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Dieser Artikel: Ausgabe 02/2016 vom 10.01.2016
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Mein Leben hat eine Wende erfahren

Sonntagsblatt-Sprechstunde


Ein Besuch in der KZ-Gedenkstätte Dachau hat für einen 18-jährigen Schüler eine Menge verändert. Unter anderem hat er begonnen, sich in der Flüchtlingsinitiative seiner Gemeinde zu engagieren.

Wir waren im Spätherbst mit unserer Schule in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Mich hat dieser Besuch sehr mitgenommen. Die vielen Bilder und Dokumente der Gewalt, die Zeugnisse der Demütigung und Erniedrigung, ja der ganze Ort in seiner Rechtwinkligkeit und Ordnung - das alles hat mir zugesetzt.

In der Schule haben wir nur kurz über diesen Besuch gesprochen, und dieses Gespräch blieb meinem Eindruck nach zumeist an der Oberfläche. Wahrscheinlich haben wir uns voreinander geschämt. Zumindest haben wir uns nicht getraut, über unsere Gefühle zu sprechen. Dass die meisten von uns in Dachau selbst verstummt sind, das ist wohl nachzuvollziehen, aber dass wir uns auch danach so schwer getan haben?

Mir selbst jedenfalls tut es gut, von dem zu erzählen, was ich in jenen Stunden erlebt habe. Vor allem geht es mir so, dass ich jetzt bewusster lebe, dass ich aufmerksamer die Zeitung lese und die Nachrichten anschaue. Außerdem habe ich begonnen, mich in einer Flüchtlingsinitiative unserer Gemeinde zu engagieren. Nach außen hin mag das alles nicht bedeutsam erscheinen, aber für mein Leben stellte dieser Besuch eine Wende dar.

Ich schreibe Ihnen dies, weil ich gehört habe, dass Sie sogar in der Dachauer KZ-Gedenkstätte gearbeitet haben. Jedenfalls fiel Ihr Name, als wir uns zu einem kurzen Gespräch in der Versöhnungskirche niedergelassen haben.

H. A., 18 Jahre

 

Ihr Brief lässt vieles für mich wieder lebendig werden. Es war die zweite Hälfte der 80er-Jahre, als ich Pfarrer an der Versöhnungskirche war. Ich sehe wieder den jungen Mann vor mir, etwa in Ihrem Alter. Er war kaum in der Lage zu sprechen. Dafür drückte er mir einen Zettel in die Hand.

Nach dem Besuch im Krematorium habe er sich auf die Kirchenstufen gesetzt und ein Gedicht geschrieben: »Das Quietschen der Tür / am Krematorium ist wie / der Schrei der Gefolterten, / und / mein warmer Mantel / hilft nicht gegen die Kälte, / die von innen kommt.« Worte, die mich heute noch berühren.

Ihm wird es wohl ähnlich ergangen sein wie Ihnen. Fassungslosigkeit, Entsetzen, Trauer. Und doch der Versuch, sich auszudrücken und mitzuteilen. Sie tun das in einem Brief, und ich kann nachempfinden, wie Ihnen zumute ist. Ich habe es durch all die Jahre hindurch ganz ähnlich erlebt.

Feinfühlig, wach, empfindsam zu sein und doch nicht sprachlos zu bleiben, darum geht es immer wieder. Vor allem nicht in Niedergeschlagenheit oder gar Apathie zu versinken. Sehr geholfen hat mir dabei die Gedenktafel in einem jüdischen Friedhof in Berlin. Eine Inschrift mit den Worten: »Hier stehst du schweigend, / doch wenn du dich wendest, / schweige nicht.«

Nicht schweigen. Sie erzählen davon, wie Sie das für sich übersetzt haben. Sie versuchen, bewusster zu leben. Versuchen wahrzunehmen, was in der Welt geschieht. Ja, Ihr Leben habe eine Wende erfahren. Das ist unendlich bedeutsam, und ich möchte Sie darin bestärken.

Dort, wo Menschen Unrecht geschieht, widersprechen und widerstehen. Für Gerechtigkeit eintreten, für Würde und für Solidarität. Barmherzigkeit zeigen. Das ist die Antwort auf die Barbarei.

SONNTAGSBLATT - SPRECHSTUNDE

Barbara Hauck

Wenn Sie ein Problem haben und Rat brauchen, dann schreiben Sie an die »Sprechstunde«, Birkerstraße 22, 80636 München. Die Berater antworten auf dieser Seite oder mit Brief. Sie können auch unmittelbar an einen Berater schreiben: Pfarrerin Barbara Hauck, Breite Gasse 82/84, 90402 Nürnberg - oder Kirchenrat Waldemar Pisarski, Meringer Str. 38c, 86163 Augsburg.

Waldemar Pisarski

Wenn Sie eine längerfristige Korrespondenz wünschen, steht Ihnen die Evangelische Briefseelsorge, Postfach 600306, 81203 München, zur Seite. Alle Zuschriften werden vertraulich behandelt.

 

 

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abgerufen 29.06.2016 - 18:16 Uhr

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