Foto: epd-sw
   Der Profimusiker Pavlos Hatzopoulos leitet seit über 20 Jahren eine griechisch-evangelische Gemeinde in Stuttgart.

        

Er hat schon vor dem ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore auf dem Flügel gespielt, CDs mit Werken von Chopin und Schubert aufgenommen und sogar in Saudi-Arabien ein historisches Konzert gegeben: Pavlos Hatzopoulos ist ein erfahrener Konzertpianist, seine Spezialität sind Gesprächskonzerte. Die Leidenschaft des 51-Jährigen prägt neben der Musik sein Gottesglaube - seit über 20 Jahren leitet er die kleine griechisch-evangelische Gemeinde in Stuttgart.

Griechisch und evangelisch - das ist eine Ausnahme in der von der orthodoxen Kirche geprägten Nation. Schon Hatzopoulos' Vorfahren waren in mehreren Generationen Christen protestantischen Glaubens. Sein Großvater bekam während der Militärzeit eine Bibel in die Hand und entdeckte die Kraft der Botschaft von Jesus Christus. Der Vater arbeitete für den griechischen Bibel-Lese-Bund und siedelte 1962 nach Deutschland über, um sich dort für die christliche Botschaft zu engagieren. Hatzopoulos wuchs in Denkendorf bei Esslingen auf - deshalb ist er ebenso Schwabe wie Grieche.

Der begnadete Einwanderersohn hatte bis zu den Teenagerjahren zwei Optionen: Profifußballer oder Profimusiker zu werden. Aufgrund einer leichten Beeinträchtigung der Hüfte machte der Konzertflügel das Rennen. Hatzopoulos studierte in Stuttgart und Würzburg und schloss mit dem Meisterklassen­diplom ab.

Sein Vater hatte in Stuttgart die erste griechisch-evangelische Gemeinde außerhalb Deutschlands gegründet. Als er 1993 starb, sprangen Sohn Pavlos und vorübergehend auch dessen Bruder als Gemeindeleiter ein. Eine theologische Ausbildung hat der Profimusiker bis heute nicht und hätte auch keine Zeit dafür. »Ich bilde mich aber privat ständig theologisch weiter«, sagt er. Rund 50 Predigtdienste stehen jährlich in seinem Terminkalender - nicht nur in der eigenen Gemeinde, sondern auch in Landeskirchen und Gemeinschaften.

Die Gottesdienste der kleinen griechisch-evangelischen Gemeinde laufen anders ab als in der Landeskirche. Die Gemeinde gehört zwar eher zum traditionellen Strang des Protestantismus und singt etwa griechische Übersetzungen des Luther-Lieds »Ein feste Burg ist unser Gott«. Doch bei zehn bis zwanzig Gottesdienstbesuchern geht es familiär zu. Man sitzt im Kreis um ein paar Tische, bei der Predigt können die Besucher auch Fragen stellen - oder der Prediger regt selbst das Gespräch an. Am Gebet können sich alle laut beteiligen.

Die Evangelische Landeskirche in Württemberg unterstützt das griechische Pflänzchen in der Landeshauptstadt jährlich mit 2000 Euro und zählt sie zu den mit ihr verbundenen Gemeinden anderer Sprachen und Herkunft. Auch bei der Einsetzung von Pavlos Hatzopoulos als Gemeindeleiter war ein landeskirchlicher Vertreter dabei.

Bei ihrem Engagement für Griechen im Großraum Stuttgart setzt die Gemeinde laut Hatzopoulos besonders stark auf Integration. Seine Mutter Niki-Nina hat für ihr soziales Engagement 2013 den Integrationspreis der Evangelischen Landeskirche und Diakonie Württemberg erhalten. Hilfen gibt's bei der Wohnungssuche, aber auch bei der Vermittlung von Sprachkursen. Derzeit klopfen wieder mehr Griechen bei der Gemeinde an, nachdem ihr Heimatland in wirtschaftliche und soziale Turbulenzen geraten ist. Den Gottesdienst hat die Gemeindeleitung bewusst auf den Sonntagnachmittag gelegt - so kann jeder Teilnehmer morgens zusätzlich einen deutschen Gottesdienst besuchen.

Der Familienname Hatzopoulos bedeutet übrigens »Sohn des Pilgers«. Der Ur-Ur-Großvater hatte sich auf den Weg nach Jerusalem gemacht. Die spirituelle Kraft dieser Pilgerreise hat offenbar über Generationen weitergewirkt - bis ins Stuttgart des 21. Jahrhunderts.

 

 

 

Marcus Mockler