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Dieser Artikel: Ausgabe 01/2016 vom 03.01.2016
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Radikale Liebe

Personen der Bibel (52): Jesus - vom Wanderprediger zum Christus des Glaubens


Von Jesus ist kein schriftliches Wort überliefert, er wollte auch keine Religion gründen. Und doch wurde er für Milliarden von Menschen zum Christus des Glaubens und zur bedeutsamsten Person der Weltgeschichte.

Jesus im Film »Das 1. Evangelium - Matthäus« des italienischen Regisseurs Pier Paolo Pasolini aus dem Jahr 1964.
Foto: PD
   Jesus im Film »Das 1. Evangelium - Matthäus« des italienischen Regisseurs Pier Paolo Pasolini aus dem Jahr 1964.

        

Im achten Kapitel des Markusevangeliums wird erzählt, wie sich Jesus eines Tages mit seinen Jüngern in das Gebiet von Cäsarea Philippi zurückzieht. Dort fragt er: »Für wen halten die Leute mich?« Die Jünger referieren die gängigen Meinungen: Die einen halten Jesus für den wiedergekommenen Täufer Johannes, andere für den Propheten Elia. Dann aber stellt Jesus den Jüngern die Frage: »Für wen haltet ihr mich denn?« Und Petrus wagt das Bekenntnis: »Du bist der Christus, der Messias!«

Seither ist die Frage nie mehr verstummt, wer Jesus war oder ist. Es ist ja offenkundig, dass Jesus ein Mensch war, dass er Hunger und Durst hatte, gelacht und geweint hat, in Zorn geraten konnte und einen brutalen Tod erlitten hat. Andererseits hatte er Kräfte und eine Ausstrahlung, die weit über das hinausgingen, was man je zuvor an einem Menschen wahrgenommen hatte. Darüber hinaus hat er sich in einer Weise mit Gott identifiziert, die entweder gotteslästerlich war (so sahen es die herrschenden religiösen Kreise seiner Zeit) oder ein Hinweis dafür, dass Gott in diesem Menschen unvergleichlich gegenwärtig war.

Doch der Reihe nach. Jesus stammte aus Galiläa, einer ländlichen Gegend im Norden Israels. Sein Vater Josef war Bauhandwerker, seine Mutter hieß Maria. Alle Evangelien nennen Nazareth als Jesu Vaterstadt. Es war der Wohnsitz seiner Eltern, ein damals unbedeutendes Dorf von höchstens 400 Einwohnern. Nach  Markus 6, 3 hatte Jesus vier Brüder namens Jakobus, Joses Judas, Simon, und einige nicht benannte Schwestern.

Jesus wurde gemäß der Tora am achten Lebenstag beschnitten und dabei nach jüdischem Brauch nach seinem Vater benannt, also »Jeschua ben Josef«, wie  Lukas 4, 22 bestätigt. Vermutlich half Jesus seinem Vater im Bauhandwerk und erlernte - wie damals üblich - denselben Beruf. Doch sein wahrer Beruf war etwas anderes: Die Predigt vom nahen Reich Gottes.

Jesus - wie ihn Rembrandt imaginierte.
Foto: PD
   Jesus - wie ihn Rembrandt imaginierte.

        

Jesus war um die 30, als er vom Asketen Johannes im Jordan getauft wurde. Möglicherweise gehörte er sogar dem Kreis des Johannes an, bis er selbst Jünger in seine Nachfolge berief und mit ihnen zusammen als Wanderprediger durch das ländliche Galiläa und Judäa zog. Nach  Markus 3, 21 versuchten Jesu Verwandte, ihn zurückzuhalten, und erklärten ihn für verrückt. Darauf soll er seinen Anhängern erklärt haben: »Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.« ( Markus 3, 35)

