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Dieser Artikel: Ausgabe 01/2016 vom 03.01.2016
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Schwierige Gratwanderung

Der Historiker Wolfgang Altgeld über den Umgang mit Hitlers »Mein Kampf«


Ab Januar kann Adolf Hitlers Pamphlet »Mein Kampf« wieder legal gekauft werden - dann nämlich läuft das Urheberrecht für das Buch aus. Diese Rechte hielt bislang der Freistaat Bayern. Auch künftig will die Politik verhindern, dass das Buch unkommentiert erscheinen darf. Am 8. Januar erscheint zudem eine historisch-kritische Ausgabe beim Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München. Eben diese Ausgabe hält der Würzburger Historiker Wolfgang Altgeld für besonders wichtig.

Wolfgang Altgeld, Professor an der Universität Würzburg.
Foto: epd-BY
   Wolfgang Altgeld, Professor an der Universität Würzburg.

        

  Herr Professor Altgeld, haben Sie Hitlers Schmähschrift »Mein Kampf« selbst einmal gelesen - zumindest teilweise?

Altgeld: Ja, ich habe das Buch schon vor längerer Zeit gelesen und für einige meiner Aufsätze verwendet - vor allem die programmatischen Äußerungen im zweiten Teil, der erstmals 1926 erschienen ist. Darin konnte man schon damals lesen, dass es Hitler irgendwann einmal um die Eroberung von »Lebensraum« im Osten gehen würde. Das Buch ist vor allem furchtbar langweilig. Nur die wirklich politischen Passagen sind interessant, wenn man den aufstrebenden Politiker Hitler verstehen will. Er hat wirklich aufgeschrieben, was er tun will, sobald er an der Macht ist. Das tun nur wenige Politiker. Und Hitler hat es zum Schrecken der Welt umzusetzen versucht.

  Nun laufen die Urheberrechte für das Buch aus. Danach soll es per Volksverhetzungsparagrafen verboten werden. Was halten Sie davon?

Altgeld: Ich bin da - als Staatsbürger, weniger als Historiker - skeptisch. Denn die deutsche Gesellschaft hat über drei Generationen hinweg Demokratie, Freiheit sowie die Distanzierung von Rassismus und Antisemitismus eingeübt und gelebt. Die heutige junge Generation käme mit einer solchen Literatur durchaus zurecht, man muss sie nicht davor schützen. Hinter solchen Verboten steckt immer auch die Idee vom unmündigen Volk. Auf der anderen Seite ist es so, dass man es missverstehend lesen kann, wenn man das will oder nicht ausreichend informiert ist - deshalb ist die kritische Edition so wichtig.

  Das IfZ in München hat diese historisch-kritische Ausgabe des Buches erarbeitet.

Altgeld: In »Mein Kampf« stehen viele Dinge, die mehr als nur grenzwertig sind - und Hitler formuliert sie in seinem Dreiwort-Satz-Stil so selbstsicher, dass ein historisch nicht sonderlich aufgeklärtes Gemüt das falsch verstehen kann. Wer eine gewisse Vorprägung hat, der wird darin das finden, was er sucht. Also brauchen wir dieses kompetent edierte Referenzwerk für die Bildungsarbeit an Schulen oder Universitäten. So hätte man einen Maßstab auf dem Markt: Wenn ihr schon »Mein Kampf« lest, dann hier: ein Werk, das alle Fragwürdigkeiten des Buches aufdeckt.

  Die Staatsregierung als Rechteverwalter hat ja einen Zickzackkurs gefahren: Erst war sie für, dann gegen die kritische Ausgabe. Wieso?

Altgeld: Ich kann verstehen, dass Ministerpräsident Seehofer auf äußere Kritik an dem Projekt reagiert hat. Politiker müssen immer auch die symbolische Bedeutung im Blick behalten - und natürlich kann man eine finanzielle Unterstützung des Projekts durch den Freistaat Bayern kritisch sehen.

