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Dieser Artikel: Ausgabe 03/2016 vom 17.01.2016
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Kulturkampf in der Kulturhauptstadt

Breslau in Polen ist eine der beiden »Europäischen Kulturhauptstädte 2016«


Das polnische Wroclaw, das frühere schlesische Breslau, ist neben San Sebastián in Spanien »Europäische Kulturhauptstadt 2016«. Im Mittelpunkt stehen Aufbruch und Vielfalt. Aber Kabaretts thematisieren auch den Wahlsieg der nationalkonservativen PiS.

Die Nordseite des Rings mit der Elisabethkirche. Der Ring ist ein quadratischer Platz mit Bürgerhäusern im Zentrum Breslaus.
Foto: Lestat / CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
   Die Nordseite des Rings mit der Elisabethkirche. Der Ring ist ein quadratischer Platz mit Bürgerhäusern im Zentrum Breslaus.

        

Lautes Hämmern und Bohren schallt über den spätgotischen Marktplatz - schließlich muss die Tribüne für die Eröffnungsfeier von Breslau (Wroclaw) als »Europäische Kulturhauptstadt 2016« bald fertig sein. Am 17. Januar werden vier große Umzüge auf das Zentrum zustreben. Es ist eine Inszenierung des britischen Regisseurs Chris Baldwin. Sie soll das Erwachen der Stadt durch vier Geister symbolisieren, die ihr Wesen ausmachen: »Innovation«, »Wiederaufbau«, »Hochwasser« und - mit Bezug auf Religionen - »viele Bekenntnisse«.

Breslau hat in seiner wechselvollen Geschichte mit deutschen, polnischen, tschechischen und ungarischen Herrschern zahlreichen Glaubensgemeinschaften Platz geboten. Zu sehen ist das im »Viertel der vier Religionen«, wo verschiedene Gotteshäuser zugänglich sind.

Die Vielfalt der Stadt kommt auch im Breslauer Musiktheaterprojekt »Stimme der Ausgeschlossenen« zum Ausdruck. »Der Name klingt ein wenig hart«, räumt Regieassistentin und Produzentin Zofia Dowjat ein. Ein Teil der Breslauer, vor allem alte Menschen, sei aus dem Kulturleben ausgeschlossen, erläutert sie den Hintergrund des Projekts. Der Opernregisseur Michal Znaniecki setzte daraufhin vor zehn Jahren ein Stück mit Bewohnern von Altenheimen um. Später kamen andere Gruppen hinzu.

Im kommenden Jahr wird nun Henry Purcells Barockoper »Die Feenkönigin« mit älteren Menschen, Kindern aus Heimen und Vertretern von Minderheiten zusammen aufgeführt. Darunter seien viele orthodoxe Ukrainer sowie eine Gruppe von älteren, zumeist evangelischen deutschen Damen, die vor Kriegsende in der damals drittgrößten Stadt Deutschlands geboren wurden, sagt Dowjat: »Sie sind sehr engagiert.«

Die Kaiserbrücke über die Oder wurde von Kaiser Wilhelm II. 1910 eingeweiht.
Foto: Wacki4 / CC BY-SA 3.0 PL via Wikimedia Commons
   Die Kaiserbrücke über die Oder wurde von Kaiser Wilhelm II. 1910 eingeweiht.

        

Die meisten Musikfreunde aber wird es im Kulturhauptstadtjahr wohl zum Herzstück der Hochkultur ziehen, dem neu erbauten »Nationalen Musikforum«. In dem riesigen braunen Gebäude am Rand der Altstadt können vier Konzerte gleichzeitig stattfinden. Auftritte des London Symphony Orchestra und der Wiener Philharmoniker gelten als Höhepunkte für 2016.

Doch auch auf Misstöne muss die südwestpolnische Stadt sich gefasst machen: Breslau ist bekannt für eine aktive rechte Szene. Die rechtsextreme Organisation »Nationalradikales Lager« nutzte erst kürzlich den Breslauer Marktplatz als Bühne für ihre ausländerfeindlichen Parolen. Die Stimmung richtet sich gegen Flüchtlinge, obwohl die wenigen Iraker und Syrer in der Stadt bereits nach Deutschland weitergezogen sind.

Breslau war einmal die drittgrößte Stadt Deutschlands

Im Breslauer Rathaus wird überlegt, wie man dagegen angehen kann. »Breslau ist eine sehr offene Stadt, darum haben wir vielleicht nicht so gut gelernt, gegenüber Hetze auch Stopp zu sagen«, sagt Manuela Plizga-Jonarska, zuständig für den interkulturellen Dialog. Sie vermittelt Schulklassen und auch Polizisten, wie Diskriminierung wirkt. Konzeptionelle Hilfe aus Deutschland im Umgang mit den Rechtsextremen, die die Feierlichkeiten im kommenden Jahr als Podium missbrauchen könnten, würde die Stadt Breslau gern entgegennehmen, sagt Plizga-Jonarska.

In ganz Polen ist nach dem Wahlsieg der nationalkonservativen Partei »Recht und Gerechtigkeit« (PiS) der Ton konfrontativer geworden. Der neue Kulturminister Piotr Glinski wollte bereits Ende November vergeblich eine Aufführung von Elfriede Jelineks »Der Tod und das Mädchen« im Breslauer Teatr Polski verbieten lassen; er störte sich an pornografischen Handlungen auf der Bühne, wie er sagte.

Während der parteilose Bürgermeister Rafal Dutkiewicz kein Problem mit dem deutschen Wort »Breslau« hat, kam aus der PiS in Breslau bereits der Vorschlag, man möge die 1913 erbaute »Jahrhunderthalle« umbenennen, da die direkte Übersetzung ins Polnische zu sehr an Deutschland erinnere.

Den Einfluss der Politik spürt man auch im aktuellen Kulturleben, die Theater und Kabaretts der Stadt greifen den Machtwechsel auf. Karol Pecherz, Künstler, Herausgeber eines Literaturmagazins und Organisator von SlamPoetry, lässt das Publikum der verrauchten Kulturkneipe »Kalambur« Gedichte zu Begriffen wie »Präsident« und Polsat schreiben, dem oppositionellen Sender. Die Texte werden dann im Wettbewerb vorgetragen und ernten viel Gelächter und Applaus.

»Ich arbeite mit Ziegelsteinen, Gedichtfragmenten und Autos«, kündigt Pecherz seinen Beitrag für das Jahr der Kulturhauptstadt an. Über den Inhalt der Gedichte verrät er nichts. Vielleicht antworten sie auf die politische Lage. Schließlich hat in Polen Kunst gern mit Improvisation zu tun.

BRESLAU

Kulturkampf in der Kulturhauptstadt. Breslau in Polen ist eine der beiden »Europäischen Kulturhauptstädte 2016«. » lesen!

Breslau. Wechselvolle Geschichte zwischen Deutschen und Polen. » lesen!

 

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Jens Mattern

 


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abgerufen 29.05.2016 - 17:14 Uhr

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