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Dieser Artikel: Ausgabe 01/2016 vom 03.01.2016
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Täuschen, tricksen, tarnen

Der Anthropologe Volker Sommer behauptet: Nur wer lügt, ist sozial kompetent


Soll das Lügen ein elementarer Antrieb menschlichen Zusammenlebens sein? Diese These muss man erst mal verkraften. Der Londoner Anthropologe Volker Sommer hat sie in ein Buch gepackt.

»Echt, ich schwör!« Doch schnell gesagt ist leicht gelogen.
Foto: 123rf / Rui Santos
   »Echt, ich schwör!« Doch schnell gesagt ist leicht gelogen.

        

Im »Lob der Lüge« geht es ums Täuschen, Tarnen, Tricksen. Die tragende These dieses Buchs: Der Umgang mit falscher Information ist so allgegenwärtig, uns so selbstverständlich und - ja - wesensprägend, dass man die Lüge als einen wesentlichen Faktor der Evolution nehmen kann.

Und weil der Autor ein »evolutionärer Antropologe« ist, schaut er sich im Tierreich genauso um wie unter den Menschen. Ja er macht noch nicht einmal viel Unterschied zwischen Tier und Mensch. Der Mensch ist »das andere Tier«, der hominisierte Primat. Sommers Primaten- und Verhaltensforschung findet im Dschungel genauso statt wie in unserem Wohnzimmer zu Hause.

Die Kulturgeschichte der Menschheit und die Entwicklungsgeschichte der Schimpansen wird im selben Über-Kapitel der allgemeinen Evolution oder auch »biologischen Anthropologie« beschrieben. In der Welt der Kultur und in der Welt der Natur geht es gleichermaßen ums andauernde Betrügenwollen. So wird ganz nebenbei in diesem evolutionären Ansatz die Idee der Menschwerdung geklärt. Der Mensch mit seinem Körper und seinem Denkapparat ist selbstredend nicht sprunghaft, plötzlich, sondern sehr allmählich entstanden und trägt noch so viel Primatenhaftes in sich herum, dass von seiner »Einzigartigkeit« nicht viel übrig bleibt.

Das ist - aus der Sicht einer Leserschaft, die den Lauf der Welt eher aus einer moralischen Perspektive wahrnimmt und erklärt haben will - dann auch das Frappierende und zugleich Erfrischende an diesem Buch. Hier wird »Über Wahrheit und Lüge in einem außermoralischen Sinne« verhandelt (nicht zufällig ist dies übrigens der Titel eines Essays von Friedrich Nietzsche). Und doch schwingt beim Begriff Lüge, anders können wir Menschen wohl gar nicht, immer auch das moralphilosophische Abwägen über Richtig und Falsch, Gut und Böse mit.

Eine Köstlichkeit dieses flott geschriebenen Sachbuchs besteht darin, wie der Autor beschreibt, wie er mühsam seine Forscher-Kollegen von seinem Ansatz der Lügenhaftigkeit im Tierreich überzeugen musste. Bis ihnen die Erleuchtung kam, dass so etwas scheinbar Menschliches wie das Lügen sie ja doch schon, immer wieder, in ihrer tierischen Verhaltensforschung beobachtet hatten.

Sommer trägt schließlich eine Auswahl aus sage und schreibe 253 sogenannten Episoden vor, die lustig bis zum lauthals heraus Lachen sind. Der Affe, der sich aufplustert; der Affe, der interessiert in die Ferne auf vermeintliche Angreifer schaut, um von etwas nahe liegendem - nämlich seiner Banane - abzulenken, die er mit niemandem teilen will; der Affe, der den anderen täuschenden Affenfreund wiederum täuscht, indem er so tut, als ob er die Gedanken des anderen gelesen habe; der Affe, der mit Absicht »einen falschen Eindruck« erweckt; und schließlich der Affe, der vor versammelter Affenmannschaft offenbar der Lüge überführt wird, wobei dieses Kollektivverhalten aller selbst eine Täuschung ist.

Die Leser erfährt so viel Verblüffendes und Witziges über die taktische Verhaltensmanöver unter Primaten, dass eines klar wird: Lügen ist ein soziales Werkzeug; nur wer lügt, ist sozial kompetent! Und der anthropologische Schluss: Erst das Lügen, das wir als Primaten seit Millionen Jahren einüben und pflegen, hat uns so klug gemacht, wie wir Menschen und Oberprimaten heute sind. Jeder weiß das; keiner gibt das gerne zu. Wie wir mit der Lüge umgehen, das selbst ist eine sehr verlogene Angelegenheit.

Sommers Erkenntnisse sind für Moralapostel eine furchtbare Erkenntnis und Herausforderung. Zur Vertiefung dieses Themas gibt's ein Sonderkapitel, wie Augustinus, Luther und weitere Kirchenväter mit der Lüge oder auch - wichtiger moralischer Sonderaspekt - der Notlüge umgehen.

Mit anderen Worten: Parallel zur empirisch-fachwissenschaftlichen Ebene erzählt Sommer auf einer zweiten die Kulturgeschichte der ethischen Bewertung von Lug und Trug. Zu guter Letzt kommt der Soziologe Erving Goffman mit seinem Lebenswerk »Wir alle spielen Theater« zu Wort. Damit reicht die Spanne der Lügen-Geschichten von der »Notlüge« bis zur »Lebenslüge«.

Volker Sommer: Lob der Lüge. Wie in der Evolution der Zweck die Mittel heiligt, Hirzel Verlag; Stuttgart 2015, 166 Seiten, ISBN 978-3-7776-2537-9, 19,80 Euro.

 

  BUCHTIPP: Volker Sommer: Lob der Lüge. Wie in der Evolution der Zweck die Mittel heiligt, Hirzel Verlag; Stuttgart 2015, 166 Seiten, ISBN 978-3-7776-2537-9, 19,80 Euro.

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Lutz Taubert

 


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abgerufen 24.08.2016 - 12:12 Uhr

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