Ich sehe es als Historiker aber anders - obwohl ich nicht behaupten würde, im Besitz der besseren Argumente zu sein. Es ist wirklich sehr schwierig mit diesem »Ding«.

  Ist die oft geäußerte Befürchtung, dass der Buchmarkt nun mit Neuauflagen regelrecht überrollt wird, realistisch?

Altgeld: Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Es wird Rechtsradikale geben, die das Buch im Nachdruck haben wollen - ich vermute, dass das dann von den speziellen Versandhändlern in der Szene auch angeboten wird.

  Viele Kritiker auch der wissenschaftlichen Ausgabe halten das Buch nach wie vor für gefährlich. Ist es das wirklich noch?

Altgeld: Nein, als kommentierte Ausgabe sicher nicht. Nicht gefährlicher jedenfalls als vieles andere, was heute auf dem Markt ist. Wer Hitlers Machwerk lesen will, kann im Internet unter Hunderten Exemplaren auswählen.

  Die kommentierte Ausgabe will »Mein Kampf« ja auch »entzaubern«. Hat das faktische Verbot die Mystifizierung nicht geradezu befördert?

Altgeld: In gewisser Weise schon: Was verboten ist, erzeugt Neugier - und das Verbot erregt Widerspruch: »Ich bin doch wohl in der Lage, dieses Buch alleine zu lesen, ohne darauf hereinzufallen.« Das Buch ist ohne jeden literarischen Wert.

Hitler selbst hat gelegentlich gesagt, dass es schlecht geschrieben ist. Wir lesen es heute, weil wir wissen, wessen politisches Denken das ist. Hätte sich die Weimarer Republik behaupten können und Adolf Hitler nicht die Macht ergriffen, würde dieses Buch heute kaum noch jemand kennen.

        

Am 8. Januar erscheint die kritische Edition von Hitlers Pamphlet.
Foto: epd-BY
   Am 8. Januar erscheint die kritische Edition von Hitlers Pamphlet.

        

Hintergrund

  Wieso liegen die Urheberrechte beim Freistaat Bayern?

Ursprünglich wurde Adolf Hitlers »Mein Kampf« vom Eher-Verlag in München herausgegeben - er war seit 1920 im alleinigen Besitz des Nationalsozialistischen Deutschen Arbeitervereins, dessen Vorstand wiederum Hitler war. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Verlag durch die Alliierten im Jahr 1945 verboten, der Freistaat Bayern sollte ihn abwickeln, 1952 wurde er aus dem Handelsregister gestrichen. Seither liegen die Urheberrechte für das Machwerk beim Freistaat, verwaltet werden sie vom Finanzministerium.

  Was steht in der kritischen Neuedition?

Die Wissenschaftler des Instituts für Zeitgeschichte (München) haben eine sogenannte historisch-kritische Ausgabe erarbeitet. Das heißt, historische Quelltexte werden mit Kommentaren, Anmerkungen sowie Einordnungen versehen. Die kommentierte Fassung soll darstellen, wie die Thesen von Hitlers Buch aus dem Jahr 1925 zur »blutigen Realität« wurden. Die kritische Edition (2000 S., 59 Euro) ist ab 8. Januar erhältlich.

  Wieso unterstützt der Freistaat das Projekt nicht mehr?

Anfangs unterstützte die Bayerische Staatsregierung das Projekt des IfZ, Anfang 2014 stieg sie dann überraschend aus. Der Landtag hatte eine historisch-kritische Ausgabe im Auftrag der Staatsregierung wegen des Ende 2015 endenden Urheberrechts gefordert. Hintergrund für die Kehrtwende der Regierung von Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) waren den Angaben zufolge Gespräche mit Holocaust-Opfern sowie Vertretern jüdischer Organisationen und Vertretern des Staats Israel. Dennoch hielt der Freistaat den Zuschuss von 500 000 Euro aufrecht.

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Interview: Daniel Staffen-Quandt

 


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abgerufen 25.09.2016 - 03:58 Uhr

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