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Dieser Artikel: Ausgabe 02/2016 vom 10.01.2016
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Absage an die Wegwerfmentalität

Reparaturtreffs werden immer beliebter - Besuch in einem Repair-Café in Altdorf


Kaputt - ach, weg damit. Mit dieser Devise hat der reiche Westen jahrzehntelang gelebt. Aber es wird allmählich wieder modern, etwas zu reparieren.

Harald Rinno (links), 70, einst Elektromechaniker nimmt das Bügeleisen eines Kunden auseinander.
Foto: epd-by
   Harald Rinno (links), 70, einst Elektromechaniker nimmt das Bügeleisen eines Kunden auseinander.

        

Prasseln und Scheppern, viermal ein leises Klack, dann metallenes Schnarren: Sell Curtis bückt sich leicht und hält sein Ohr ganz nah an die silbergraue Maschine: »Das klingt gut«, sagt er zufrieden. Der Mann neben ihm gerät aus dem Häuschen. »Suuuper, das probieren wir gleich noch mal.« Einen halben Samstagnachmittag haben mehrere Männer auf diesen Moment gewartet. Die vollautomatische Kaffeemaschine von Anton Jäger ist wieder einsatzbereit.

Immer am ersten Samstag im Monat zieht in ein Kinderhaus in Altdorf bei Nürnberg das Repair-Café ein. Mit Lötgeräten und Phasenprüfern, Schraubendrehern, Steckschlüsseln und Ölkännchen treten ein Dutzend ehrenamtliche Reparateure wie Sell Curtis an. Ihnen gegenüber sitzt an Tischen die Kundschaft mit ihren defekten Mixern, Staubsaugern, Heckenscheren oder Fernsehern. Gemeinsamer Wunsch dieser bunten Gesellschaft: Die Geräte sollen wieder laufen. Manchmal soll noch ein letzter Versuch unternommen werden, bevor der Rasierapparat vielleicht doch in der Tonne enden muss.

Das Repair-Café in Altdorf ist eine von 300 Initiativen im deutschsprachigen Raum, die alle nach klaren Regeln funktionieren. Die Besitzer kaputter Geräte sollen sich von Hobbybastlern und Reparaturprofis kostenlos oder gegen eine kleine Spende helfen lassen, die Apparate wieder zum Laufen zu bringen. Wer hier fragt, wann er sein defektes Gerät wieder abholen kann, hat von dem Prinzip noch nichts gehört. Einem Mechaniker seinen defekten Toaster in die Hand drücken, geht nicht: »Hier musst du Zeit mitbringen«, erklärt Werner Birn, Cheforganisator des Altdorfer Cafés.

Die Idee der Repair-Cafés stammt aus Amsterdam. Die Journalistin Martine Postma hat den ersten dieser Reparaturtreffs 2007 ins Leben gerufen. Zurzeit pflanzt sich gerade in Deutschland dieser Gegenentwurf zur Wegwerfmentalität geschwind fort. Nicht nur die Repair-Café-Kette wächst, Reparaturtreffs, Seniorenwerkstätten, Werkstattkirchen entstehen. Diesen Trend hat auch Barbara Rehbehn, Geschäftsführerin der gemeinnützigen Gesellschaft für sozial-kulturelle Arbeit (GskA), ausgemacht. Partner bei den Neugründungen seien oft Nachbarschaftshäuser oder Mehrgenerationenhäuser, sagt sie. Sie hätten auch oft geeignete Werkstätten und Kreativräume.

Nach nur einem einzigen Infoabend sind aus Altdorf und Umgebung über ein Dutzend Mitarbeiter zum neuen Reparaturtreff gekommen. Eine Frau mit Nähmaschine war auch dabei. Doch es sind vor allem die Männer, die hier ihre Freude beim Basteln und Helfen ausleben. Manche sind beinahe ausgestorbene Spezialisten, wie der Schlesier Hubert Kiunke, der Röhrenradios wieder zum Sprechen bringen kann. Seine Devise lautet: »Bevor man etwas wegwirft, sollte man reingucken.«

Lore Seifert, deren CD-Player stur behauptet, dass sie keine CD eingelegt habe, denkt auch so. Sie lässt sich mit dem freundlichen Reparateur Manfred Hajek an einem Tischchen nieder. Hajek hört nicht zum ersten Mal von einem solchen Fehler: »Wir müssen jetzt erst einmal herausfinden, wo der Sensor ist«, erklärt er unaufgeregt. Frau Seifert hat aber keine CD dabei, mit der man das Gerät testen kann. Nun wird im Kinderhaus erst mal eine gesucht, bevor die Reparatur beginnen kann.

In einer anderen Ecke des Cafés hat sich Georg Lenz eines 40 Jahre alten Diaprojektors angenommen. Der zeigt immer und immer wieder das gleiche Lichtbild, transportiert einfach nicht mehr weiter. Von den etwa 20 Objekten, die auf einer langen Bank auf ihre Behandlung warten, hat sich Lenz diesen Apparat ausgesucht. Den Toaster, den Gettoblaster, mehrere Fernseher, einen Scheinwerfer, eine elektrische Heckenschere hat er zunächst einmal stehenlassen. Dass er sich an dem Projekt die Zähne ausbeißt, ahnt er zu Beginn des Nachmittags noch nicht. Der Besitzer hat nach ein paar Stunden wenig Hoffnung, seine alten Lichtbilder wieder betrachten zu können.

Klaus Höxer, für den Empfang und die Statistik zuständig, macht in seine Liste einen Haken in der Rubrik »Reparatur nicht gelungen«. An guten Terminen kommen die Bastler aber auf eine Heilungsquote von 62 Prozent. Manche Besucher müssen einen Monat später wiederkommen, wenn sie das nötige Ersatzteil besorgt haben. »Oft sind es nur Kleinigkeiten, die einfach ausgetauscht werden können«, stellt Höxer fest. Sein Lieblingsbeispiel ist der Staubsauger, den seine Besitzerin beinahe auf dem Müll geworfen hätte. Seit man ihm aber im Repair-Café den eingesaugten Kiefernzapfen herausoperiert hat, gibt der Sauger wieder alles.

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Jutta Olschewski

 


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abgerufen 31.07.2016 - 11:19 Uhr

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