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Dieser Artikel: Ausgabe 01/2016 vom 03.01.2016
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Die Geburt des Kinos

Vor 120 Jahren veranstalteten die Brüder Lumière die erste öffentliche Filmvorführung in Paris


Es grenzt ans Wunderbare, schwärmten die, die dabei waren: Man sieht eine ganze Welt an sich vorüberziehen, die leibt und lebt, webt und schafft. Die »lebenden Photographien« der Brüder Lumière waren vor 120 Jahren die Anfänge des Mediums Film.

»Tout Paris« wollte die bewegten Bilder der Brüder Lumière sehen: zeitgenössisches Werbeplakat.
Foto: Marcellin Auzolle / CC BY-SA 3.0
   »Tout Paris« wollte die bewegten Bilder der Brüder Lumière sehen: zeitgenössisches Werbeplakat.

        

Ganz Paris, um den herkömmlichen Ausdruck zu gebrauchen, pilgert nach dem Boulevard de la Madeleine, um das neue Wunder, die Überraschungen der Kinematografie zu sehen.« Enthusiastische Nachrichten wie diese aus den Frankfurter Nachrichten machten zu Beginn des Jahres 1896 die Runde. Sie kündeten von der Geburt einer neuen Kunstform, die das 20. Jahrhundert geprägt hat wie keine andere: des Films.

Kurz vor Silvester, am 28. Dezember 1895, hatten die Brüder Auguste und Louis Lumière zum ersten Mal vor zahlendem Publikum ihren »Cinématographe« vorgestellt, im »Salon Indien« des Grand Café. Von hier aus trat der Apparat seinen Siegeszug an.

»Ein kleines Theater, eine nur zwanzig Minuten dauernde Vorstellung«, heißt es in dem Zeitungsbericht über die legendären Vorführungen in Paris weiter. »Aber in diesem engen Raume, in dieser Spanne Zeit sieht man eine ganze Welt an sich vorüberziehen. Nicht etwa in starren Bildern ohne Leben und Bewegung, sondern eine Welt, die leibt und lebt, webt und schafft, ganz wie die Wirklichkeit. (...) Es grenzt ans Wunderbare.«

Auguste Lumière (1862-1954) und Louis Lumière (1864-1948).
Foto: PD
   Auguste Lumière (1862-1954) und Louis Lumière (1864-1948).

        

Der Eintrittspreis zu den ersten Kinovorstellungen der Lumières betrug einen Franc, gezeigt wurde ein etwa 20 Minuten dauerndes Programm aus zehn kurzen Filmen. Die meisten waren dokumentarische Aufnahmen.

Bestandteil dieses Programms war auch der berühmte Film »Arbeiter verlassen die Fabrik Lumières«, der erste Film, den die Lumières im März 1895 vor der väterlichen Fabrik in Lyon gedreht hatten. Er gilt als Geburtsstunde des Dokumentarfilms überhaupt: Zu sehen sind Arbeiterinnen und Arbeiter, die das Werkstor passieren. Heute wissen wir, dass auch dieser Dokumentarfilm »inszeniert« war, da die Menschen hinter dem Tor warten mussten, um es dann auf Zuruf zu durchqueren.

Ende des 19. Jahrhunderts lag die Erfindung des Films quasi in der Luft. Angefangen mit optischen Spielzeugen und Projektionstechniken, die seit dem 17. Jahrhundert bekannt waren, führte der Weg über Reihenfotografien von Ottomar Anschütz und Eadweard Muybridge hin zur Kinematografie. Schon zwei Monate zuvor, am 1. November 1895, hatten die Brüder Skladanowsky im Berliner Varieté Wintergarten mit ihrem »Bioskop« Filme projiziert - allerdings mithilfe eines technisch rückständigen Verfahrens.

Zeitgenössisches Werbeplakat.
Foto: PD
   Zeitgenössisches Werbeplakat.

        

Zu den Vorläufern der Lumières gehörten auch Edisons Guckkästen, die aber mehrere gravierende Nachteile hatten: Hineingucken in ein solches »Kinetoskop« konnte immer nur einer, die Kameras waren schwer, und mit einer Aufnahmegeschwindigkeit von 48 Bildern in der Sekunde (heute: 24) fraßen sie sehr viel Filmmaterial.

Es soll Auguste Lumière gewesen sein, der nach einer Besichtigung des Kinetoskops in Paris die Idee hatte, dass diese bewegten Bilder auch größeren Zuschauermengen gezeigt werden müssten. Louis Lumière konstruierte dafür einen Greifermechanismus, der in ein kleines Kästchen passte. Der Cinématographe Lumière war ein vielseitiger Apparat: Er konnte aufnehmen und projizieren und auch für die Vervielfältigung von Filmen verwendet werden.

Nur wenige ihrer ersten knapp einmütigen Filme haben die Lumières selbst gedreht. Aber sie eröffneten erste Kinos und sorgten für die Ausbreitung des Films als Massenmedium in Europa: Ihre Kameramänner bereisten die Welt und nahmen Landschaften und politische oder militärische Ereignisse auf. Wir verdanken ihnen die ersten Filmaufnahmen deutscher Städte wie Hamburg, Berlin, Stuttgart oder Frankfurt. 2113 Filme umfasste ihr Katalog aus dem Jahr 1903.

Die Besucher strömten zuerst nur zögerlich in die Vorführungen in Paris, doch schon nach wenigen Tagen standen sie Schlange, um die »lebenden Photographien« zu sehen. Die Lumières, hineingewachsen in den photochemischen Betrieb ihres Vaters, begründeten so den Film als Wirtschaftszweig, als Industrie.

Auch die Einführung des Films in Deutschland ist ihnen zuzuschreiben. Sie vergaben das Alleinverwertungsrecht für den »Cinématographe« an die »Deutsche Automaten-Gesellschaft« in Köln, ein Tochterunternehmen der Firma Stollwerck, und stellten den Apparat in einer öffentlichen Premiere erstmals am 20. April 1896 in Köln vor.

Aus heutiger Sicht kaum zu glauben: Die Brüder hielten den Film schon bald für eine Erfindung ohne Zukunft und konzentrierten sich auf die Fotografie. Ihre kinematografischen Geräte verkauften sie nach und nach an andere Filmemacher. Aber es sollten andere kommen, Jahrmarktsreisende, Künstler, Unternehmer, die das Heft übernahmen.

Auguste Lumière entwickelte - ganz ohne entsprechende Ausbildung - ein ganz anderes Interesse: die Medizin. Während des Ersten Weltkriegs baute er aus eigenen Mitteln einen röntgenmedizinischen Dienst in Lyon und gründete aus dem photochemischen Betrieb heraus ein medizinisches Fotolabor und Pharmaunternehmen. Am 10. April 1954 starb Auguste Lumière in Lyon, sechs Jahre nach seinem Bruder Louis.

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Rudolf Worschech

 


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abgerufen 24.08.2016 - 21:39 Uhr

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