Jesu öffentliches Wirken begann spektakulär - mit einem Exorzismus ( Markus 1, 23-39) und einigen Krankenheilungen. Jesus heilte bei seinen Dämonenaustreibungen meist gleichzeitig die Krankheiten, die bei den betroffenen Menschen infolge der Besessenheit auftraten. Von Johannes übernahm Jesus den Umkehrruf und wohl auch das apokalyptische Motiv des Gerichtsfeuers auf Erden ( Lukas 12, 49). Er lehnte jedoch Fasten und Askese für seine Jünger ab und pflegte die Tischgemeinschaft gerade mit solchen Menschen, die nach der geltenden Tora-Auslegung als »Unreine« vom Heil ausgeschlossen wurden. Jesus kümmerte sich vorbehaltlos um Menschen, die sich in ihrer Not vertrauensvoll an ihn wandten.

Jesu ganzes Auftreten hatte etwas Befreiendes: seine Botschaft, die Dämonenaustreibungen, die Heilungswunder, die Sündenvergebung, sein Umgang mit Ausgestoßenen. Jesus befreite von allem Übel, von seelischen und psychischen Zwängen, sozialer Ausgrenzung und Entfremdung. Sünder, Zöllner, Fremde und Frauen bekamen bei ihm einen neuen Stellenwert, Jesus sagte ihnen das bedingungslose Heil Gottes zu.

Seine Heilerfolge brachten ihm Misstrauen und Neid ein

Jesus hatte eine Botschaft: die nahe »Königsherrschaft Gottes«. Das war jedoch kein leeres Wort, er konkretisierte es durch sein Tun. Wanderprediger gab es zur damaligen Zeit viele. Aber an Jesus war etwas Besonderes. John Dominic Crossan zufolge verbreitete die Jesusbewegung durch »kostenloses Heilen und gemeinsames Essen«, ohne sesshaft zu werden, einen radikalen Egalitarismus (Gleichheit). So habe sie die Gottesherrschaft unmittelbar erlebbar werden lassen und die hierarchischen Wertmaßstäbe und Gesellschaftsstrukturen angegriffen, um sie zu entkräften.

Jesus hat sich in einer ganz besonderen Beziehung und Nähe zu Gott gesehen und ihn mit »mein Vater« angesprochen. ( Markus 14, 36) Damit kam er in Konflikt mit der Priesteraristokratie. Seine Heilerfolge brachten ihm Misstrauen, Neid und Abwehr ein und lösten die Tötungspläne seiner Gegner aus. ( Markus 3, 6) Er war beim Volk beliebt, aber von führenden Vertretern der religiösen Institutionen gehasst.

Ein erster Höhepunkt der Auseinandersetzungen war die Tempelreinigung ( Markus 11, 15 ff.), eine prophetische Zeichenhandlung gegen das sadduzäische Religionssystem der damaligen Zeit. Der Tempel war das religiöse Symbol Israels und sicherte wirtschaftliche Macht und eine gewisse politische Unabhängigkeit von den Römern.

Die Tempelaktion war der Anlass für den Prozess gegen Jesus. Die Verhaftung geschah ohne öffentlichen Aufruhr. Dass einer aus dem Kreis der Jünger Jesu dabei seine Hilfe anbot, musste der religiösen Führung willkommen sein. Jesus wurde in Gethsemane, einem Gartengrundstück in der Gegend des Ölbergs, von einem Polizeikommando des Hohen Rates festgenommen. Die Jünger waren offensichtlich überrascht, sie flohen und ließen Jesus allein.

Jesus war ein politisches Risiko

Mit der Kreuzigung Jesu am Passahfest wollten die religiösen Institutionen allen Sympathisanten Jesu zeigen, dass hier kein Messias am Kreuz hängt, sondern ein religiöser Schwindler. Und die Römer wollten der Menge vorführen, dass sich auch gewaltfreies Aufrührertum nicht lohnt. Der Vorwurf gegen Jesus lautete »Verführung des Volkes«, gemeint war das Vorgehen im Tempel.

Der Römer Pilatus schließlich sprach Jesus schuldig. Wegen Gotteslästerung hätte er Jesus nicht verurteilt. Aber Jesus wurde vom Hohen Rat wegen seines Messiasbekenntnisses übergeben, damit zum politischen Aufrührer gemacht. Jesus wurde hingerichtet als König der Juden. Er hat nach Meinung des Pilatus nach dem Königtum gegriffen. Jesus war ein politisches Risiko, Pilatus verurteilte ihn deshalb zum Tode, wahrscheinlich mit den Worten »Ibis in crucem« - »Du wirst zum Kreuze gehen«.

Die Bibel ist merkwürdig schweigsam, wo es um die Kreuzigung selbst geht. Markus berichtet in seiner Passion den Satz: »Und sie kreuzigten ihn.« ( Markus 15, 24) Nach seinem Bericht kommt das Exekutionskommando noch am Vormittag auf Golgatha an. Gegen 9 Uhr wird Jesus ans Kreuz geschlagen. Um drei Uhr nachmittags betet Jesus den  22. Psalm, wenig später stirbt er. Jesus hat den Tod gefürchtet, aber er ging ihm nicht aus dem Weg.

An einem Freitag vor fast 2000 Jahren, wahrscheinlich am 7. April des Jahres 30, wurde in einem aufgelassenen Steinbruch vor den Toren Jerusalems der Jude Jesus aus Nazareth als politisch-messianischer Aufrührer exekutiert. Sein Ende am Kreuz war auch das Ende der Jesusbewegung. Zunächst. Dann erschien er seinen Jüngern - und eine ganz andere Geschichte nahm ihren Anfang.

JESUS

  NAME: Aramäisch Jeschua, hebräisch Jehoschua bedeuten »Gott ist die Rettung« oder »der Herr hilft«.

  BERUF: Wanderprediger

  HERKUNFT: Sohn Marias und des Josef von Nazareth

  ZEIT: 4 v. Chr. bis 31 n. Chr.

  WICHTIGE BIBELSTELLEN: Das  Evangelium des Markus ist das älteste überlieferte Evangelium.

  WIRKUNGSGESCHICHTE: Das Christentum ist die zahlenmäßig bedeutendste Weltreligion, der ungefähr 1,9 Milliarden von 6 Milliarden Menschen angehören.

  ZITAT: »Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.« ( Markus 2, 17)

THEOLOGISCHES STICHWORT

JESUS CHRISTUS: Der Name Jesus Christus heißt: Jesus, der Messias. Nach dem Markusevangelium führt das Eingeständnis Jesu, der Messias zu sein, zu seiner Kreuzigung: »Da fragte ihn der Hohepriester abermals und sprach zu ihm: Bist du der Christus, der Sohn des Hochgelobten? Jesus aber sprach: Ich bin's; und ihr werdet sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen mit den Wolken des Himmels.« ( Markus 14, 61-64)

Bei dem Menschensohn handelt es sich um eine übermenschlich-himmlische Gestalt, der nach dem letzten Gericht von Gott die Weltherrschaft übertragen werden soll. Jesus hat die Vollmacht des Menschensohnes für sich in Anspruch genommen, als er Menschen die Vergebung ihrer Schuld zusprach: »Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünde zu vergeben auf Erden - sprach er zu dem Gelähmten: Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!« ( Markus 2, 10-11) Der Ausdruck wird im Aramäischen, der Sprache Jesu, allerdings auch im Sinne von »der Mensch schlechthin« verwendet.

Jesus hat sich in einer ganz besonderen Beziehung und Nähe zu Gott gesehen und ihn mit »mein Vater« angesprochen. ( Markus 14, 36: »Abba, mein Vater, alles ist dir möglich«). Und er verwendete auch den Begriff »Sohn Gottes« auf sich: »Da sprachen sie alle: Bist du Gottes Sohn? Er sprach zu ihnen: Ihr sagt es, ich bin es.« ( Lukas 22, 70)

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Helmut Frank

 


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abgerufen 29.09.2016 - 00:10 Uhr

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